Seit frühester Jugend befasst sich Hans-Jürgen Görze, stellvertretender Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbands des Deutschen Falkenordens, mit Turmfalken. | Foto: Franz Lechner

Greifvogel-Pflegestation

Das „Kinderzimmer“ für Falken in Karlsdorf-Neuthard ist voll wie nie

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Fast 70 junge Falken wachsen derzeit in der Greifvogelpflegestation in Karlsdorf-Neuthard auf. Ein Hauptgrund dafür ist das sehr gute Mäusejahr und damit verbunden ein hervorragendes Nahrungsangebot für die Turmfalken und ihren Nachwuchs.

Von Franz Lechner

„Nein, um Gottes Willen, alles, bloß das nicht“, sagt Hans-Jürgen Görze aus Karlsdorf-Neuthard. Er lächelt dabei mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht. Nein, Falkenflüsterer will er auf keinen Fall genannt werden.

Görze ist stellvertretendes Vorsitzende des Landesverbands des Deutschen Falkenordens (DFO) und er leitet die Greifvogel-Pflegestation in Karlsdorf-Neuthard. Aber Falkenflüsterer will er selbst im Spaß nicht hören.

„Tierflüsterer gibt es in den Medien ja inzwischen wie Sand am Meer. Ich halte das für albern“, betont der Naturschützer im Ruhestand. Aber Fachmann für Greifvögel darf man ihn schon nennen. Schließlich hat er schon als Kind in Ettlingenweier seine ersten Falken gepflegt und bald auch abgetragen, wie Falkner das Trainieren ihrer Vögel nennen.

In einem alten Ettlinger Brauereigebäude brüteten früher Turmfalken

„In einem Merian-Heft habe ich damals einen Artikel über die Falknerei entdeckt“, erinnert sich Görze an den Augenblick, der sein künftiges Leben bestimmte. Er las dann alles, was er über Greifvögel und Falknerei in die Hände bekam, lernte schnell, und so bekam er bald die ersten jungen Turmfalken zur Pflege.

Sein Vater arbeitete damals nämlich als Grafiker bei der Ettlinger Brauerei Huttenkreuz. In dem alten, heute leider abgerissenen Brauereigebäude brüteten häufig Turmfalken

Menschen bringen junge hilflose Falken zu Görze

„Wenn aus deren Nestern ein Jungvogel zu früh herausfiel, wurde er als Pflegling zu mir gebracht“, erzählt er. Geändert hat sich seit damals eigentlich nicht viel. Auch heute noch bringen Menschen junge, scheinbar hilflose Falken zu Hans-Jürgen Görze.

Inzwischen allerdings nicht mehr nach Ettlingenweier, sondern in die Greifvogelpflegestation des DFO-Landesverbandes in Karlsdorf-Neuthard. Die leitet Hans-Jürgen Görze nämlich gemeinsam mit seinem Kollegen Rudolf Manz seit mehr als 15 Jahren.

Viel Nahrung für Falken durch ein gutes Mäusejahr

Dort pflegt er aber nicht nur Falken, sondern auch viele andere in Not geratene Greifvögel und Eulen. Falken bilden allerdings auch heute noch den Schwerpunkt seiner ehrenamtlichen Arbeit in der Greifvogelpflegestation. Gerade in diesem Jahr.

„Wir hatten bis jetzt fast 70 junge Falken in Pflege, so viele hatten wir noch nie“, erzählt der ehemalige Mitarbeiter des Referats Naturschutz im Regierungspräsidium Karlsruhe. Der Grund sei vor allem das sehr gute Mäusejahr. Dadurch habe es ein hervorragendes Nahrungsangebot für die Turmfalken und ihren Nachwuchs gewesen.

Bei Temperaturen um 40 Grad wurde es den vielen Jungfalken in ihren Nestern aber dann aber oft zu eng. Viele Jungvögel haben ihr Nest daher verlassen, bevor sie flugfähig waren. Das ist eigentlich kein Problem, die Tiere werden auch außerhalb des Nestes von den Eltern gefüttert, aber das wissen leider viele Tierfreunde nicht.

Falken üben in der Großvoliere fliegen

„Deshalb fangen die Menschen die Jungvögel dann oft und bringen sie zu uns“, erklärt Görze, während er einen seiner vielen Pfleglinge beringt. Zuvor hat er den jungen Falken aus dem „Kinderzimmer“, in dem alle seine Artgenossen sitzen, herausgefangen und sein Gefieder untersucht. „Der ist bereit.“

Bereit für das Training in der großen Flugvoliere der Greifvogelpflegestation. Dort bereitet Görze alle gesund gepflegten oder erfolgreich groß gezogenen Greifvögel auf ihr Leben in Freiheit vor. „Bevor die Tiere wirklich fit sind für den Überlebenskampf, müssen sie nämlich ihre Flugmuskulatur trainieren und das Jagen üben“, erläutert Görze.

Ausgewilderten Falken in der Schweiz gesichtet

Wie wichtig diese Vorbereitung für die Vögel ist, hat gerade einer seiner Pfleglinge gezeigt. Der Turmfalke wurde vier Tage nach seiner Freilassung in Karlsdorf in der Schweiz in Luzern gesichtet. „Das zeigt mir, dass wir ihn gut auf die Freiheit vorbereitet haben und dass die ganze Arbeit nicht umsonst war“, sagt Görze.

Er blickt auf den Falken, der er gerade hält. Der blickt zurück – und einen kurzen Moment scheint es als gäbe es da vielleicht tatsächlich ein besonderes Band zwischen Hans-Jürgen Görze und seinen Falken. Aber nur ganz kurz, dann ist der Moment wieder vorbei.

Geflüstert haben die beiden an diesem Tag jedenfalls nicht miteinander.