Tränen der Freude und der Erschöpfung: DDR-Bürger bei ihrer Ankunft im Westen, am Bruchsaler Bahnhof | Foto: BNN

Legendäre Genscher Rede

Aus der Prager Botschaft direkt nach Bruchsal

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Die Helfer sind übermüdet. Bruchsaler stehen klatschend Spalier und stecken den Flüchtlingen Schokolade und Bananen zu. Die Neuankömmlinge beziehen ihre Feldbetten in der Landesfeuerwehrschule: Vor 30 Jahren herrschte in Bruchsal für wenige Wochen so etwas wie Ausnahmezustand.

Legendäre Genscher-Rede in Prag

Verantwortlich dafür ist unter anderem der damalige FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher. „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Der Rest ist Jubel. Genschers Worte, gesprochen am 1. Oktober auf dem Balkon der Prager Botschaft, sind legendär. Vier Tage später standen plötzlich 745 DDR-Bürger auf dem Vorplatz des Bruchsaler Bahnhofs. Erschöpft aber glücklich.

ÜBER DEN ZAUN der Prager BRD-Botschaft sind im September 1989 Hunderte DDR-Bürger geklettert. | Foto: dpa

Bernd Doll erinnert sich

Und glücklich ist Bernd Doll bis heute, wenn er an die aufregenden Stunden rund um den 5. Oktober 1989 denkt. Gerade vier Jahre als Oberbürgermeister Bruchsals im Amt stand Doll vor einer der größten Herausforderung seiner Karriere. „Über Nacht haben wir erfahren, dass wir Bundesaufnahmelager werden“, erinnert sich Doll im BNN-Gespräch. Dragonerkaserne, Landesfeuerwehrschule und Bereitschaftspolizei werden kurzerhand zum Flüchtlingslager.

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„Für uns war alles neu, wir haben einen Krisenstab im Rathaus gebildet“, so Doll. Und dann kam ihm ein Einfall, auf den der Alt-OB heute noch stolz ist: „Ich hatte gerade einen guten Kontakt zur Hubschrauberstaffel der Polizei. Ich kam auf die Idee, dass wir dem Flüchtlingszug aus Prag entgegen fliegen.“ Gesagt, getan. Was den entscheidenden Vorteil hatte, dass man schon vor der Ankunft wusste, wie viele Personen es sind und wie man sie in die drei Unterkünfte verteilen kann. Es werden 480 Erwachsene und 265 Kinder sein.

Es war wie ein Familientreffen

Bernd Doll, früherer Bruchsaler Bürgermeister 

„Der Vorplatz des Bruchsaler Bahnhofs gleicht einem Heerlager“ – so schreibt die Bruchsaler Rundschau am 6. Oktober unter der Überschrift: „Den herzlichen Empfang werde ich nie vergessen.“

„Es war wie ein Familientreffen“, erinnert sich Bernd Doll. Die Sonne strahlte mit den Bruchsalern um die Wette. Klatschende Menschen standen für die DDR-Flüchtlinge Spalier, „ein Geschäftsmann hat 10-Mark-Scheine verteilt“.

ERSCHÖPFT ABER GLÜCKLICH: Vier Tage nach Genschers legendärer Prager Balkonrede 1989 stehen 745 DDR-Bürger am Bruchsaler Bahnhof. Quasi über Nacht wurden drei Flüchtlingslager in der Stadt eingerichtet. | Foto: GES

Von einem Lkw richtete Doll seine Ansprache an die Neu-Brusler. „Liebe deutsche Landsleute“, erinnert sich Doll noch heute an seine Worte, die ihm frenetischen Jubel einbrachten. „Auf diesen Tag haben wir jahrelang gewartet“, berichtet ein junges Paar aus Leipzig der damaligen BNN-Reporterin.

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Hinter allen liegen kräftezehrende Wochen in der Prager Botschaft, beengt, in Unsicherheit und in Angst. „Die Angst, doch noch dort bleiben zu müssen, fiel erst nach der Grenze von uns ab“, erzählt eine junge Frau mit Tränen der Rührung. Schnell sind die Quartiere belegt. Es folgt ein kräftiges Abendessen, Hunderte Helfer packen an. Außerdem bekommt jeder 50 Mark Starthilfe. Bruchsal wird für Hunderte zur Startrampe in ein neues Leben. 30 Jahre später zieht Doll Bilanz: „Ich empfinde noch heute tiefe Genugtuung und Stolz.“

Müde aber erleichtert: So kamen Hunderte DDR-Bürger vor 30 Jahren in Bruchsal an. | Foto: pr

Mitmachen:  Die Tage und Wochen nach Genschers Auftritt in Prag 1989 haben auch in Bruchsal Spuren und Erinnerungen hinterlassen. Hunderte Helfer haben angepackt, die Stadtverwaltung war im Krisenmodus. Und hier begann für Hunderte DDR-Flüchtlinge ihr neues Leben im Westen. Wer ist noch hier? Wer erinnert sich noch an die Zeit? Wer hat eine Patenschaft für eine DDR-Familie übernommen oder hat sich als DDR-Bürger im Raum Bruchsal niedergelassen? Die BNN suchen Zeitzeugen, Berichte, Fotos und mehr. Melden Sie sich unter redaktion.bruchsal.aktionen@bnn.de