Mit Spaß dabei sind die Erntehelfer, die Winzer Ludwig Honold teilweise schon seit Jahren bei der Weinlese im Herbst unterstützen. Trotzdem ist die Arbeit kein Zuckerschlecken. | Foto: Klaus Müller

Weinlese ist in vollem Gang

Der Zeitpunkt ist entscheidend

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Himmel – sind die schnell. Ein Traubenhenkel nach dem anderen fällt in den Eimer. Die Geschwindigkeiten der dabei eingesetzten Rebscheren sind beachtlich. Und schon geht’s weiter zum nächsten Rebstock. Wieder ist ein Eimer voll – voll mit rund sieben Kilogramm feinster Trauben. „Wir machen es ja auch schon ein paar Jahre“, tönt es zwischen den Reben hervor. Das beruhigt. Ich habe also noch ein bisschen Zeit, ein ähnliches Tempo beim „Lesen“, bei der Weinlese,  vorzulegen. Da stehe ich also nun inmitten eines Weinberges, der zum Weingut Ludwig Honold in Östringen gehört. Ringsherum schnappen die Rebscheren, bedient von fachkundigen Erntehelfern, unzählige Male zu und trennen die Lembergertrauben vom Rebstock.

Ringsherum schnappen die Rebscheren

Es ist noch recht früh am Vormittag. Die Landschaft, die sich da vor einem auftut, zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Sodenn man überhaupt Zeit hat, einen Blick darauf zu werfen. Nur eins passt irgendwie nicht so recht ins Bild: der Begriff „Herbsten“. Von Herbst ist weit und breit nix zu sehen – geschweige denn zu spüren. Die Frische eines Herbstmorgens verpuffte viel zu schnell; und mit ihr die Vorstellung vom „Herbsten“ in der klaren Herbstsonne. Oder wie schrieb Christian Morgenstern in seinem Gedicht „Septembertag“: „Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit.“ Von wegen Klarheit und Herbstfrische. Das Gegenteil ist der Fall. Die Sonne brennt einem regelrecht aufs immerhin gut bemützte Hirn.

Ein Hexenwerk ist es nicht

Zurück zum Praktischen an diesem Tag, zur Weinlese. Einen kleinen Exkurs ins richtige Herbsten habe ich schon hinter mir. Winzer Ludwig Honold, ein Mann, der geradezu für seinen Wein lebt und mit viel Begeisterung übers Winzern zu berichten weiß, zeigte mir die wichtigsten Schritte.
Nein, ein Hexenwerk ist es – diesmal – nun wirklich nicht, „manuell“ die Trauben vom Rebstock zu befreien. Das liegt weniger an meiner Auffassungsgabe, sondern vielmehr an der überwältigenden Qualität der Trauben. Da muss nichts aussortiert werden, da müssen keine faulen Trauben von den guten getrennt werden. Und die Dinger sind so saftig, so süß. An was man das merkt? Natürlich durchs Probieren. So mancher Henkel lässt meinen Gaumen schnalzen. Abgesehen davon werden die Hände, insbesondere bei denen, die ohne Handschuhe schneiden, immer „babbiger“.

Handlese nur noch bei besonderen Trauben

So ein Jahr habe er in 39 Jahren, eben seit der Zeit, in der er im Weinberg arbeitet, noch nie erlebt, sinniert Winzer Honold. Die Gesprächspause nehme ich gerne an, zumal ich ja als Journalist zwischendurch auch einige zielführende wie sinnige Fragen stellen sollte. Handlese werde eigentlich nur noch bei besonderen Trauben, wie beispielsweise hier beim Lemberger, gemacht, erläutert Honold. In vielen Weinanbaugebieten, dazu zählt der Kraichgau, kommen immer mehr Vollernter zum Einsatz.
Dass es bei der jetzigen Handlese so flutscht, dass sich die Eimer in Windeseile füllen, liegt an der guten Vorarbeit. Rund zwei Wochen lang befreite eine erfahrene Kraft die Rebstöcke von den Blättern – und zwar in dem Bereich, in dem die Trauben wachsen. Honold nennt besagte Traubenzone „badischer Flachbogen“.

Traubenschere im Eimer

Genug geplaudert. Vorerst. Mist, wo ist meine Rebschere? „Hier“, höre ich neben mir. Adrian Zimmer, selbst Winzer, und Mitarbeiter auf dem Weingut Honold, steckt mir die Rebschere in die Brusttasche. „Nie im Traubeneimer liegen lassen“, sagt er lachend und schwingt sich wieder auf den Traktor, um die vollen Eimer zwischen den Rebstöcken einzusammeln und ihren Inhalt in den großen Bottich des Gefährts zu schütten.
Dann mal weiter. Mit jedem Schnitt, mit jeder Minute mehr im Weinberg, mit jedem vollen Eimer mehr macht sich bei mir eine Art kontemplative Grundstimmung breit. O.k., macht sich fast breit, müsste ich sagen. Übertreiben soll man es ja auch nicht. Mal bei den Mitschneidern nachgefragt, wie es ihnen denn so geht?

Die Arbeit ist kein Zuckerschlecken

80 Jahre sei sie, erzählt Christina Lautenschläger. Und die Weinlese mache ihr Spaß. Das mit dem Spaß erwähnt ebenso Hobbywinzer Hubert Tidl. „Man kennt sich. Die Zusammenarbeit ist gut. Und man verdient ein bisschen Geld“, schiebt Margrit Burkard nach.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Einmal abgesehen von den traubensüßen Händen ist die Weinlese kein Zuckerschlecken. Ein bisschen zwickt mich schon mein Kreuz. Zudem macht sich meine Hüfte mal wieder bemerkbar. Und irgendwann nähert man sich einem „toten Schnipp-Schnapp-Punkt“. So geht es mir jedenfalls. Obendrein hat die Sonne schein- und fühlbar noch ein paar Schippen draufgelegt. Meine zehn Mitstreiter bringen da wesentlich mehr Geduld und Leidenschaft auf.

Keltern ist eine Kunst

Zeit für ein Infopläuschchen. Der richtige Lesezeitpunkt sei sehr wichtig, erklärt mir Honold. „Da sind Flexibilität und auch ein bisschen Glück gefragt.“ Für ihn ist es eher die Ausnahme, beim Herbsten im Weinberg zu sein. Sein Refugium ist vielmehr der Weinkeller. Tage und so manche Nacht wird er dort nun in den kommenden Wochen verbringen. Exakt wird festgehalten, was der Wein in den Fässern und Stahltanks macht. Wo lässt sich noch eingreifen? Wo muss die Gärung verlangsamt oder vielleicht sogar beschleunigt werden. Keine Frage, Keltern ist eine Kunst für sich.
Zuvor muss freilich das Grundprodukt, müssen die Trauben gelesen werden. Lesen? Kommt vielleicht von auslesen, eine Umschreibung für aussortieren. Egal. Ich muss ja auch mal wieder was tun. Und ein bisschen schneller bin ich inzwischen mit der Rebschere geworden. Glaube ich ….

 

Klaus Müller