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Der „Fall Huttenstraße“: Behutsamer Umgang mit dem alten Bruchsal

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„Es ist toll, dass wir in der Stadt solche Mäzene haben, die Grundstückserwerb und Hausbau der Bürgerstiftung ermöglichen. Damit können deren gute Projekte weitergehen“. So äußerte sich Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick gegenüber den BNN zum „Fall Huttenstraße“.

Die Stadtchefin ergänzt: „Ich verstehe aber auch, dass diskutiert wird, wie ein Neubau das bisherige Stadtbild verändern könnte.“ Die OB hat aufmerksam registriert, dass rund 150 Menschen in einem übervollen Saal dem Vortrag von Florian Jung folgten.

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Jung wirbt hartnäckig für Veränderungen

Er begründete öffentlich, warum der begonnene Neubau Huttenstraße 15 sich seiner Ansicht nach nicht harmonisch genug in das barocken Bautenensemble einfügt. Hartnäckig wirbt Jung für Veränderungen des Projekts. Es wurde, wie berichtete, korrekt geprüft und unterliegt nicht dem Denkmalschutz. (Dennoch haben die städtischen Behörden auf den Bauantrag einst mit Forderungen reagiert.)

Jung hat sich beim mit viel Beifall aufgenommenen Referat auf die Architekturkritik beschränkt und ausdrücklich das soziale Wirken der Stiftung gewürdigt.

Die Baustelle Huttenstraße in Bruchsal.
Die Baustelle Huttenstraße in Bruchsal. | Foto: Heintzen

Bürgerstiftung Bruchsal muss keinen Schaden nehmen

Reden wir also auch über „Gutes tun“: Polizei, Feuerwehr, Wohlfahrtsverbände und die Kirchen tun von ihrem Auftrag her ziemlich viel Gutes. Und, nicht zu vergessen, selbst Gemeinderäte, Verwaltungen und Rathausspitzen machen das. Meistens.

Gleichzeitig müssen sich alle Genannten öffentlicher Kritik stellen. Die Bürgerstiftung Bruchsal mit ihren großen Unterstützungsleistungen seit 2004 und dem rastlosen, ehrenamtlichen Stifter- und Spendensammler Gilbert Bürk, der kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhielt, muss keinen Schaden nehmen, wenn ein Projekt der Stiftung genauer betrachtet wird. Intern wie öffentlich.

Im Gegenteil: Sie kann bei still Wohlwollenden wie bei kritischen Geistern dazu gewinnen, wenn sie Transparenz und vielleicht offensive Rücksicht auf Stadthistorie beweist. Und nicht nur defensiv agiert, in dem sie auf formale Argumente setzt.

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Für behutsames Handeln ist immer höchste Zeit

Grundsätzlich ist es die zweitbeste Lösung, wenn ein Bau mit historischer Nachbarschaft oder ein exponierter Neubau erst bei der Entstehung sein Gesicht enthüllt. Ein gewollt liberales Baurecht macht dies zwar möglich. In Bruchsal könnten Gestaltungssatzungen oder architektonische Beiräte das Frühwarnsystem fürs Stadtbild stärken.

Mit Blick auf die 75. Wiederkehr des Schicksalstags 1. März 1945 liegt das besonders nahe. Abgesehen vom Schlossareal sind nur Reste von Bruchsals alter Zeit in die neue herübergerettet worden. Für behutsames Handeln ist immer höchste Zeit. Man darf sie nicht verstreichen lassen nach dem Motto: „Diesmal haben wir etwas verpasst. Nächstes Mal wird bestimmt alles anders“.