Von Hamsterkäufen wie hier in Italien rät der Bruchsaler Katastrophenschutz-Experte Andreas Kling ab. | Foto: dpa

Was ist jetzt zu tun?

Bruchsaler Experte zum Coronavirus: „Ein paar Spaghetti und Dosentomaten mehr schaden nicht“

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Das Coronavirus scheint unaufhaltsam näher zu kommen. Nach den ersten Fällen in Baden-Württemberg fragen sich viele, wie sie sich schützen können und ob seitens der Behörden genug getan wird. Andreas Kling ist Experte auf dem Gebiet Katastrophen- und Bevölkerungsschutz. Der gebürtige Bruchsaler kann die Lage aus professioneller Warte einschätzen und weiß, was jetzt zu tun ist und ob Hamsterkäufe angebracht sind. Christina Zäpfel hat mit ihm gesprochen.

Baden-Württemberg verzeichnet seine ersten Corona-Fälle. Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass es auch bei uns in Bruchsal, Waghäusel oder Philippsburg bald die ersten Erkrankten gibt?

Andreas Kling stammt aus Bruchsal, lebt heute in Weingarten und ist Experte für Bevölkerungsschutz. | Foto: pr

Kling: Das ist natürlich im Bereich des Möglichen. Für jeden einzelnen ist das Risiko derzeit aber noch sehr gering. Man muss trotzdem berücksichtigen: Kinder, Kranke oder ältere Menschen haben ein höheres Risiko, zu erkranken. Zugleich muss man aber auch sagen: In vielen Fällen läuft die Erkrankung relativ harmlos ab, ähnlich wie bei der normalen Grippe, der Influenza. Für die gibt es aber, im Unterschied zu Corona, eine Impfung.

Wie bereiten sich die Behörden auf einen Ausbruch etwa im Landkreis Karlsruhe vor?

Kling: Zuständig sind zunächst zwei Behörden, das Gesundheitsamt und die Katastrophenschutzbehörde – beide im Landratsamt angesiedelt. Bei einer Pandemie ist es schwierig, vorab etwas zu tun. Natürlich gibt es langfristige Pläne, wie etwa nach Sars 2003, die abgearbeitet werden müssen.

Wenn hier noch zu wenig unternommen wurde, etwa Übungen gemacht oder Anschaffungen getätigt wurden, dann kann man jetzt kurzfristig auch nicht mehr viel ausrichten. Atemschutzmasken oder medizinisches Verbrauchsmaterial, das man vielleicht anschaffen könnte, lässt sich gerade jetzt ja nur noch schwer beschaffen. Ansonsten gilt: Man muss jetzt abwarten und dann reagieren.

Italien greift hart durch, sagt Fußballspiele ab, den Karneval, die Menschen tätigen Hamsterkäufe, ganze Regionen sind abgeriegelt. Halten Sie solche Szenarien auch bei uns für denkbar?

Kling: Ja, durchaus. Es genügt ein Blick ins Infektionsschutzgesetz. Die Einschränkung der Reisefreiheit oder der Ausübung des Berufes wären legal und möglich. Hier kann der Staat tatsächlich Grundrechte jedes einzelnen einschränken. Aber die Ansätze gehen hier auch auseinander: Es gibt den harten Ansatz, wie ihn China und jetzt auch Italien praktizieren, ganze Regionen komplett abzuriegeln.

In Deutschland verfolgt man bislang zumindest eher eine weichere Vorgehensweise, einzelne Personen zu identifizieren, zu isolieren und alle ihre Kontaktpersonen. So empfiehlt es auch das Robert-Koch-Institut.

Das kann aber schnell zu einer echten Sisyphos-Arbeit ausarten…

Kling: Das stimmt, und wir haben darin auch wenig Übung und wenig Erfahrung. Es gab zum Glück wenig Anlässe in den vergangenen Jahren.

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Was sollte jeder einzelne tun? Was empfehlen Sie als Experte den Bürgern?

Kling: Unabdingbar ist es, die Hust- und Nieshygiene zu beachten. In die Armbeuge niesen, Taschentücher nur einmal benutzen, Abstand zu kranken Menschen halten. Und ganz wichtig: Händewaschen hat noch nie geschadet. Das ist das Wirksamste.

Solle man jetzt auch schon große Menschenansammlung vermeiden?

Kling: So weit würde ich als gesunder Mensch jetzt noch nicht gehen. Was ich aber generell empfehle: Lebensmittel und insbesondere Medikamente für einige Tage zu bevorraten. Gerade bei Medikamenten, bei denen es derzeit ohnehin Lieferengpässe gibt, empfiehlt sich das.

Sie müssen nicht zum Prepper werden, der regelrecht Lebensmittel hortet. Aber beim nächsten Einkauf einfach ein paar Spaghetti und Dosentomaten mehr zu kaufen, schadet sicher nicht. Das ist auch für andere Szenarien hilfreich, etwa bei einem längeren Stromausfall.

Viele Menschen sind hin- und hergerissen zwischen Panik und Gelassenheit. Wir haben ja schon ein paar ähnliche Szenarien – Sars, Ebola, Schweinegrippe – scheinbar gut überstanden. Was ist eine angemessene Reaktion auf diese „Bedrohung“?

Kling: Auf einer Skala von eins (völlige Gelassenheit) bis zehn (völlige Panik) rate ich zu zwei bis drei. Wir sollten das Thema nicht ganz vernachlässigen. Die Welt ist heute noch globalisierter als etwa bei Sars. Ich rate nicht zu völliger Sorglosigkeit, aber es besteht auch kein Grund zur Panik. Risikogruppen, Kranken oder älteren Menschen, würde ich raten, in Absprache mit ihrem Arzt Maßnahmen zu ergreifen und vielleicht auch jetzt schon größere Versammlungen eher zu meiden.

Wo kann man sich seriös über die genauen Hintergründe von Corona informieren?

Kling: Ich empfehle hier das Robert-Koch-Institut: www.rki.de

Zur Person: Der gebürtige Bruchsaler Andreas Kling, Jahrgang 1967, ist Betriebswirt und Dozent für Bevölkerungsschutz. Er lebt mit seiner Familie in Weingarten. Nach Einsätzen während des Bürgerkriegs in Bosnien als Logistiker in der Katastrophenhilfe und als Wahlbeobachter für das Auswärtige Amt, absolvierte er den Aufbaustudiengang Katastrophen-Management in Bochum und Oxford. Danach war in Krisen- und Katastrophengebieten tätig. Seit 2010 ist er Berater mit den Schwerpunkten kritische Infrastrukturen, Sicherheit und Logistik. Zusammen mit Experten der Feuerwehr, aus dem Bevölkerungsschutz, und der Forschung hat Andreas Kling das Buch „Sicher trotz Katastrophe. Ein praktischer Ratgeber für die persönliche Notfallvorsorge“ herausgegeben.