Tischtennis hinter Gefängnismauern. In der Bruchsaler JVA geht das. | Foto: Kochanek

Am Anfang war Sepp Herberger

Auswärtsspiel im Knast: Tischtennis-Team der JVA Bruchsal empfängt mit Kaffee und Kuchen

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Freiwillig in den Knast gehen? Was zunächst paradox klingt, ist für viele Tischtennis-Spieler aus dem Bezirk Bruchsal ein Höhepunkt der Saison. Die Teams aus der Kreisklasse C spielen zweimal pro Runde gegen die Gefangenen-Mannschaft der JVA Bruchsal. Die Spiele in der Justizvollzugsanstalt sind immer wieder ein Erlebnis. Die Gegner der Häftlinge haben den Vorteil: Sie dürfen nach der Partie wieder gehen.

Wenn sich das Eingangstor hinter einem schließt, ist es schon ein etwas komisches Gefühl. Ausweiskontrolle, die Sporttasche wird durchsucht, Handy und Schlüssel kommen für die Zeit des Aufenthalts in einen Spind.

Zweimal pro Saison machen die Teams der Kreisklasse C im Tischtennisbezirk Bruchsal diese besondere Auswärtsfahrt mit. Denn Teil ihrer Liga ist die Spielvereinigung Schwarz-Weiß Bruchsal, die Gefangenen-Mannschaft der dortigen Justizvollzugsanstalt, die wegen der Form ihrer Außenmauern auch liebevoll „Café Achteck“ genannt wird.

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Viele Türen, Kaffee und Kuchen

Die Partien dort sind in vielerlei Hinsicht etwas besonderes – und für alle, die zum ersten Mal dabei sind, ein besonderes Erlebnis. Da ist zum einen die Uhrzeit: Sonntag 10.30 Uhr ist Spielbeginn. Um die Gäste für das frühe Aufstehen zu entschädigen, gibt es Kaffee und auch hin und wieder mal einen Kuchen. Auch das eine Besonderheit.

Gastfreundschaft wird großgeschrieben in der JVA, auch wenn auf das gemeinsame Bier nach dem Spiel selbstredend verzichtet werden muss.

Um zum Spielort zu gelangen, müssen die Gäste durch zahlreiche Türen, die vom Aufseher ordnungsgemäß nach dem Durchschreiten wieder verriegelt werden. Über eine auf dem Boden aufgemalte Laufbahn kommt man schließlich in die Halle.

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Immerhin, hier ist alles wie gewohnt: Die Platten, die Bälle – alles wie in Bretten, Oberacker und Wiesental auch. Nicht einmal Gitterstäbe vor den Fenstern. Wer zwischen seinen Spielen durch die Hintertür zum Rauchen nach draußen geht (ja, das ist erlaubt), steht im Innenhof.

Eine Besonderheit ist die Laufbahn auf dem Weg zur Halle. | Foto: Winter

An diesem Sonntagmorgen im März, kurz bevor der Spielbetrieb wegen Corona eingestellt wurde, ist die dritte Mannschaft des TTC Kronau zu Gast bei der Spvgg Schwarz-Weiß. Für Thomas Kehrer ist es nicht das erste Mal, dass er in der JVA spielt, „aber es ist immer noch was Besonderes“, findet der Kronauer.

Auch in der Hinrunde war er mit seinem Team schon hier. „Im ersten Moment ist es schon ein etwas bedrückendes Gefühl, hier rein zu kommen“, sagt er. Die Erfahrungen seien aber in all den Jahren durchweg positiv gewesen. „Wir haben aber natürlich den Vorteil, nach dem Duschen wieder nach Hause gehen zu dürfen“, stellt Kehrer etwas scherzhaft fest.

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Was hat Sepp Herberger mit alldem zu schaffen?

Es liegt aber doch eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Aussage, denn auch das führen ihm die Spiele im Gefängnis immer wieder deutlich vor Augen: „Es wird einem bewusst, wie wertvoll die Freiheit ist.“

Andreas Becker kennt die Tischtennis- Mannschaft von Schwarz-Weiß Bruchsal wie kein anderer. Der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt ist seit 2010 Vorsitzender der Spielvereinigung und kümmert sich seitdem darum, dass im Spielbetrieb alles läuft.

Während das Spiel gegen Kronau läuft, erzählt er in seinem Arbeitszimmer von der wechselhaften Vereinsgeschichte. „Die Gründung geht auf einen Besuch von Sepp Herberger zurück“, berichtet Becker. Für diesen hatte seinerzeit der Dekan der JVA, Walter Schmitt, ein Weggefährte des Weltmeister-Trainers von 1954, gesorgt.

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Dessen 1977 gegründete Stiftung macht sich bis heute für die Resozialisierung von Strafgefangenen stark. „Sport ist dabei eine sehr wichtige Säule“, sagt Becker. Das war auch der Gedanke von Schmitt und seinen 13 Mitstreitern – insgesamt waren es sechs Bedienstete und acht Gefangene – als sie 1989 den Verein gründeten und dem Badischen Sportbund beitraten.

Sportliche Erfolge und stabile Mitgliederzahlen

Einem eigenen Team im Spielbetrieb des Tischtennisbezirks Bruchsal stand damit nichts mehr im Wege. Es war ein ständiges Auf und Ab, bis Becker 2010 den Leitung übernahm. „Zwischenzeitlich gab es sogar einmal zwei Mannschaften, es gab Aufstiege bis in die Kreisliga B. Als ich Vorsitzender wurde, waren es aber nur noch fünf Mitglieder“, erzählt Becker und lacht: „Es kam einfach kein gescheiter Nachwuchs nach.“

Also reformierte er den Verein, der naturgemäß ohne große Einnahmen auskommen muss. Die Mitglieder zahlen zwar geringe Mitgliedsbeiträge, so dass sie im Spielbetrieb auch versichert sind. Diese bekommen sie aber wieder zurück, wenn über die Saison nichts vorfällt.

Mitglieder haben schon den ein oder anderen Vorteil, etwa wenn es um den Kauf von neuen Turnschuhen oder Sportkleidung geht

Andreas Becker, Vollzugsbeamter und Teamchef

Es gibt ein jährliches Gefangenensportfest, das auch für Besucher geöffnet ist. In diesem Jahr wird dabei der renovierte Kunstrasenplatz im Innenhof eingeweiht. Auch hier beteiligt sich die Sepp-Herberger-Stiftung des DFB finanziell an der Erneuerung des in die Jahre gekommenen Platzes.

Auch Belohnungen spielen in der neuen Vereinsstruktur eine Rolle. „Mitglieder haben schon den ein oder anderen Vorteil, etwa wenn es um den Kauf von neuen Turnschuhen oder Sportkleidung geht“, sagt Becker.

Das Tischtennis-Team ist zwar das einzige im Spielbetrieb, doch auch andere Sportarten werden den Häftlingen angeboten. So hat sich die Mitgliederzahl wieder auf einem deutlich höheren Niveau eingependelt und stabilisiert.

Unterschiede zu „normalen“ Vereinen gibt es dennoch zuhauf. „Es ist natürlich ein Kommen und Gehen bei uns“, berichtet der Schwarz-Weiß-Vorsitzende. Das gilt auch für die Tischtennis-Mannschaft, die sich daher Jahr für Jahr aus anderen Spielern zusammensetzt. „In diesem Fall sind uns sogar diejenigen lieber, die länger da sind“, sagt Becker und lacht.

Er nimmt vieles mit Humor, auch wenn für seine Spieler alles ein bisschen ernster ist. „Beim Sport haben sie aber auch mal die Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen“, findet Becker. Ehrgeizig seien die Jungs allemal. In der Kreisklasse C spielte das Team vor der Corona-Pause um die Meisterschaft mit, auch wenn die Partie gegen den TTC Kronau III nur 5:5 endete.

Wer Mist baut, spielt nicht  mehr

Fest steht bereits, dass sich die Spielvereinigung für die kommende Saison eine Klasse höher meldet. In der Kreisklasse B geht die Mannschaft dann mit sechs, statt wie bisher mit vier Spielern, an den Start. Interessenten gibt es genug, die Hausmannschaft trainiert dreimal pro Woche zusammen.

Auch die tägliche Freizeit nutzen viele, um gemeinsam zu spielen. „Wichtig ist uns aber, dass Neue auch in die Mannschaft passen“, sagt Becker. Das heißt: Wer sich im Gefängnis-Alltag nicht benimmt, hat im Team nichts verloren. Ausfälle darf sich sowieso niemand erlauben. „Wenn es einen Vorfall gibt, macht der Anstaltsleiter dicht“, so der Vorsitzende. Das sei allen bewusst.

Auf die neue Saison eine Klasse höher und vor allem auch auf die neuen Gegner freue sich das Team bereits. So werden auch wieder einige Spieler die Möglichkeit bekommen, zum ersten Mal im Leben die JVA an einem Sonntagmorgen von innen zu sehen.

Sie dürfen sich dann auch auf die Suche danach machen, was dran ist, an den ganzen Anekdoten und Legenden, die sich um die Gefängnismannschaft ranken. So wurde der Erzählung nach von den erfahrenen Spielern bei der Anfahrt im Auto gerne den Frischlingen die Vorfreude mit dem Hinweis auf das gemeinsame Duschen nach der Partie verdorben.

Oder man erzählte denselben in der Pause zwischen zwei Sätzen, weshalb der Gegner im Gefängnis sitzt. Ausgeschmückt mit allem, was die Fantasie so hergab. Einmal soll es sogar einen Schwarz-Weiß-Spieler gegeben haben, der seinen Kontrahenten stets mit dem Satz „Wer gewinnt, bleibt drin“ viel Erfolg für das Duell gewünscht haben soll. Was wirklich davon wahr ist, liegt hinter den Mauern der JVA Bruchsal verborgen.