Block 1 des Kernkraftwerks Philippsburg: Seit 2011 ist er abgeschaltet, seit 2017 laufen die Abrissarbeiten. In der Maschinenhalle wurden auch die Turbinen ausgebaut. | Foto: Ebert

Block 1

Wird Strahlung beim Rückbau des Atomkraftwerks in Philippsburg freigesetzt?

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In der Sache sind sie sich alle einig, Umweltministerium, Bürgerinitiativen, Atomkraftgegner und das Unternehmen Energie Baden-Württemberg Kernkraft GmbH (EnKK): Block 1 des Kernkraftwerks Philippsburg soll weg, zur grünen Wiese zurückgebaut werden. Die Tücken liegen aber im Detail.

Bei einem Erörterungstermin ging es am Mittwoch um eine zweite von der EnBW beantragte Abrissgenehmigung für Teile von Block 1. Der Rückbau des 2011 abgeschalteten Meilers ist zwar bereits seit 2017 in vollem Gange. Jetzt soll es aber ans „Eingemachte“ gehen, an das Abklingbecken oberhalb des Reaktordruckbehälters, an das biologische Schild, das den Reaktorkern umgibt,  weitere Betonteile und den Reaktorkern. Dach und Wände sollen vorerst nicht angetastet werden, betonte ein Manager der EnBW.

Biologisches Schild soll abgerissen werden

Das hat Zündstoff für Vertreter von BUND, mehrerer Anti-Atom-Initiativen und einige Bürger. Elf Einwendungen haben sie gegen das Vorhaben formuliert. Dabei geht es um zwei Kernpunkte: Zum einen wird befürchtet, dass kontaminierter Staub beim Zerlegen entsteht und nicht aufgefangen werden kann, zum anderen geht es um Messmethoden und Grenzwerte beim Zerlegen und sogenannten „Freimessen“ des Schrotts, der einmal ein Atomkraftwerk war. Befürchtungen werden vor allem beim sogenannten biologischen Schild gehegt, ein massiver Stahlbeton-Zylinder, der den Reaktorkern umgibt. Jahrelange radioaktive Einwirkung könnte Auswirkungen gehabt haben, der Beton könnte mit radioaktiven Partikeln kontaminiert sein. Werden diese beim Zersägen freigesetzt?

Sorge um Partikel und Staub

„Es sind ja ganz andere Filter notwendig, um Staub mit radioaktiven Partikeln abzufangen“, sagt Harry Block von der Anti-Atom-Initiative Karlsruhe. Im Leistungsbetrieb wurde das Reaktorgehäuse jeweils beim An- und Abfahren des Reaktors über einen Kamin gelüftet. Jetzt gehe es um Partikel-Emissionen, so Block – und die Filtertechnik sei seines Wissens sehr teuer. „Das wird geprüft“, verspricht der Vorsitzende des Erörterungstermins, Gerrit Niehaus, „auf den Firmennamen des Herstellers kommt es Ihnen ja nicht an.“

Gegenseitiger Respekt

Der Mann vom Landesumweltministerium, seit 2011 in der Atomaufsicht, hat als Moderator der Erörterungstermine keinen leichten Job. Aber er lenkt die Verhandlung geschickt und sorgt für einen respektvollen Umgang am Sitzungstisch des Philippsburger Rathauses.  Auch Diskussionen abseits der Tagesordnung lässt er immer mal wieder zu. So werden noch einmal Standpunkte vorgebracht, man hätte auch einen „sicheren Einschluss“ wählen können, das Kernkraftwerk 40, 50 Jahre stehen lassen. In der Zeit hätte sich ein Teil der Strahlenbelastung am Inventar von allein erledigt, so die Atomkraftgegner. Das wollte man aber einerseits in Philippsburg nicht, andererseits wären für die EnBW enorme Kosten aufgelaufen  – und seit 2017 ist das Verfahren per Gesetz in Deutschland gar keine Option mehr. Schnee von gestern.

„Learning by Doing“ beim Abbau?

Manfred Möller, Senior Manager der EnKK, erklärt zu Beginn: Etwa 15 Jahre veranschlage EnBW für den Rückbau, gerechnet vom Anfang der Abbrucharbeiten. Er sagt auch: „Der Abbau von kerntechnischen Anlagen ist heute international und national gängige Praxis.“ Dem widerspricht Block vehement. Gerade einmal drei Kernkraftwerke weltweit seien seines Wissens bislang zurückgebaut. Auch in Philippsburg praktiziere man lediglich „Learning by Doing“, formuliert Block.

Nicht alle Partikel können aufgespürt werden

Das Hauptaugenmerk von Block und Gertrud Patan, Vertreterin der Initiative Atom-Erbe-Obrigheim, liegt allerdings auf der Messtechnik, die sowohl beim Abbau und Zwischenlagern von Teilen angewendet wird, wie auch beim „Freimessen“ von Teilen für Deponien oder den Wertstoffkreislauf. Dabei wird nicht allen Radionukliden nachgespürt, wie beim Erörterungstermin zu erfahren ist, sondern nur einer Auswahl. Beispielsweise Isotope von Kobalt oder Europium und noch etliche mehr. Von diesen „Markern“ ausgehend wird errechnet, was alles an Partikeln an einzelnen Werkstücken noch anhaften kann. Im Fachjargon wird der errechnete Wert Nuklid-Vektor genannt. Liegt dieser Wert unter den Grenzwerten, kann das Teil zersägt, zerteilt und schließlich (nach einer weiteren Messung) raus. Aber manche Partikel sind hochgefährlich, beispielsweise Plutonium-Partikel – werden diese zuverlässig erfasst?

Prüfverfahren muss erläutert werden

„Es werden an entscheidenden Stellen Proben genommen“, erläutert Stephan Rahlfs, Leiter des Bereichs Nukleartechnik der EnBW. Nach welchen Partikeln genau und nach wie vielen gesucht wird, kann er aber auch nicht im Detail sagen, ebenso wenig wie Helmut Huger vom TÜV Süd, der die Anlagen überwacht.
Niehaus schlüpft da wieder in seine Rolle als Atomaufseher: „Wir als Genehmigungsbehörde müssen natürlich sicherstellen, dass der angewendete Nuklid-Vektor passt“, sagt er. Heißt: Die Unterlagen müssen im Detail auf den Tisch, bevor das Umweltministerium den Stempel auf die Abrissgenehmigung drückt.