Das zerstörte Bruchsaler Schloss wenige Tage nach dem Angriff vom 1. März 1945. Erst 30 Jahre später war die umfangreiche barocke Anlage wieder aufgebaut. Beim Luftangriff auf die Stadt wurde sie zu 83 Prozent zerstört.
Das zerstörte Bruchsaler Schloss wenige Tage nach dem Angriff vom 1. März 1945. Erst 30 Jahre später war die umfangreiche barocke Anlage wieder aufgebaut. Beim Luftangriff auf die Stadt wurde sie zu 83 Prozent zerstört. | Foto: Stadtarchiv Bruchsal/Aufnahe Toni Rateij

Zweiter Weltkrieg

Vor 75 Jahren starben 1.000 Menschen beim Luftangriff auf Bruchsal

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Der Schrecken der Luftkriegs 1945 traf eine Woche nach dem verheerenden Angriff auf Pforzheim mit 17.000 Toten eine weitere Stadt in der Region. Bruchsal wurde am 1. März vor 75 Jahren durch amerikanische Bomber schwer zerstört. Auch das Barockschloss versank in Schutt und Asche. 1.000 Menschen kamen durch das Inferno ums Leben.

Unter dem Motto Erinnern, Verstehen und Versöhnen erinnern zahlreiche Veranstaltungen an den Untergang des alten Bruchsal in dem von den Nazis begonnen Weltkrieg, der im Frühjahr 1945 auch schon längst verloren war. Ohne dass die deutsche Führung ihrer Bevölkerung weiteres Leid erspart hätte.

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Finsterste Nacht brach ein über Bruchsal an jenem strahlenden Frühlingsnachmittag, Donnerstag, 1. März 1945. Um nicht in Kellern verschüttet zu werden oder zu ersticken, wagten sich viele auf die Straßen, um 14.30 Uhr als die Angriffswellen von 116 amerikanischen Bomberflugzeugen abgeebbt waren.

Die Menschen taumelten im Dunklen nach vermeintlich sicheren Orten voran. Feuer, Rauch und Staub hüllten die Stadt in einen unermesslich heißen Schleier. „In kurzer Zeit stand die Wilderichstraße in Flammen. Überall stürzten brennende Balken von den Häusern. Auf dem Fluchtweg sahen wir einen Soldaten liegen, dem es den Kopf abgerissen hatte, und zwei Frauen lagen in ihrem Blut und stöhnten“, heißt es im Zeitzeugenbericht von Friedrich Schmitt.

Das Schloss erstand erst nach 30 Jahren wieder

600 Alarme, einige Tieffliegerangriffe und auch Tote gab es bis zum 1. März bereits in Bruchsal während des Zweiten Weltkriegs, der schon längst für das Deutsche Reich verloren war. Dessen Naziführung aber nichts tat, um die Niederlage einzugestehen und die Bevölkerung vor weiterem absichtlichem oder zwangläufigem Leid zu bewahren. Das hatte Adolf Hitler schon 1941 angekündigt und jede Kapitulation ausgeschlossen. Und so traf die alliierte Luftüberlegenheit und die Unterstützung des Vormarsches an jenem Tag nicht nur Mannheim mit einem der schwersten Angriffe des ganzen Krieges. Sondern auch noch die Kreisstadt am Rande des Kraichgaus und ihr Barockschloss, das nach 30 Jahren als Kulturdenkmal wiedererstand.

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3000 von 4.600 Gebäuden völlig zerstört

1.000 Menschen starben durch jenen Angriff mit fast 900 Sprengbomben von je 250 Kilogramm und 50.000 Stabbrandbomben. Bahnhof und Eisenbahnknoten waren das vorrangige Ziel unter dem Einsatzcode GH-5552. Und doch wurden 3.000 von 4.600 Gebäuden völlig zerstört. Unter anderem weil sich die Bombergruppen beim Anflug zu nahe kamen und noch einmal ansetzten.

Mit zahlreichen Veranstaltungen gedenkt Bruchsal Leid und Zerstörung. Unter dem Motto „Erinnern, Verstehen und Versöhnen“ finden unter anderem am Sonntag zwei Konzerte statt. Um 14.15 Uhr in der Lutherkirche und um 18 Uhr in der Hofkirche. Am Abend werden ab 19.30 Uhr halbstündlich Bilder der geschundenen Stadt und ihrem Wiederaufbau an die Schlossfassade projiziert.

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Luftschutzkeller als tödliche Fallen

Mit dem Fahrrad fuhr Albert Schäfer am 1. März 1945 von Langenbrücken zum Postamt Bruchsal. Sein Dienst in der Geldsammelstelle begann um 12.30 Uhr. Als um 13.45 Uhr die Sirenen ertönten, sah er wie im Park neben der Lutherkirche Menschen in den Luftschutzbunker strömten. Der 24-Jährige nahm dem Schlüssel des Kassenschranks und ging zum eigenen Schutzraum im Postamt, da wurde er durch den Luftdruck einer explodierende Bombe zu Boden gerissen und in den Kellergang geschleudert. Ein heißer Luftschwall erfüllte alle Flure.

Schäfer konnte diesen Schutzraum nicht erreichen, der Eingang war schon von Trümmern verschüttet. Und so entging der Langenbrücker wohl dem Tod durch Ersticken im Keller, den so viele in Bruchsal an jenem schrecklichen Frühlingstag erlitten. Aus den öffentlichen Luftschutzkellern wurden Dutzende von Toten geborgen. Albert Schäfer konnte seine Erinnerungen an den Tag notieren, die sein Schwiegersohn Günther Schwarz überlieferte.

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Das Leid der Familien sickerte in die Region ein

Rund 400 Arbeitende aus den umliegenden Gemeinden, Soldaten oder Durchreisende starben neben den über 600 Bürgern von Bruchsal durch den 40-minütigen Luftangriff amerikanischer Bomber. Das Leid in der Stadt war eines, das in die Region einsickerte und in der Erinnerung überall auftaucht. Hausmeister Fröhlich vom Schlossgymnasium verlor sein Haus durch einen Volltreffer. Unter den Schuttmassen wurden Tage später seine Frau, sein Kind und zwei Verwandte tot geborgen, die wegen der ständigen Luftangriffe auf Mannheim, nach Bruchsal evakuiert worden waren.

Die Ruinenstadt Bruchsal um 1947. Blick vom Zentrum nach Norden. Rechts die Stadtkirche, links die Fassade der ehemaligen Mozartschule. Heute steht dort am Friedrichsplatz die Sparkasse. | Foto: C.Ohler

400 Frauen fanden den Tod

Nicht alle der 1.000 Opfer des Angriffs konnten später identifiziert werden, so schlimm verkohlt waren zu viele aus dem Feuersturm geborgene Leichen. Von den 600 identifizierten Erwachsenen waren 400 Frauen. Bei 214 toten Jugendlichen kann man erahnen, wie viel anhaltendes Familienleid der Schicksalstag erzeugte. „Wir wussten, dass der Meßner der Stadtkirche eine große Familie hatte und alle verlor“, erinnert sich der 1951 geborene Stadtrat Werner Schnatterbeck. Und dass seine Mutter und seine Tante von Tränen erschüttert wurden, wenn am 1. März um 14 Uhr die Glocken läuteten.

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Fotoausstellung in der Stadtbücherei

In zahlreichen Büchern sind Angriffsvorgänge und Zeitzeugenberichte dokumentiert. Die Stadtbücherei Bruchsal präsentiert diese Werke von Samstag an in einer Ausstellung zusammen mit großen Fotos der zerstörten Stadt. Carl Ohler hat die noch lang von Ruinen geprägte Stadt bis 1948 festgehalten. Einen Bildband gibt es in den Buchhandlungen.

Die Tochter des Fotografen, Margarete Ohler-Grabenstein, steht am Samstagvormittag in der Bibliothek zu Gesprächen bereit. Ausgestellt werden einen Monat lang ebenfalls einige Stücke von Stadtarchiv und Stadtmuseum, wie eine zusammengeschrumpfte verbrannte Schreibmaschine. Oder angekohlte Akten aus dem Rathaus, in dem das gesamte Gedächtnis der Stadt, das Archiv, im Krieg gelöscht wurde.

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Einen Monat später kam die französische Armee

In Kinderwagen brachten die Menschen ihre Toten zum Friedhof. Am 3. März lagen dort 400 Leichen auf dem Rasen. Und um was kümmerte sich die NSDAP-Kreisleitung Bruchsal am 5. März 1945? Um erhöhte Propaganda gegen Gerüchte, dass der Krieg verloren sei sowie das Heldengedenken bei einer „Totenfeier“. Einen Monat später war die Zeit der Nazis vorbei. Die französische Armee marschierte ein. Begleitet von Vergewaltigungen und Plünderungen. In der Ruinenstadt und der Region war der Kriegsschrecken an Ostern 1945 noch nicht zu Ende.