Gebhard Borck (links) und Stephan Heiler wollen die Hierarchien abschaffen und haben dazu jetzt ein Buch veröffentlicht. | Foto: Steinmann-Plücker

Waghäuseler gehen neue Wege

Der Chef? Der wurde abgeschafft!

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„Da sind wir jetzt gerade dran“, Stephan Heiler deutet aufs neue Projekt. Und wenn er „wir“ sagt, meint der Inhaber der Alois Heiler GmbH nicht etwa Führungskräfte. Mit „wir“ meint er alle 60 Mitarbeiter, die individuelle Glaslösungen für Bad oder Wohnbereich anbieten. Denn bei Heiler gibt es keine Hierarchien, keine formalen Führungsstrukturen mehr. Hier sind alle Mitarbeiter verantwortlich, arbeiten zusammen in einer selbst gesteuerten Organisation – für zufriedene Kunden.

Hierarchien? „Schrecklich“

Und der Chef? „Den gibt es nicht“, sagt Stephan Heiler lachend. Der 43-Jährige ist in der Firma quasi aufgewachsen, die sein Vater Alois vor 34 Jahren gründete. 1997 entschied er sich für eine berufliche Zukunft im Betrieb. 2011 übergab Heiler Senior das Unternehmen an seinen Sohn. Doch die mittelständische, familiengeführte Firma erfuhr in den Folgejahren neben dem Inhaberwechsel noch eine grundlegende Veränderung: Die tradierten Strukturen fand Stephan Heiler „schrecklich“. Er war es gewohnt, der Belegschaft auf Augenhöhe zu begegnen, nicht von oben herab einsame Entscheidungen zu treffen.

Manches musste zurückgelassen werden

Er suchte alternative Organisationsformen und fand Gebhard Borck. Mit dem Unternehmensberater oder „Transformations-Katalysator“, wie er sich bezeichnet, verband ihn dasselbe Weltbild. Gemeinsam machten sie sich an die Transformation. Eine zweitägige Arbeitssitzung mit allen – von der Reinigungskraft bis zum Betriebsleiter – stieß die Neuausrichtung an. Die Umsetzung ging nicht von heute auf morgen vonstatten,  und sie mussten manches zurücklassen: Skeptiker, die mit dem Neuen nicht zurecht kamen, eingefahrene Gewohnheiten, zum Beispiel.

Mitarbeiter lernten selbständig Probleme zu lösen

Mit „100 Prozent Offenheit, Transparenz und Vertrauen“, so Heiler, entstanden neue, kundenorientierte Kompetenzteams und Arbeitsstrukturen. Das Wichtigste: Die Mitarbeiter lernten selbstständig Probleme zu lösen. „2016 hatte die Belegschaft das Unternehmen reorganisiert“, berichtet Heiler den BNN. Er selbst hat mit Borck die Rolle des Katalysators übernommen. Sie fördern Kompetenzerweiterung, schaffen betriebswirtschaftliche Transparenz. Strategische Entscheidungen treffen alle gemeinsam. Das Team verantwortet das Tagesgeschäft. „So fühlen sich Menschen ernst genommen“, sagt Borck. In einem Gastbeitrag fürs Unternehmerhandbuch schreiben Beide: „Wenn Mitarbeiter erkennen, dass Sie ihnen vertrauen, ihnen zutrauen, das Unternehmen zu tragen, dann wachsen sie.“ In dieser Unternehmenskultur sehen sie eine Weiterentwicklung der Gesellschaft zu mehr Verantwortung. Heiler und Borck haben den Prozess der Firma Heiler und ihre Erfahrungen im Buch „Chef sein? Lieber was bewegen!“ niedergeschrieben. Weitere Infos dazu gibt es hier.

Petra Steinmann-Plücker