Der Chef im veränderten Service-Zentrum: Mathias Brecht (links) leitet seit einem halben Jahr das Finanzamt Bruchsal. Maria Wagner sitzt dort an einem der vier Schalter, die Kunden derzeit nur nach Anmeldung aufsuchen können. Jürgen Leuser ist als Leiter der Geschäftsstelle für die Organisation im Amt mit rund 360 Beschäftigen verantwortlich.
Der Chef im veränderten Service-Zentrum: Mathias Brecht (links) leitet seit einem halben Jahr das Finanzamt Bruchsal. Maria Wagner sitzt dort an einem der vier Schalter, die Kunden derzeit nur nach Anmeldung aufsuchen können. Jürgen Leuser ist als Leiter der Geschäftsstelle für die Organisation im Amt mit rund 360 Beschäftigen verantwortlich. | Foto: Heintzen

Für betroffene Firmen

Bruchsaler Finanzamt verspricht wegen Corona großzügige Stundungen

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Großzügigen vorläufigen Verzicht auf ausstehende Zahlungen an das Finanzamt verspricht der Chef des Bruchsaler Finanzamts, Mathias Brecht. Sofern die Corona-Krise Freiberuflern oder Firmen zugesetzt hat. Bis Ende des Jahres werden bei solchen Stundungen auch keine Zinsen verlangt.

Manchmal gibt es für Bürger sogar gute Nachrichten vom Finanzamt. Manchmal kommt ein Brief, der Geld zurück ankündigt. Wer zuviel Steuern gezahlt hat, bekommt wieder etwas heraus. Wer durch die schon angegebene Steuererklärung 2019 mit einer Rückzahlung rechnet, müsse nicht befürchten, dass die coronabedingt länger auf sich warten lässt.

Das versichert Mathias Brecht, der Chef des Bruchsaler Finanzamts. „Wir sind bei der Bearbeitung der Erklärungen von 2019 bislang sogar zwei Tage schneller als im Vorjahr und schneller als andere Ämter im Land“ freut sich der Vorsteher, so der offizielle Titel. Hexerei steckt nicht dahinter, sondern verbesserte Arbeitsbedingungen in Bruchsal.

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Bruchsaler Finanzamt nimmt an Zukunfts-Projekt teil

„Wir nehmen als eines von fünf Pilotämtern in Baden-Württemberg am Projekt ’Finanzamt der Zukunft’ teil und haben eine sehr gute Ausstattung mit Laptops. So konnten 32 Prozent unserer Mitarbeiter in Zeiten des Stillstands Telearbeit machen und hatten mehr Flexibilität, bis hin zur Arbeitszeit in den Abenden“.

Am 19. Dezember 2019 hat der 55-jährige Brecht die Amtsleitung von Dietlind Knipper übernommen, die in den Ruhestand ging. Ihr Nachfolger führte zuvor das kleinere Finanzamt Weinheim und ist nun für 308 Beschäftigte und 53 Auszubildende in vier Gebäuden des Schlossareals zuständig. Brecht stammt aus Mannheim. In ersten Berufen war er Polizist beim Bundesgrenzschutz und in der Verwaltung des Bundeskriminalamts, bevor der Jiu Jitsu-Kampfsportler nach dem Jura-Studium seine Karriere in der Finanzverwaltung begann.

Nur mit Termin ins Servicezentrum

Für 245.000 Einwohner im Raum Bruchsal/Bretten sind Brechts Mitarbeiter zuständig. Seit 15. Juni ist das Service-Zentrum an der Schönbornstraße mit vier Schaltern wieder geöffnet. „Allerdings nur nach Voranmeldung mit festem Termin und mit Einhaltung der Hygieneregeln wie der Maskenpflicht“, sagt Jürgen Leuser.

Er ist als Leiter der Geschäftsstelle für alles organisatorische zuständig. In der Regel 15 Minuten, bei Bedarf auch 30, sind für Kunden zwischen 8 und 15.30 Uhr hinter der barocken Treppe vorgesehen. Vordrucke für Steuererklärungen können am Durchgang zum Innenhof abgeholt werden.

Stundungen sind bis Ende 2020 von Zinsen befreit

Für die Steuer 2021 sollten Bürger übrigens daran denken, dass sie angeschaffte Arbeitsmittel für das Homeoffice absetzen können. Also etwa einen Laptop, der noch keine drei Jahre alt ist. Die aktuelle Situation führt außerdem zur Pflichtveranlagung, sofern Kurzarbeitergeld bezogen wurde. Wer bisher keine Steuererklärung abgeben musste, ist dann dazu verpflichtet.

In den Amtsstuben sind die Mitarbeiter des Finanzamts mit umfangreichen neuen Aufgaben als Folge der Pandemie und den Nöten vieler Branchen beschäftigt. „Gerade mit coronabedingten Stundungen haben wir uns Großzügigkeit auferlegt, so ist es auch in der Bruchsaler Task Force für den Mittelstand besprochen, um den Unternehmen Liquidität zu sichern“, betont Mathias Brecht.

Alle Stundungen sind bis Ende 2020 von den üblichen sechs Prozent jährlichen Zinsen befreit. Stark verändert hat sich in diesem Jahr die Arbeit der 60 Betriebsprüfer, da sie nicht mehr in die Firmen gehen konnten.

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33 Prozent Steuerrückgang im April

Und Bruchsal ist eine Hauptstelle für Betriebsprüfungen, von dort aus wird dieser Zweig für das Gebiet des Finanzamts Durlach mit bearbeitet. Möglich war die Prüfung im Homeoffice. Derzeit werde von der Oberfinanzdirektion überlegt, ob Videokonferenzen mit Buchhaltung, Steuerberatern und Prüfern eingesetzt werden können.

Was wird das Jahr 2020 noch für das Finanzamt bringen? Genauer müsste man fragen, was es nicht mehr bringt. Das sind hohe Steuereinnahmen. „Wir hatten im April 2020 einen Rückgang bei allen Steuern zusammen um 33 Prozent“, berichtet Brecht.

Er rechnet damit, dass am Jahresende 20 bis 25 Prozent weniger in Bruchsal für den Staat eingenommen wird. Das wären dann etwa so viel wie 2010, in einem Jahr mit deutlichen Folgen der Finanzkrise. Damals flossen aus Bruchsal 800 Millionen Euro Steuern, 2019 waren es 1,2 Milliarden Euro.

Fragebogen Mathias Brecht, Vorsteher des Finanzamts Bruchsal

Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Erik Larson, Tiergarten – In the Garden of Beasts; Ein amerikanischer Botschafter in Nazi-Deutschland.

Welche Kunst oder Kunstrichtung finden Sie faszinierend?

Wir waren in Spanien sehr angetan vom Miró-Museum. Surrealismus und abstrakte Kunst interessieren mich besonders.

Welche Musik hören sie gern oder wenn Sie im Auto sitzen?

Ich bin ein Heavy Metall-Fan

Von welcher Reise sprechen Sie heute noch oft?

Von der nach Spanien vor drei Jahren. Drei Wochen durch das ganze Land.

Welches Traumziel haben Sie noch?

Japan

Was stört Sie im Alltag?

Unhöflichkeit und Ignoranz von Regeln

Was würden Sie in unserer Region gern geändert sehen?

Einen ganz toll ausgebauten öffentlichen Nahverkehr wie in Wien.

Mögen Sie lieber Meer oder Berge?

Ich wandere gern in den Bergen, mag aber auch das Meer. Also beides.

Mögen Sie lieber Hund oder Katze?

Hund. Bei uns gehört ein Labrador dazu.

Nutzen Sie eine besondere App?

Die der „Neuen Zürcher Zeitung“. Als Ergänzung zu den deutschen Zeitungen.