In der Textilwerkstatt der Lebenshilfe freuen sich Manuela Dresel, Katanja Schmidt und Uwe Hillenmaier (von links) über den Erfolg der Taschenproduktion. | Foto: Heintzen

Lebenshilfe recycelt Banner

Textilwerkstatt Bruchsal macht europaweit Furore

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Nähmaschinen rattern, Borten werden versäubert und Fäden gekappt – etwa 50 Taschen aus bunt bedruckten Werbebannern wandern täglich in die Kartons: Vor fünf Jahren stand die Textilwerkstatt der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen Bruchsal-Bretten noch vor dem Aus. „Es gab einfach keine Nachfrage mehr“, beschreibt Abteilungsleiter Uwe Hillenmaier die Folgen der Konkurrenz aus Südostasien. Mittlerweile werden im Schnitt 1.000 bis 1.200 Bannertaschen pro Monat hergestellt und die Nachfrage ist größer als man bedienen kann.

Früher landeten Werbebanner im Müll

Über private Kontakte stieß 2012 der Grafik- und Webdesigner Christian Tschürtz aus Mannheim auf die Textilwerkstatt, in der heute bis zu 30 Menschen mit Behinderungen je nach Fähigkeiten und Tagesverfassung arbeiten. Seine Idee: Meterlange Banner aus PVC landen nach einer kurzen Werbeaktion oft im Müll. Als Werbegeschenk für Kunden und Mitarbeiter oder als Verkaufsartikel recycelt, können Firmen, Behörden und Einrichtungen die Werbebanner zu hippen Taschen verarbeiten lassen. Und das ganze noch mit einem sozialen Aspekt.

„Tasche 1“ ging 2013 in Serie

„Wir haben ein Jahr Vorlauf gebraucht“, erinnert sich Tschürtz an die Anfangsjahre. Im Sommer 2013 ist Prototyp „Tasche 1“ aus einem ein Quadratmeter großen Stück Plane in Serie gegangen und hat damit eine Marktlücke geschlossen. Laut Tschürtz gibt es in Deutschland nur noch zwei andere Betriebe, die im großen Stil Taschen aus Werbebannern recyceln. Mittlerweile gibt es bis zu 15 unterschiedliche Taschen in verschiedenen Größen – von der Umhängetasche bis zur Dokumentenmappe und Einkaufstasche, daneben Kochschürzen und Smartphone-Hüllen. Unter dem Label „Comebags“ wird die Dienstleistung zwischenzeitlich europaweit vermarktet. Über 400 Kunden lassen sich von der Mannheimer Werbeagentur nicht nur die Banner entwerfen. Anschließend werden die Planen recycelt und durch Mitarbeiter der Lebenshilfe zu Taschen verarbeitet.

Taschen aus Werbebannern werden europaweit für über 400 Kunden genäht – hier die Staatlichen Schlösser und Gärten. | Foto: pr

Die Kundenbandbreite reiche vom Bundesministerium für Bildung über diverse Sparkassen und Baumärkte bis zum Autoverleiher Sixt oder SEW. Auch die Deutsche Botschaft in Paris habe schon Banner zu Taschen mit dem Lebenshilfe-Label verarbeiten lassen. Die Deutsche Bahn habe gleich 1.600 Taschen geordert.

„Wir kämpfen manchmal mit den Maßen und dem Gewicht der Banner“, erzählt Abteilungsleiter Hillenmaier in der Textilwerkstatt, wo zu dem Zeitpunkt vier Mitarbeiterinnen an den Nähmaschinen sitzen. Gestanzt werden die Banner am Lebenshilfe-Standort in Graben-Neudorf. Zugeschnitten und vernäht werden die Planenstücke in der Textilwerkstatt am Bruchsaler Standort Fuchsloch.

Mitarbeiter mit Handicap arbeiten im eigenen Tempo

„Die Mitarbeiter – bis auf einen Mann alles Frauen – können jeder in ihrem Tempo arbeiten“, beschreibt Gruppenleiterin Manuela Dresel das Konzept der Lebenshilfe. Anders sei die Arbeit in der Textilwerkstatt auch nicht zu bewältigen. Zunächst werden die Mitarbeiter an einfachen Nähten geschult, dann versuche man die Kompetenzen zu steigern. An den Nähmaschinen macht jeder Mitarbeiter immer nur einen Schritt, weitere Aufgaben wären meist zu komplex, erklärt Uwe Hillenmaier.

Für Kunden steht sozialer Aspekt im Vordergrund

Dass in den Werkstätten der Lebenshilfe in den Bereichen Gartenbau, Metallverarbeitung, Schreinerei und Textil nicht nach den Maßstäben der industriellen Produktion gearbeitet wird, wissen auch die abnehmenden Firmen: Heute bestellt und morgen geliefert geht mit Mitarbeitern, die über unterschiedlichste Handicaps verfügen, einfach nicht. Neben dem Recycling-Aspekt steht für die Kunden deshalb auch der soziale Aspekt im Vordergrund. „Manche Kunden wollen das Label der Lebenshilfe sogar etwas größer eingenäht haben“, erzählt Christian Tschürtz.

Textilwerkstatt mehr als ausgelastet

Über die große Nachfrage freut sich auch Abteilungsleiter Hillenmaier: „Wir sind mehr als ausgelastet.“ Während in der Textilwerkstatt auch Kissen und Bettdecken für Billerbeck genäht werden, überlegt man bei der Lebenshilfe schon, den Bereich für die Produktion der Bannertaschen auszuweiten.

Interessenten, die einen Werbebanner haben und zu Taschen verarbeiten lassen wollen, erhalten im Internet unter www.comebags.de nähere Informationen. Für Privatleute hat die Lebenshilfe Bruchsal-Bretten am Bruchsaler Standort im Fuchsloch 5 immer ein paar Taschen aus Restbeständen vorrätig. Sie können montags bis freitags in der Zeit von 8.15 bis 15.30 Uhr vorbei kommen.