BEIM REDAKTIONSBESUCH der Bruchsaler Rundschau bestärkt Franz Alt die jungen Umweltschützer: Susan Steger und Kilian Huber organisieren die Demonstrationen in Bruchsal. | Foto: Heintzen

Austausch in Bruchsal

Fridays for Future: „Der Dalai Lama ist begeistert von euch“

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Jung trifft Alt – unter dieser Überschrift hat sich der bekannte Journalist, Umweltaktivist und Theologe Franz Alt mit den Aktivisten von „Fridays-for-future“ bei der Bruchsaler Rundschau getroffen. „Ich komme aus der alten Energiewirtschaft“, sagt Alt augenzwinkernd über sich, weil er als Junge aus Untergrombach mit seinem Vater Kohlen verteilt hat. Seit Jahrzehnten propagiert er aber den Umstieg auf erneuerbare Energien. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ – das propagieren unterdessen Susan Steger und Kilian Huber, zwei Schüler des Bruchsaler Justus-Knecht-Gymnasiums, die die Demos organisieren. Mit ihnen sprach Christina Zäpfel.

Ihr seid nun zwei Mal durch Bruchsal marschiert, zuletzt kamen an die 100 Demonstranten. Welche Reaktionen erhaltet ihr?

Huber: Mein Umfeld reagiert größtenteils positiv, meine Eltern unterstützen mich, von der Schule allerdings wird es eher kritisch gesehen.
Steger: Das stimmt, es wird nicht nur positiv gesehen, auch innerhalb der Klasse nicht. Wir bekommen von Leuten aus unserem Alter durchaus auch negatives Feedback. Manche interessieren sich nicht dafür oder halten nichts davon, dass wir Schule schwänzen.
Huber: Viele unterschätzen das Thema, sie glauben nicht daran, dass der Klimawandel so extrem ist. Wir leben hier in Deutschland, und bei uns kommt immer noch das Wasser aus dem Hahn und der Strom aus der Steckdose. Bei uns merkt man eben die Folgen noch nicht so fatal wie in anderen Regionen.

Herr Alt, Ihre professionelle Einschätzung dazu? (Es ist in den vergangenen Wochen ja auch immer wieder von den Experten die Rede gewesen.) Wie schlimm steht es um unsere Erde?

Alt: Die Wissenschaftler sind sich einig, dass der Klimawandel die größte Herausforderung des Jahrtausends ist. Wenn die Bundeskanzlerin seit zehn Jahren sagt, dass das die Überlebenfrage der Menschheit ist, dann ist nur positiv zu werten, dass die jungen Leute für ihre Zukunft kämpfen. Ich bin 80, da könnte ich sagen, das meiste habe ich hinter mir, da juckt es mich nicht mehr. Aber euch juckt es gottseidank sehr. Ich finde es gut, dass ihr aufgewacht seid. Mein Freund, der Dalai Lama, sagt mir, die Eisschmelze des Himalaya hat schon in 20 Jahren Folgeprobleme durch Wasserknappheit für mindestens zwei Milliarden Menschen in Indien und in China.

Ok, ganz platt gefragt, China und Indien sind weit weg. Hier in Bruchsal ist vom Klimawandel noch wenig zu spüren.

Alt: Ja, wenn zwei Milliarden Menschen Wasserprobleme haben, kommen Milliarden Flüchtlinge auf uns zu. So ein kleiner Vorgeschmack dessen, was passieren kann, hat der Hitzesommer 2018 gezeigt: Milliarden Schäden in der Landwirtschaft. Riesige Schäden gibt es weltweit durch Hurricans und Waldbrände.

Ist der Klimawandel überhaupt noch zu stoppen?

Alt: Er ist aufzuhalten, wenn wir die Energiewende richtig angehen, wenn wir die Alternativen, die wir haben, intensiver ausbauen, dann können wir ihn noch stoppen. Ganz verhindern können wir ihn nicht.

Was sagt denn Ihr Freund Dalai Lama zu der weltweiten Jugendbewegung „Fridays-for-Future?

Alt: Wir machen gerade ein Buch zusammen – auch über eure Proteste. Er begrüßt, dass ihr aufwacht, er hat einen eigenen Appell an die Jugend der Welt gerichtet. Er ist begeistert davon.

Ihr erntet viel Zuspruch aus berufenem Munde bis hin zum Dalai Lama. Tausende Wissenschaftler haben sich hinter eure Forderungen gestellt. Denkt ihr nicht manchmal, warum habt ihr das nicht längst alles umgesetzt?

Steger: Klar denken wir das, deswegen gehen wir ja auch auf die Straße. Wir wollen die Politik erreichen, aber nicht nur das, wir wollen das Bewusstsein der Schüler schärfen, wir sind die Generation, die wirklich etwas ändern kann. Das hat die Generation vor uns nicht getan.
Huber: Es kann schon frustrierend sein, wenn man mit älteren Menschen drüber redet. Dann erkennen die zwar die Probleme, sind aber nicht bereit, irgendetwas umzustellen. Das ist schade, weil man muss eigentlich nicht viel machen, um bei sich lokal viel zu verändern.

Zum Beispiel?

Huber: Ökostrom wäre für viele Haushalte leistbar. Es muss auch nicht jeder am Sonntagmorgen mit dem Familienvan 50 Meter zum Bäcker fahren. Und wenn man hier in Bruchsal arbeitet und aus der Gegend kommt, kann man auch locker mit dem Fahrrad fahren.

Das sind ja gerade die Vorwürfe an Euch: Ihr habt hehre Ziele, lasst euch aber von Mami und Papi mit dem SUV vor die Schule fahren.

Steger: Klar, wir kennen die Vorwürfe, und ich werde von meinen Eltern auch vom Training abgeholt, etwa wenn es dunkel ist. Ich lebe kein Zero-Waste-Lifestyle, aber jeder kann Kleinigkeiten ändern, und deswegen versuche ich zum Beispiel so oft wie möglich mit dem Fahrrad zu fahren.

Aber glaubt man den Wissenschaftlern, ist die Situation schon jetzt dramatisch. Da hilft es vielleicht nicht, wenn einfach einige Leute aufs Fahrrad umsteigen.

Alt: Wir diskutieren diese Fragen grundsätzlich falsch. Auch die Ökos reden häufig von Verzicht. Ich habe seit zehn Jahren kein Auto mehr. Für mich ist das ein Gewinn. Ich fahre einmal im Monat nach Berlin mit dem ICE, da kann ich arbeiten. Ich hab’s gern bequem und ich lebe gerne. Wenn ich mit der Bahn fahre, bin ich um den Faktor 100 sichererer als im Auto.

In Bruchsal sind die Jugendlichen von Fridays-for-future bereits zwei Mal auf die Straße gegangen. | Foto: Heintzen
In Bruchsal sind die Jugendlichen von Fridays-for-future bereits zwei Mal auf die Straße gegangen.

Was sind Eure Forderungen, hier vor Ort, in Eurer Stadt?

Huber: Wir unterstützen die Forderungen von Fridays-for-Future. Für Bruchsal ist es uns wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen, etwa lokale Firmen dazu zu bringen, auf Plastik zu verzichten. Es ist für keinen ein Problem, von daheim seinen eigenen Kaffeebecher mitzunehmen statt einen Einwegbecher zu benutzen. Ein großes Anliegen ist auch, dass das Thema an die Schulen kommt, weil es bei uns fast nicht behandelt wird.
Steger: In Erdkunde hatten wir das Thema Klimawandel zwar gerade, es wird aber nicht wirklich vertieft. Oft ist auch einfach keine Zeit. Aber dafür ist das Thema viel zu wichtig. Wir wollen unsere Mitschüler aufklären.
Huber: Wir wollen zu unseren monatlichen Fridays-for-future-Demos immer Referenten einladen, die über ein bestimmtes Thema sprechen. In dem Moment, wo wir Referenten einladen und dadurch etwas lernen über den Klimawandel, würde ich es auch nicht als Schuleschwänzen bezeichnen.

Apropos: Herr Alt, ist es aus Ihrer Sicht legitim, für diesen Zweck die Schule zu schwänzen?

Alt: Wenn es ums Überleben geht, gibt es Wichtigeres als zwei Schulstunden. Die Schüler machen jetzt ihre Hausaufgaben – auf der Straße. Die Politiker machen ihre Hausaufgaben nicht. Ihr werdet heute angegriffen. In zehn Jahren werdet ihr gefeiert. Greta ist vorgeschlagen für den Friedensnobelpreis. Besser geht es ja gar nicht.

Stichwort Greta: Warum lauft ihr der alle hinterher?

Steger: Mich hat sie auf jeden Fall inspiriert, und ich habe mich zuvor auch schon mit dem Thema beschäftig. Ohne sie wäre ich aber nie auf die Idee gekommen, während der Schulzeit zu demonstrieren. Ich sehe sie auf alle Fälle als Vorbild.
Huber: Ich glaube, ich wäre auch nicht auf die Straße gegangen. Das war der Startschuss. Ich kämpfe dafür, ich will andere Leute mit ins Boot holen.
Alt: Das gilt für jede Bewegung. Das Christentum hat Jesus gebraucht, die Buddhisten haben Buddha gebraucht und die CDU hat Konrad Adenauer gebraucht. Jede neue Bewegung braucht Anführer. Und ihr seid die Greta-Generation.

Wie geht es jetzt weiter?

Huber: Es geht zunächst darum, die Demonstrationen zu festigen. Dann planen wir Aktionstage in Bruchsal zum Klimaschutz mit Experten und Referenten.

Herr Alt, welche Perspektive sehen Sie für diese junge Bewegung über diese Demos hinaus?

Alt: Mit Bewusstseinswandel fängt jede neue Idee an. Dann muss die Phase des Umsetzens kommen. Wir haben ja überhaupt keine Erkenntnisprobleme, wir haben Umsetzungsprobleme. Jeder einzelne muss mitmachen, Ökostrom, brauche ich ein Auto? Bis zum Essverhalten. Unser hoher Fleischkonsum hat wesentlichen Anteil am Klimawandel …

Sind Sie Vegetarier?

Alt: Ja, ich bin Vegetarier.

Aber, da sind wir nun doch beim Thema Verzicht.

Alt: Das ist für mich ein Gewinn, ich lebe gesünder. Das bestätigt jeder Mediziner. Wir essen viel zu viel Fleisch.
Steger: Ja, jeder, der sich damit beschäftigt, sieht das nach einer gewissen Zeit überhaupt nicht mehr als Verzicht. Ich esse auch kein Fleisch und keinen Fisch.

Warum sollte sich jetzt etwas ändern, wenn wir es die letzten 20, 30 Jahre nicht auf die Reihe bekommen haben?

Alt: Meine 50-jährige Erfahrung als politischer Journalist sagt mir: Politiker ändern nur etwas, wenn es Druck gibt von unten.
Steger: Ich finde, wir haben schon etwas erreicht, allein in unserem Umfeld. Dass sich Leute mit dem Thema beschäftigen, die sich sonst nie damit beschäftigt haben. Ich merke zum Beispiel, wie der Fleischkonsum zurückgeht, ganz aktuell in meinem Umfeld.

Druck gibt es auch von den Schulen, die mit Sanktionen drohen.

Huber: Wir machen die Demos nur einmal im Monat, so können wir viel mehr Leute mobilisieren. Daher verstehe ich auch nicht, wie die Schulen so harte Sanktionen androhen können. Die Kultusministerin hat ja sogar gesagt, dass die Schulen doch bitte kreative und pädagogisch sinnvolle Strafen verteilen sollen. Ich seh uns nicht als Schwänzer. Wir setzen uns für die Zukunft ein.
Alt: Eigentlich müsstet ihr die Sanktionen herbeibitten. Das würde einen unglaublichen Auftrieb geben. Jede Bewegung braucht Märtyrer.
Steger: Es gibt jetzt schon Drohungen, die manche Schüler daran hindern, ihre Meinung zu sagen und auf die Demos zu gehen. Das geht überhaupt nicht!
Alt: Ich kann euch nur ermuntern, habt keine Angst davor. Der Artikel 20 des Grundgesetzes ist auf eurer Seite: Wenn die Demokratie in Gefahr ist, ist Widerstand notwendig und erlaubt. Also, wenn unser Leben in Gefahr ist, wie die Bundeskanzlerin immer wieder sagt, das ist die Überlebensfrage der Menschheit, dann habt ihr das Recht, zu demonstrieren. Der Rat eines Älteren zum Schluss: Man braucht Geduld. Das fällt 18-Jährigen nicht so leicht wie 80-Jährigen. Geduld ist aber eine ökologische Tugend.