Das war einmal: Dampf aus den beiden Kühltürmen des Atomkraftwerks Philippsburg sah man letztmals vor zehn Jahren, als noch beide Reaktoren in Betrieb waren. Donnerstag oder Freitag werden die beiden 150 Meter hohen Kolosse gesprengt. | Foto: Archivfoto: Sandbiller

Sprengstoff in 2.200 Löchern

AKW Philippsburg: So sollen die Türme in sich zusammenfallen

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Nach wenigen Sekunden werden zwei Wahrzeichen der Region dem Erdboden gleich gemacht sein. Die Kühltürme Philippsburg werden gesprengt und nach etwa 40 Jahren aus dem gewohnten Bild der Landschaft verschwinden.

Update: Am Donnerstagmorgen kurz nach 6 Uhr sind die beiden Kühltürme in Philippsburg nach einen kurzen dumpfen Knall in sich zusammengefallen

Für die einen waren sie als Zeichen der Atomkraft schon immer ein Dorn im Auge, für die anderen ein Orientierungspunkt, der von vielen Orten aus zu sehen ist. Zehntausende Besucher waren für den Tag der Sprengung erwartet worden. In Zeiten der Corona-Krise werden die Türme aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit fallen. Wie genau und wann sie gesprengt werden, wurde bis ins Detail geplant. Ein Rückblick.

Die Kühltürme hätten noch zehn bis 15 Jahre lang stehen können. So lange benötigt der Energieversorger EnBW, um das Kernkraftwerk so zurückzubauen, dass es aus dem Atomgesetz entlassen werden kann. Doch die Fläche, auf der die Türme stehen, wird für einen Konverter gebraucht – für einen „wichtigen Knotenpunkt für den Stromtransport in die Region“, wie die EnBW schreibt.

Doch wie werden die Kühltürme beseitigt? Immerhin handelt es sich um jeweils 32.500 Tonnen schwere und 152 Meter hohe Kolosse. Ein maschineller Abbruch fand bei den Verantwortlichen wenig Anklang. Die Betonmasse wäre Stück für Stück von oben nach unten abgemeißelt worden. Die Dauer sprach dagegen, die Umweltbelastung wäre aus Sicht der Verantwortlichen auch höher gewesen. Also wird gesprengt.

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Fallrichtungssprengung, auch Kipp-Kollaps-Einsturz genannt – in dem 410 Seiten langen Gutachten des Umweltministeriums wurde jedes Detail geprüft. Das international angewandte Verfahren wurde laut EnBW über 50-mal bei Kühltürmen in Deutschland praktiziert. „Für Kühltürme dieser Größe ist es ein bewährtes und sehr sicheres Verfahren“, erklärte Projektverantwortlicher Thomas Müller. Mehrere Sprengexperten mit jahrelanger Erfahrung arbeiten an der Umsetzung.

Doch das Verfahren beginnt weit vor der Sprengung selbst. Zunächst wurden die Flugwarnsignale und Aufzüge der Kühltürme außer Betrieb genommen. Dann wurden die Kühltürme gezielt vorgeschwächt. In jeden Turm wurden drei Vertikal- und zwei Fallschlitze gebohrt. Drei solcher Schwächungsvarianten hatten die Projektverantwortlichen vorgeschlagen. Doch nur eine war aus Sicht der Gutachter sicher genug. Die Kühltürme sollten vorgeschwächt sein, aber nicht etwa durch extreme Windstärken schon vor dem Tag der Sprengung zu Fall kommen.

1.100 Löcher für Sprengstoff und Zünder

In jeden Turm wurden 1.100 Löcher für mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff und Zünder gebohrt. Es handelt sich um elektronische Zünder. Sie sollen, gesteuert durch einen Zündcomputer, sicherstellen, dass nach Sprengung des ersten Turms auch der zweite Turm unbeeinträchtigt gesprengt wird.

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Die wenigen Sekunden zwischen den Sprengungen sind automatisiert eingestellt. Zum Zeitpunkt der Sprengung müssen die Bedingungen passen. „Wir werden nicht auf Biegen und Brechen irgendeinen Termin umsetzen“, hatte EnBW-Geschäftsführer Jörg Michels betont.

Donnerstag oder Freitag wird gesprengt

Wird ein Höchstwert an Windstärke in Kombination mit einer bestimmten Windrichtung überschritten, darf nicht gesprengt werden. Auch kommt es auf den Pegel im Rhein an. Es soll vermieden werden, dass der Rheindamm zusätzlich zum Stauwasserdruck belastet wird. Doch die Projektverantwortlichen gehen davon aus, dass gesprengt werden kann – am Donnerstag oder am Freitag.

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Die Türme sollen durch die Sprengung leicht zur Seite, dann aber in sich zusammenfallen. „Es ist sichergestellt, dass die Türme so fallen“, sagte Michels. Teile der Stützen brechen durch die Sprengung weg. 2,6 Sekunden lang liegt die Masse eines Kühlturms auf dann zu schwachen Stützen. Dass in dieser kurzen Zeit eine nicht zu erwartende Windstärke aufkommt, ist laut Gutachten nicht zu erwarten.

Keiner der Einwohner in den umliegenden Gemeinden Philippsburg, Oberhausen-Rheinhausen oder Römerberg-Dudenhofen soll eine Erschütterung zu spüren bekommen. Die Erdbebensicherheit der Gebäude auf dem Werksgelände selbst hält demnach auch der Sprengung stand. „Eine Explosionsdruckwelle entsteht in der Form gar nicht“, erklärt Müller. Die Kraft der Sprengung soll komplett in den Beton gehen.

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Akustisch bedeutet das: Zunächst soll ein Signalhorn ertönen, gefolgt von zwei kurzen dumpfen Schallereignissen und einem Grollen. Nach wenigen Sekunden ist nichts mehr zu hören. Die Verantwortlichen vergleichen die Töne mit einem vorbeiziehenden Gewitter. Die große Staubwolke soll sofort mit Wassersprühnebel gebunden werden, könnte sich aber in einem Umkreis von einem Kilometer ausbreiten. Sie soll sich nach wenigen Minuten legen.

In den Monaten nach der Sprengung soll der Schutt in 500-Kubikmeter-Haufen beprobt werden. Das Material soll für die Aufschüttung des Geländes wiederverwendet werden. Somit bleiben die Kühltürme an Ort und Stelle – aber ein Wahrzeichen verschwindet.

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KKP-Baustart war vor 50 Jahren
Mit dem Sprengen der Kühltürme ist das Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) noch lange nicht Geschichte. Der aufwendige Rückbau der beiden Kraftwerksblöcke wird noch viele Jahre dauern. 41 Jahre wurde in Philippsburg Atomstrom produziert. Ein Rückblick:
1970: Baubeginn für Block I
1977: Baubeginn für Block II
1979: Start der Stromproduktion in Block I mit einer Nettoleistung von
890 Megawatt.
1984: Block II geht ans Netz – der Druckwasserreaktor hat eine Nettoleistung von 1.402 Megawatt.
2007: Inbetriebnahme des Standortzwischenlagers für Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen.
2011: Nach dem Moratorium zum
Atomausstieg der Bundesregierung wird Block I stillgelegt.
2019: Am letzten Tag des Jahres geht Block II vom Netz.
2020: Durch die Sprengung der Kühltürme wird Platz bereitet für den Bau eines großen Konverters der TransNet BW.
2024: Für dieses Jahr ist die Inbetriebnahme des Konverters vorgesehen.