„Wir waren jung“: Susanne Opitz-Gehringer und ihre kleine Familie (genau in der Bildmitte) haben den Aufbruch nie bereut. Im Oktober 1989 sind sie zusammen mit Hunderten anderer DDR-Flüchtlinge am Bahnhof in Bruchsal angekommen.
„Wir waren jung“: Susanne Opitz-Gehringer und ihre kleine Familie (genau in der Bildmitte) haben den Aufbruch nie bereut. Im Oktober 1989 sind sie zusammen mit Hunderten anderer DDR-Flüchtlinge am Bahnhof in Bruchsal angekommen. | Foto: BNN (Archiv)

Lokale Geschichte

Bruchsaler erinnern sich an die Ankunft Hunderter DDR-Flüchtlinge im Oktober 1989

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Unvergessen sind die aufregenden Tage im Oktober 1989 in Bruchsal: Viele Leser erinnern sich noch gut an die aufregende Zeit, als quasi über Nacht Hunderte DDR-Bürger in eilends eingerichtete Flüchtlingslager gebracht wurden.

Verschlüsselte Botschaften

Heike Wähner etwa berichtet: „Ich war bei der Ankunft des ersten Zuges zur Begrüßung am Bahnhof und habe mich um ein junges Paar mit dem jüngsten Säugling bis zur Abfahrt des Busses gekümmert.“ Den dreien hat sie auch bei der Wohnungssuche geholfen und bei der Suche nach einer Beschäftigung. „Später waren wir sogar Trauzeugen.“

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Für verschlüsselte Botschaften in den Osten war ihr Mann Manfred zuständig, berichtet Wähner: Den Angehörigen in der DDR habe man Gewissheit verschafft, dass „Tante Anna alles erledigt“ habe. Außerdem hat er sich um die später nach Flehingen verlegten Flüchtlinge gekümmert. „Als am 6. November nachts um drei Uhr der zweite Zug mit 679 DDRlern eintraf, waren wir selbstverständlich wieder am Bahnhof“, so Wähner.

Ich habe das nie bereut

Per Westfernsehen hatte Susanne Opitz-Gehringer von der Belagerung der Prager Botschaft durch immer mehr DDR-Bürger im September 1989 erfahren. Der Entschluss stand fest: Die junge Mutter aus Potsdam, gerade 27 Jahre alt, ihr Mann und der eineinhalbjährige Sohn packten ihre Sachen, setzten sich ins Auto und fuhren nach Prag.
Nur eine Woche später begann ihr neues Leben in Bruchsal. Und hier blieb Opitz-Gehringer hängen. Sie lebt heute in Oberderdingen. „Ich habe das nie bereut“, erklärt sie im Gespräch mit der Rundschau. Ein historisches Zeitungsbild hat den Moment ihrer Ankunft am Bahnhof festgehalten. Sie schildert die aufregenden Tage und Stunden dieses historischen Ereignisses: Nach Genschers legendärer Balkon-Rede wurden die DDR-Bürger mit Sonderzügen in den Westen verfrachtet. Zwei Züge erreichten binnen vier Wochen Bruchsal, das kurzerhand zum Bundesaufnahmelager erklärt worden war. (Die Rundschau berichtete.) Von Prag aus mussten die Sonderzüge DDR-Gebiet queren – aufregende Stunden, wie sich Opitz-Gehringer erinnert. Im Westen angekommen, wurde ihnen Schokolade in den Waggon gereicht, bevor es von Hof aus Richtung Bruchsal weiterging.
„Alle mit kleinen Kindern kamen in die Landesfeuerwehrschule. Nur 14 Tage später hatte mein damaliger Mann schon einen Job.“ Auch eine Wohnung war schnell gefunden. Noch heute arbeitet Opitz-Gehringer in der radiologischen Praxis, in der sie damals begonnen hatte.
In Potsdam hatten sie alles hinter sich gelassen: „Wir waren jung. Es herrschte Aufbruchstimmung. Außerdem hatten wir die Stasi vor der Haustür“. Die hatte ihren Mann im Visier, der in der Gastronomie tätig war. Schon der Onkel war gen Westen geflohen – „eingebaut in ein Auto“. Die Ankunft in Bruchsal erlebten sie als herzlich. Ein Helfer verschickte für sie ein Telegramm an den Schwiegervater in den Osten, weil alle Telefonzellen belegt waren, erinnert sich Opitz-Gehringer. „Erst 1990 sind wir zum ersten Mal wieder in den Osten gegangen. Hier in der Region Bruchsal haben wir uns aber immer wohl gefühlt. Nur das Kleinkind von einst, ihr Sohn, lebt heute wieder in Berlin.

„Ihr seid frei“

1989 war Kai Kade Soldat in der Eichelbergkaserne in Bruchsal. Die Dragoner-Kaserne wurde mit Flüchtlingen belegt. Und da es sich um eine Kaserne handelte, musste diese „bewacht“ werden, berichtet Kade der Rundschau. „Es war interessant, da man so bestaunt wurde. Ein wenig Unsicherheit der Ankömmlinge war zu spüren.“ Einige fragten, was sie vorzeigen müssen, um die Kaserne zu verlassen. Nichts mussten sie vorzeigen. Sie waren frei.“ Kade erntete ungläubige Blicke.

Geldschein als Erinnerung

„Als noch junger Sanitäter war ich mit meiner Bereitschaft des DRK Untergrombach zur Betreuung der Prager Flüchtlinge eingesetzt“, berichtet Bruchsals heutiger Hauptamtsleiter Wolfgang Müller. „Mit meiner Frau, ebenfalls DRK-Sanitäterin, sprachen wir intensiv mit zwei jungen Männern, die alles, ihre Familien, ihre Freunde, Bekannten, Arbeitsplätze, zurückgelassen hatten, um der Unfreiheit des DDR-Staates zu entkommen.“

Keiner von ihnen konnte ahnen, dass die Mauer schon bald Geschichte sein wird. „Der Drang nach Freiheit war bei diesen Männern so groß, dass sie auf alles verzichtet haben, ohne zu wissen, was die Zukunft bringen würde. Kaum ein anderes Erlebnis hat bei mir einen tieferen Eindruck hinterlassen, als die Begegnung, die Berichte und Emotionen der ersten ostdeutschen Flüchtlinge in Bruchsal“, so Müller.

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Mangels Westgeld bekamen die Flüchtlinge von Müllers Zigaretten mitgebracht. Sie „bezahlten“ diese mit einem 20-Mark-Schein der DDR und erzählten dabei, dass viele Ausreisende das DDR-Geld bei der Grenzüberfahrt den Grenzern vor die Füße geworfen haben, ebenfalls nicht ahnend, dass dieses vermeintlich wertlose Papier einmal umgetauscht werden könnte. „Den 20-Mark-Schein trage ich seit 30 Jahre noch immer als Erinnerung an diesen Tag in meiner Geldbörse“, so Müller.

Tragisches Ende

Auch Roland Kneis erinnert sich: „Damals hatte die CDU Bruchsaler Familien aufgerufen, Patenschaften für die Ankömmlinge zu übernehmen.“ Seine Frau Reinhilde und er betreuten unter anderem einen allein reisenden Mann. Er war sehr nett, Familie Kneis lud ihn auch mal zum Pizzaessen zu sich nach Hause ein.

Auffallend war, dass er im Gespräch die DDR eher verherrlicht hat, erinnert sich Reinhilde Kneis – ungewöhnlich für einen DDR-Flüchtling. Später dann die Erklärung: Der Mann offenbarte sich ihr gegenüber als Stasi-Spitzel. Im Westen erst einmal angekommen, stand aber offenbar bald sein Entschluss fest, hier zu bleiben und Freundin samt Kind nachzuholen.

Kurz nachdem er Job und Wohnung gefunden hat, stand es in der Zeitung: Man hatte eine verbrannte Leiche an der Autobahnausfahrt gefunden. Es war dieser Mann. Die Polizei ging von Selbstmord aus. Reinhilde Kneis glaubt bis heute nicht daran. Sie denkt, seine Abkehr von der DDR habe dem Stasi-Mann im Westen das Leben gekostet.