Bis Menschen das erste Mal zur Tafel kommen, braucht es viel Überwindung, weiß Ulrich Ellinghaus.
Bis Menschen das erste Mal zur Tafel kommen, braucht es viel Überwindung, weiß Ulrich Ellinghaus. | Foto: Heintzen

Ulrich Ellinghaus im Interview

Bruchsaler Tafel-Chef: „Die Zahl der älteren Kunden nimmt zu“

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Ulrich Ellinghaus leitet die Bruchsaler Tafel, die Läden in Philippsburg, Graben-Neudorf, Bad Schönborn, Stutensee-Blankenloch und Waghäusel-Kirrlach betreibt.

Der Dachverband der Tafel in Deutschland schlägt Alarm, weil zehn Prozent mehr Menschen und dabei vor allem Senioren die Tafeln nutzen. Wie sieht es vor Ort aus?

Ulrich Ellinghaus: Die Zahl der älteren Kunden und damit die Altersarmut nimmt zu. Wir sehen das bei den Anträgen, wo die Menschen auch ihre Rentenbeiträge vorlegen müssen. Im Schnitt bekommen sie zwischen 500 bis 700 Euro im Monat. Daneben bekommen sie noch Sozialleistungen, aber für den täglichen Bedarf reicht es nicht. Besonders betroffen sind dabei Frauen und viele Russlanddeutsche, deren Arbeitszeiten nicht angerechnet werden. Unser ältester Kunde ist 93 Jahre, das ist schon traurig, wenn man in dem Alter noch für Lebensmittel anstehen muss. Die Zahl der Kunden, die Hartz IV bekommen, alleinerziehend sind oder im Niedriglohnsektor arbeiten ist dagegen gleich geblieben. Die Zahl der Flüchtlinge wird weniger.

Die Scham ist groß.

Fällt es den Leuten leicht, zu Ihnen zu kommen?

Ellinghaus: Bis sie das erste Mal zu uns kommen, braucht es viel Überwindung. Wir achten sehr auf die Menschenwürde und wollen Schlangen und zu viel Bürokratie vermeiden. Die Tafeln sind deshalb wie ein Ladengeschäft aufgebaut und es reicht der Rentenausweis. Die Scham ist aber groß und wir erreichen nicht mehr als 20 Prozent der Betroffenen. Es spricht sich aber rum, und wenn ein Kunde dann erst einmal bei uns war, bringt er oder sie das nächste Mal auch einen Freund oder eine Freundin mit.

Wie viel Kunden haben sie aktuell, reichen die Waren noch?

Elllinghaus: In den Bruchsaler Tafelladen der Caritas in der Württemberger Straße 119 kommen allein 250 bis 350 Menschen pro Tag. Alle sechs Tafeln haben rund 400 bis 500 Besucher täglich. Zwischen 2 200 bis 2 500 Ausweise geben wir aus. Dahinter stecken im Schnitt aber 2,5 Personen. Für die Warenbeschaffung fahren wir allerdings bis in die Pfalz.