Wirksam gegen starken Schmerz: Vor allem in der Palliativmedizin wird Cannabis gerne und erfolgreich eingesetzt. | Foto: dpa

Ärzte reagieren nüchtern

Cannabis: Eine Droge im Kampf gegen den Schmerz

Hannes hat sich zurück ins Leben gekifft. Seit der heute 35-Jährige vor 17 Jahren mit mehr gebrochenen denn heilen Knochen aus einem brennenden Auto gerettet wurde, hat er Schmerzen, starke Schmerzen im Kopf, den Schultern, Rücken und Beinen. Halbwegs erträglich sind die nach seinen Angaben erst, seit er täglich Cannabis in der Wasserpfeife raucht.

Seit einem Jahr erleichtert die Freigabe der grundsätzlich illegalen Droge auf Rezept das Leben von Hannes (Name geändert) ganz erheblich.

Cannabis auf Rezept

Schon vor der Verabschiedung des Cannabis-Gesetzes war er einer von 1020 Patienten, die das Rauschmittel per Sondergenehmigung konsumieren durften.

Inzwischen aber bekommt er die Cannabis-Blüten auf Rezept, bezahlt von der Krankenkasse.
Auch Barbara (Name geändert) schwört auf die medizinische Form der Droge.

Ihr hilft das Präparat durch die schwere Zeit der Chemotherapie. „Ohne Cannabis wäre ich nicht mehr hier. Ich hätte die Chemo abgebrochen und der Krebs hätte mich besiegt“, sagt die 50-Jährige. Beide Schmerzpatienten erzählen ihre Geschichte den Teilnehmern der Bad Schönborner Schmerzkonferenz.

Gefahr für jugendliche Patienten

Dort sitzen Ärzte, vornehmlich Neurologen, Schmerz- und Palliativ-Experten, die der Cannabis-Freigabe nicht nur positiv gegenüberstehen. Insbesondere bei jugendlichen Patienten halten sie den Konsum für „sehr gefährlich“.

Er könne bis zum Alter von 26 Jahren noch die Ausreifung des Vorderhirns beeinträchtigen – dort liegen nach Angaben des Kongress-Organisators und Bad Schönborner Neurologen Roland Wörz „die Bereiche Reflexion, planerisches Denken und Vernunft“.

Psychosen und Schizophrenie seien gefürchtete Nebenwirkungen des Cannabis-Konsums.

Bei den Patienten, so berichtet insbesondere Regina Wolf, Chefin des Zentrums für Schmerztherapie am Städtischen Klinikum Karlsruhe, sei Cannabis auf Krankenschein sehr beliebt und mit jeder Veröffentlichung zum Thema sehe sie sich einem Anstieg der Anfragen gegenüber.

Bei starken Schmerzen und unheilbaren Krankheiten

„Ich bekomme dann Anrufe vieler junger Leute, die denken, sie könnten hier ein Rezept mitnehmen.“

Wenn es nicht um starke Schmerzen und unheilbare Krankheiten gehe, so Wolf, erteile sie den Interessenten aber allesamt Absagen.

Doch auch bei Patienten, für die medizinisches Cannabis tatsächlich in Frage komme, stellt sie fest: „Die Erwartungen sind unglaublich hoch, und die Diskrepanz zur Realität ist es auch.“

Knapp die Hälfte der Patienten, denen sie das Medikament verordne, verspürten keine Besserung. „Oftmals hilft es aber doch, zu entspannen und sich vom Schmerz zu distanzieren.“

Zahl der Verordnungen ist stark gestiegen

Ulrike Köhler, Fachärztin für Schmerz- und Palliativtherapie aus Heidelberg, behandelt derzeit rund 20 Patienten mit Cannabis, „unter anderem bei Schwindel nach Schädel-Hirn-Traumen“.

Entdeckt wurden die heilsamen Wirkungen, die Cannabis entfalten kann, von Drogenabhängigen, die insbesondere bei Schmerzen, spastischen Lähmungen oder auch von Gewichtsverlust durch Aids oder Krebs berichteten.

„Aus Einzelbeobachtungen wurden empirische Studien und wertvolle Erfolge“, sagt Wörz.
Seit es Cannabis auf Rezept gibt, ist die Zahl der Verordnungen stark angestiegen.

Doch jede Erstverordnung bedarf der Genehmigung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.

Ist der Fall gut begründet, dann muss die Kasse aber binnen drei Tagen ihre Zustimmung geben. Am liebsten verordnen die Ärzte das Präparat in Form von Tabletten.

„Beim Kiffen entfaltet sich die Wirkung innerhalb von Sekunden und lösen so den Rausch aus. Als Tabletten geschluckt braucht der Wirkstoff 30 bis 90 Minuten, bis er im Gehirn ankommt.

Der psychotrope Effekt bleibt aus. Deshalb sind die Tabletten für den Drogenmissbrauch nicht interessant.“

Hannes, der schon vor seinem Unfall Erfahrungen mit Haschisch und Marihuana gemacht hat, beschreibt einen diametralen Wechsel der Wirkung, seit er das Cannabis – zwar weiter über die Lunge – gegen die Schmerzen nimmt.

„Der Joint weckt mich auf“

„Als Jugendlicher machte mich der Joint schläfrig und antriebslos. Heute weckt er mich auf und ermöglicht mir, an der Welt teilzuhaben.“

Während nicht nur in den USA längst schon über die generelle Freigabe des Rauschmittels diskutiert wird, bleiben die Ärzte in Bad Schönborn in dieser Hinsicht skeptisch.

Voraussetzung für eine Verordnung sei stets, dass eine schwere Erkrankung vorliege und eine anerkannte Therapie nicht zur Verfügung stehe, so Wörz.

Zurückhaltung fordert er vor allem bei Kindern und Jugendlichen und schränkt sich selbst gleich wieder ein. „Wenn ein Kind elendig leidet, dann hat auch hier die Schmerzlinderung Priorität. Bedenken wegen Nebenwirkungen haben dann hintan zu stehen.“

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