Der Mann hatte bereits in Aalen seine Armbändchen hergestellt.
Der Mann hatte bereits in Aalen seine Armbändchen hergestellt. | Foto: Oliver Giers

Wirbel um Erich

Der totgeglaubte Obdachlose, der in Bruchsal lebte

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Viele Bruchsaler haben den wohnungslosen Mann ins Herz geschlossen, der in der Stadt seit Sommer selbstgemachte Armbändchen verkauft hatte. Nun ist er verschwunden – wie schon einmal aus einer anderen Stadt. Damals glaubte man sogar, er sei gestorben.

Es hätte die perfekte Vorweihnachtsgeschichte werden können: Ein obdachloser Mann schließt die Herzen der Bruchsaler auf, indem er ihnen Armbändchen verkauft und mit ihnen ins Gespräch kommt. Ein Außenseiter mit großem Herz und schwerem Schicksal.

Nicht alles, was Erich erzählte, stimmt

Eine Geschichte, die vor allem im Internet viele Fans findet. Sein Schicksal löst auf Facebook einen „Candy-Storm“ aus, einen Sturm der Zuneigung. Das Gegenteil eines Shitstorms. Wildfremde Menschen helfen, besuchen den Mann, der sich Erich nennt, kümmern sich.

Doch solche Geschichten schreibt das wahre Leben nur selten. Daniel Koch und seine Familie sind zwischenzeitlich etwas ernüchtert. Der Bruchsaler hat mit seinem Facebook-Post vor wenigen Wochen viel Aufmerksamkeit auf den netten Obdachlosen Erich gelenkt. Heute weiß der Sozialpädagoge: Nicht alles, was Erich erzählte – oder wie auch immer er heißen mag – stimmt.

Hunderte Menschen schwärmen im Internet von Erich

Den BNN erzählt Erich seine Geschichte so: Er sei seit fünf Jahren „on tour“ durch 27 verschiedene Städte. Seine Frau starb bei einem Autounfall. Er selbst ist an Krebs erkrankt. Nirgends aber sei er so lange geblieben wie in Bruchsal. Nun aber zieht es ihn zurück. Ab seinem 66. Geburtstag bekomme er Rente, dann könne er in eine Wohnung in seine Heimat Bayern. Er freue sich schon auf den bayerischen Braten, hatte er Koch und seiner Familie erzählt.

Über Wochen hat sich eine Art Freundschaft zwischen der Familie und Erich entwickelt. Immer mehr Bruchsaler schauen bei ihm an seinem Platz an der Stadtkirche vorbei. Auf Facebook gibt es Hunderte Reaktionen. Alle schwärmen von dem netten Mann mit den Bändchen, wollen helfen und spenden.

Mehr zum Thema: Nutzen Lügner unsere Hilfsbereitschaft aus? Nicht in der Bruchsaler Obdachlosenhilfe

Erste Zweifel an seinen Geschichten

Doch es gibt auch Widersprüche. Anderen erzählt Erich von unterschiedlichen Zeitpunkten seines Renteneintrittsalters. Eine Bruchsalerin beginnt zu recherchieren und landet schnell im schwäbischen Aalen.

Und siehe da: Auch dort kennt man Erich. Laut einem Online-Artikel haben viele Aalener erst vor wenigen Wochen über Erichs Tod getrauert. Über genau jenen Erich, der bis vor wenigen Tagen noch putzmunter in der Bruchsaler Innenstadt stand.

In Aalen dachte man, Erich sei tot

Wie kann das sein? Ein Anruf in Aalen. Die Frau, die Erich gut kannte, arbeitet bei der Stadtverwaltung. Ende März war er in Aalen aufgetaucht, berichtet Manuela Neher den BNN. Schnell haben ihn auch hier Menschen mit Kleidern und Essen versorgt. Weil ein Online-Portal über den netten Mann berichtete, ergab sich bald eine ähnliche Solidarität wie in Bruchsal.

„Die Bevölkerung hat Anteil genommen“, berichtet die Aalenerin. Dort erzählte Erich, er habe sein Geld im Spielcasino verzockt. Den BNN erzählt er hingegen von der Pleite seines Unternehmens, bei dem er Betriebsleiter war.

Sein vermeintlicher Sohn gab die Info am Telefon

Dann die Diagnose Krebs, unheilbar. Die Aalener waren schockiert. So wie jetzt auch die Bruchsaler. Nun war vom Hospiz die Rede. Auf der Fahrt dorthin soll er ins Koma gefallen sein. Intensivstation in München. Woher die Aalenerin Neher das weiß? Erichs angeblicher Sohn hat es ihr am Telefon erzählt. „Das war Erich selbst. Da bin ich mir mittlerweile sicher.“

Nun war der Zweifel da. „Ich bin auf Recherche gegangen.“ Weder im Krankenhaus in Aalen habe man von Erich gewusst, noch im Hospiz. Im Heimatort kannte man den Mann nicht, auch der Tod seiner Frau war nicht zu verifizieren. Selbst in der Firma des angeblichen Sohnes hat die Aalenerin angerufen. Aus Ulm, einer weiteren früheren Station, hört sie ähnliche Berichte.

Er ist ein sehr zurückhaltender und liebevoller Mensch.

Daniel Koch aus Bruchsal

Doch die Aalener, immer noch überzeugt davon, dass Erich tot sei, trauern. An den Ort, wo er immer saß, legen sie Blumen nieder und zünden Kerzen an. Die Schwäbische Post berichtet.

Seit Donnerstag ist Erich erneut verschwunden

Gerne hätten die BNN nochmal mit Erich gesprochen, ihn gefragt, was denn nun stimmt, wohin es ihn wirklich verschlägt. Doch seit Donnerstag ist der Mann mit den Armbändchen verschwunden. An diesem Freitag wolle er nach Bayern zurück, hatte er den BNN berichtet. Kann stimmen, oder auch nicht. Vielleicht taucht er bald in einer neuen Stadt auf.

Große Solidarität in Bruchsal

Und die Bruchsaler? „Nein, ich bin nicht enttäuscht“, sagt Daniel Koch. Er freut sich viel mehr über die große Solidarität der Bruchsaler. „Das hätte ich nie gedacht, dass so etwas hier möglich sei.“ Erich habe sich ja auch nicht bereichert. Man habe ihm aus freien Stücken geholfen. „Vielleicht war diese Geschichte einfach seine Wahrheit“, so Koch.

„Er ist ein sehr zurückhaltender und liebevoller Mensch“, ist Koch noch heute überzeugt. Derweil reibt man sich in Aalen verwundert die Augen. Im Gespräch mit der Schwäbischen Post, die den Fall nun ebenfalls neu aufrollt, wird klar: Viele Aalener fallen aus allen Wolken. Der Totgeglaubte lebt. Insofern ist es doch noch eine vorweihnachtliche Geschichte.