Ernst L. (Name geändert) ist einer der älteren Häftlinge in der JVA Bruchsal, hier mit Sozialarbeiterin Teresa Kollnig.
Ernst L. (Name geändert) ist einer der älteren Häftlinge in der JVA Bruchsal, hier mit Sozialarbeiterin Teresa Kollnig. | Foto: Thienes

Ältere Häftlinge in Bruchsal

Das Gefängnis wird Ersatzfamilie

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„Sehr wichtig“ ist ihm das Freizeitangebot im Gefängnis Bruchsal, sagt Ernst L. (Name geändert). Der 63-Jährige sitzt seine zweite Strafe wegen Banküberfällen nun seit elf Jahren ab. Voraussichtlich zwei, vielleicht drei weitere Jahre und so ist ihm geistige Betätigung wichtig, auch zur Abwechslung. Er führt sich gut, bestätigt JVA-Sozialarbeiterin Teresa Kollnig. Montags spielt er Theater. Der FC Bayern-Fan  – in seinem Haftraum überwiegt die Farbe Rot  – gehört zu 40 Inhaftierten und damit zu den knapp zehn Prozent in der JVA, die über 60 sind.

Geht es nach Anstaltsleiter Thomas Weber und seinem Team sowie nach Überlegungen auf Landesebene, wird die Generation 60 plus künftig vermehrt mit altersgerechten Angeboten bedacht. Es stehen ihnen aber auch alle anderen zur Verfügung. Dennoch: Die Gesellschaft altert auch hinter Gittern.

Mehr Zeit für Senioren

Im Gespräch erläutern Gefängnisseelsorger Jörg Waterstraat, JVA-Sozialarbeiterin Teresa Kollnig, zwei Mitarbeiter des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste) und Wolfgang Stein, Leiter des JVA-Krankenreviers ihre Tätigkeit.

Angedacht ist vieles, nicht immer leicht ist die Umsetzung, sagt Weber. Neu ist etwa die Renovierung des Korbmacher-Saals. Mit Raumteilern wurden Bereiche abgegrenzt wie Küche, Gesprächsnischen, Spielbereich oder auch Behandlunsgsräume. Hier nehmen sich Sanitäter und Pfleger Zeit nur für Ältere, die im hektischeren Ablauf auf dem „Revier“, wie auch andernorts manchmal, unterzugehen drohen. Ist ärztlicher Rat nötig, ermöglicht ein Blick in die elektronische Krankenakte den Kontakt zu beiden Ärzten im Haus, die nur ein paar Stockwerke entfernt sitzen. Sie antworten umgehend.

Bis Barrierefreiheit
noch ein weiter Weg

Dennoch: Für Pflegefälle ist man in der JVA „nur bis zu einem gewissen Grad“ eingerichtet. Schwere Fälle kommen auf die dafür eingerichtete Station auf dem Hohenasperg. Von Barrierefreiheit sei man allerdings weit entfernt in dem alten Bau, gesteht Weber ein. Einen Aufzug gibt es beispielsweise noch nicht zum Krankenrevier. Und Umbaumaßnahmen im Vollzug folgten eigenen Gesetzen, sprich: Sie brauchen noch länger als draußen – wegen all der Sicherheitsmaßnahmen. „Finanzieller Bedarf für verschiedene Baumaßnahmen ist aber im deutlich fünfstelligen Bereich schon angemeldet beim Land“, sagt Weber.

Jüngeren Häftlingen seien, vor allem, wenn sie kürzer einsitzen, das Ordnungs- und Ruhebedürfnis der 60 plus nicht bewusst bis sogar egal. Das schaffe Spannungen. Da prallten schon mal die Generationen aufeinander. „Langzeithäftlinge sind im ganzen Tagesablauf schon sicherer, strukturierter, wissen, wo sie Tabak bekommenoder anderes. Die Frischen müssen nach allem fragen. Auch das bringt Hektik mit sich,“ erklärt „Oberschwester“ Wolfgang Stein. Der Leiter des Krankenreviers nennt diesen Spitznamen selbst. Er weiß aus der Arbeit im Revier, dass die Jüngeren dort viel Zeit in Anspruch nehmen, die die Älteren manchmal nötiger bräuchten. Darum seien die Behandlungszeiten im Korbmacher-Saal eine gute Sache.

Nicht aufs Altenteil

Weber: „Die Problematik mit vermehrten Belegungen mit Kurzzeithäftlingen, die Unruhe hereinbringen, steht schon auf der Tagesordnung einer ministeriellen Arbeitsgruppe.“ Und doch wollten die älteren Gefangenen keine eigene Abteilung. Sie wurden danach gefragt. Vermutlich wollten sie trotz eventueller Vorteile einer Seniorenabteilung „nicht stigmatisiert werden“, so der JVA-Leiter, „keine Senioren-WG beziehen, sich nicht aufs Altenteil abgeschoben fühlen.“

Die Häftlinge nehmen – auch altersgemischt – teil an Gesprächsangeboten, einzeln und in Gruppen. Pfarrer Waterstraat: „Wir versuchen sie abzufangen, wo sie sich abzukapseln drohen“. Viele „gruselt es“, sagt Petra Schab, beim Gedanken ans Draußen. Sie ergänzt anschaulich: „Einer sagte mal, alle die ich kenne, sind und arbeiten in der JVA – das wird Ersatzfamilie.“

„Wir versuchen, alle mit unseren Angeboten aus der Lethargie zu holen, Rückzugstendenzen entgegenzuwirken“, sagt Weber. Manchmal gelinge das gut. Nach einem Kreativprojekt im Sommer habe er sich über Zitate wie diese gefreut: „Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas kann“ oder „ich hätte nicht gedacht, dass ich da mithalte.“ Weber: „Daraus nehmen wir die Erkenntnis mit, dran zu bleiben, die nächsten Kurse eventuell als zeitlich begrenzte Projekte anzubieten, auch für die Häftlinge überschaubar zu gestalten.“

20 von 40 sitzen wegen
Mordes in Bruchsal

Es gibt viele verschiedene Hilfen und Kurse für Häftlinge. Hilfe etwa, sagt Teresa Kollnig, ist ab und an auch etwa nötig beim Ausfüllen von Formularen. Erst kürzlich beantragten zwei Männer Schwerbehindertenausweise. Kurse existieren im Sport-, Ernährungs- oder Kreativbereich. Die Häftlinge treffen sich zu Spieleabenden oder Theaterproben: Es geht darum, Normalität und positive Erfahrungen zu vermitteln, wo aufgrund der Biografien oft Empfindlichkeiten bestehen. Gesprächsrunden sind wichtig, soziale Kontakte das A und O. Denn oft brechen familiäre Bande ab, Freunde gibt es oft nur noch hinter Gittern.

Ernst L. wird noch regelmäßig besucht: von einem Freund, den er in der ersten Haft in Freiburg gewann. Seine Frau ließ sich nach dem Prozess, schon 2006, scheiden. „Unsere Ehe war aber schon vor meinen Banküberfällen schwierig.“

Seine Söhne antworteten
auf keinen seiner Briefe

Seine Söhne, beide über 30 inzwischen, ließen alle seine Briefe von Anfang an unbeantwortet.“ Das war das wirklich Schlimme, eigentlich das Schlimmste an der ganzen Haft“, sagt er und senkt für einen Moment den Blick. Eine Hilfe war da eine ehrenamtliche Betreuerin und Dozentin für Portugiesisch. Sie brachte ihm die Sprache bei und wurde zu einer wichtigen Bezugsperson.

Er habe bei seinen Banküberfällen niemanden  gefährdet, antwortet er auf Frage, schränkt aber sogleich ein:  „Körperlich, denn ich habe in der Therapie natürlich gelernt, worüber ich mir damals in meiner Lage keine Gedanken gemacht hatte, dass es nicht spurlos an Bankangstellten oder Kunden vorübergeht, wenn man mit einer scharfen Schusswaffe hantiert.“

Viele sind hier alt geworden

„Nur einer der 40 Senioren sitzt für wenige Monate hier ein, wegen Diebstahls“, sagt Teresa Kollnig, Sozialarbeiterin, „die anderen haben alle mehrjährige Strafen zu verbüßen.“ 20 der 40  sitzen hier wegen Mordes ein, ergänzt Weber und:  „Viele sind hier alt geworden“.

Ernst L. war in seinen sogenannten besten Jahren, als er alles verlor. Seine Heizungs- und Sanitärfirma mit 50 Mitarbeitern erlitt Bankrott trotz vieler Aufträge im Osten Deutschlands in den 1990-er Jahren. „Wegen Außenständen und das meist von Westdeutschen“, fügt er an und etwas Bitterkeit klingt mit, obwohl er sonst gern und viel lacht und sich gut arrangiert zu haben scheint. Seine Arbeit mache ihm auch Spaß. Er ist in der Logistik der Haftanstalt tätig, prüft Mindesthaltbarkeitsdaten, Lieferungen die hereinkommen, ob Stühle oder Lebensmittel – „das geht alles über unsere Abteilung.“

Auf manchen wartet keiner mehr

„Auf manchen wartet draußen keiner mehr.“ Den Übergang aus der Haft nach draußen wird mittels offenem Vollzug mit Lockerungen vorbereitet. Und doch muss noch eine Wohnung gefunden werden. Und eine Arbeitsstelle? „Mit über 60, fast utopisch“, sagt Schab, bevor sie doch zwei Beispiele nennt, wo es gelang. Einer fand eine Tätigkeit im Tafelladen, bevor er nach weiteren fünf Jahren über die Haftzeit hinaus dann Rentner wurde. Und ein anderer kam im Betreuten Wohnen in Karlsruhe unter.  „Da sind die sozialen Kontakte auch sehr wichtig“, sagt Schab und meint, wie zuvor hinter Gefängnismauern. „Manchmal wundert man sich, wie gut die Wiedereingliederung doch gelingen kann, auch bei Älteren und der bei ihnen oft schwierigeren Übergangsphasen“ – ja, auch dank den ehrenamtlichen Helfern.

Ernst L. freut sich aufs Haftende, denkt oft darüber nach. Das erste, was draußen ansteht? „Hüft-OPs.“ Und danach wünscht er sich, nach Brasilien zu ziehen. Portugiesisch lernt er ja schon seit Jahren dafür.