Genau ein Zuschauer hatte sich im großen Saal eingefunden, um die Live-Übertragung der Gemeinderatssitzung mitzuverfolgen.
Genau ein Zuschauer hatte sich im großen Saal eingefunden, um die Live-Übertragung der Gemeinderatssitzung mitzuverfolgen. | Foto: Stadt Bruchsal

Sitzung im Krisenmodus

Bruchsal stellt sich wegen Corona auf Millionen-Defizit ein

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Köpfe zusammenstecken ist strengstens verboten. Diese Bruchsaler Gemeinderatssitzung ist mit einem Wort am besten beschrieben: bizarr. In Zeiten von Corona hat sich eben vieles geändert, auch im Rathaus.

Ein einzelner Besucher verliert sich im großen Rechbergsaal vor der Videoleinwand. Nebenan müssen sich die Stadträte zurückhalten: Händeschütteln verboten, Bruchsals Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick wacht mit Argusaugen über den korrekten Sitzabstand. Die Tagesordnung ist auf das notwendigste zusammengeschrumpft. Das Signal aber ist klar: „Wir arbeiten trotzdem weiter, wir sind handlungsfähig.“

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Steuern brechen weg

Noch möchte man sagen, denn ganz zum Schluss unter dem Punkt Informationen hat Stadtkämmerer Steffen Golka wohl die wichtigsten Nachrichten des Abends. „Ich rechne mit einer mindestens zweistelligen Millionen-Reduzierung der Gewerbesteuer in diesem Jahr.“ 54,2 Millionen Euro waren veranschlagt. Doch die ersten Anträge auf Stundung sind bereits in der Verwaltung angekommen, führt Golka aus.

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Immerhin: „Das sind noch nicht die großen Zahler.“ Auch die Vergnügungssteuer, 100.000 Euro monatlich, bricht erstmal weg. Klar ist schon jetzt, einige große Investitionen der kommenden Jahren werden auf den Prüfstand kommen. Das bestätigt auch Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick.

ABSTAND HALTEN lautete das Gebot der Stunde: Die Bruchsaler Stadträte hielten sich weitgehend daran. | Foto: Staron

Alles doppelt abgesichert

„Wir sind im Krisenmodus“, beschreibt sie die Arbeit in der Verwaltung. Krisensitzungen folgen auf Videokonferenzen. „Alle strategischen Bereiche sind redundant, sprich doppelt aufgestellt“, erklärt sie die Lage im BNN-Interview. So wird gewährleistet, dass Stadtwerke, Abwasserbetrieb aber auch Bausachen nach wie vor am Laufen gehalten werden.

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Bürgermeister Andreas Glaser sitzt dem Verwaltungsstab vor, einem Krisenteam, das täglich tagt und sich abstimmt. Gleichzeitig versucht die Verwaltung, zumindest auf einem niedrigen Level, ihre Arbeit aufrechtzuerhalten. Bürgerbüro, Wohnstelle, Bauanträge – das läuft alles weiter. „Wir wollen alles aufrechterhalten und auch die Geschäfte ermuntern, mitzuziehen“, erklärt die OB.

Akteure sind gut vernetzt

„Ich habe die Zuversicht, dass wir mit den Strukturen bestmöglich hinkommen.“ Wichtige Akteure in der Stadt seien gut vernetzt. „Man kennt sich, man kann auf kurzen Wegen kommunizieren, Unternehmen, Vereine, Kirchen – man hält zusammen“, ist sich Petzold-Schick sicher.

„Auch ich musste in dieser Ausnahmesituation erst meine Rolle finden“, gibt sie Einblick in ihre Gefühlswelt. Viel Zeit nehmen Abstimmungen mit Bund, Land, Landkreis oder Städtetag ein. Auch die Verwaltung habe erst lernen müssen, ins Homeoffice zu ziehen. Eilig wurden Laptops angeschafft. „Ich habe die Hoffnung, dass wir mit unseren Strukturen bestmöglich hinkommen“, versprüht die OB zumindest leichten Optimismus.

Martina Füg vereidigt

Für Martina Füg war es wohl auch eine denkwürdige Sitzung. Mit meterweitem Abstand zur OB wurde sie vereidigt, ganz ohne den üblichen Handschlag. Füg ersetzt den langjährigen SPD-Stadtrat Karl Mangei, der aus persönlichen Gründen seinen Rückzug bekannt gegeben hatte (Die Rundschau berichtete.). Der erste Nachrücker, Jürgen Schmitt, verzichtete auf den Sitz. Die Verabschiedung Mangeis werde nachgeholt, versicherten alle Beteiligten.

Situation am Krankenhaus

Einen Einblick in die Situation am Bruchsaler Krankenhaus gab Stadtrat Jürgen Wacker. Der ärztliche Direktor der Frauenklinik berichtete von 50 bis 60 Personen täglich, die ins neu eingerichtete Abstrich-Zentrum kommen.

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Von 50 getesteten Personen seien sechs positiv, so der Durchschnitt. Noch sei die Lage ruhig, „wir schaufeln jetzt Intensivbetten frei.“ Anders als Pforzheim oder Karlsruhe habe Bruchsal bisher keinen Intensivpatienten aus Frankreich aufgenommen.

Es wird weiter gebaut

Ohne große Diskussionen hat der Gemeinderat einige Bausachen auf den Weg gebracht. So ging es zum Beispiel um Vergaben für die Gleisquerung, um den Abbruch des alten Hauses in der Heidelsheimer Markgrafenstraße oder um die Benennung einer neuen Straße im Büchenauer Neubaugebiet, die „Im Grausenbutz“ heißen wird.