Ort des Geschehens: Am Ortsausgang von Graben-Neudorf, hinter dem Parkhaus von SEW-Eurodrive, soll eine Geothermie-Anlage in einem Waldstück entstehen. Allein die Kühl- anlage könnte bis zu 190 Meter lang werden.
Ort des Geschehens: Am Ortsausgang von Graben-Neudorf, hinter dem Parkhaus von SEW-Eurodrive, soll eine Geothermie-Anlage in einem Waldstück entstehen. Allein die Kühl- anlage könnte bis zu 190 Meter lang werden. | Foto: Gamer

Geothermie

Deutsche Erdwärme plant Kraftwerk in Graben-Neudorf

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Die Deutsche Erdwärme möchte ein Geothermiekraftwerk in Graben-Neudorf bauen. Der Platz umfasst eine Fläche von rund zwei Hektar. Jetzt hat sich der Technische Ausschuss der Gemeinde mit dem Thema befasst. 

Von Rudolf Gamer

„Die Frage lautet: Darf gebaut werden? Und nicht: Darf gebohrt werden“? So fasste Bürgermeister Christian Eheim die ausführliche Projektvorstellung vor der Abstimmung zusammen. Die Deutsche Erdwärme GmbH hatte eine Bauvoranfrage zum Neubau eines Betriebsgebäudes für eine Geothermie-Anlage gestellt, der Technische Ausschuss des Gemeinderates von Graben-Neudorf hatte – wie üblich bei Bauanträgen – darüber zu entscheiden. Mit neun Ja-Stimmen bei einer Enthaltung von Gemeinderat Armin Gabler (Grüne) und einer Gegenstimme von Karl-Heinz Kling (CDU) wurde die Bauvoranfrage positiv entschieden. Endgültig entscheiden wird die Baurechtsbehörde des Landratsamtes, die weitere Punkte wie etwa Abstandsflächen prüfen werde.

Geothermie in Graben-Neudorf? Kein neues Thema für den Gemeinderat. Vor fast genau einem Jahr befasste sich der Rat anlässlich des Antrags auf „Aufsuchungserlaubnis“ durch die Deutsche Erdwärme für den Bereich Graben-Neudorf und nördlich davon mit diesem Thema. Dem folgten Informationen als das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zusammen mit der EnBW, diese Erlaubnis für das Gebiet südlich von Graben-Neudorf zu beantragen. Unabhängige Informationen holte sich der Rat vor einigen Monaten noch bei einer Informationsrunde von Frank Schilling, dem Leiter des Landesforschungs-zentrums Geothermie beim KIT.
Die Genehmigung für den Betrieb einer Geothermieanlage erfolgt in mehreren Schritten. Der genannten Aufsuchungserlaubnis folgt die Erlaubnis für die Bohrung und später die Betriebserlaubnis. Jeder Verfahrensschritt ist in sich abgeschlossen, bei jedem Schritt wird die Gemeinde angehört und kann Stellungnahmen abgeben.
Der Gemeinderat Graben-Neudorf sieht das Spannungsfeld zwischen Energiewende, Natur, Umwelt sowie die Chancen und Risiken. Unbehagen ist beim Rat erkennbar angesichts der Tatsache, dass die Einflussmöglichkeiten der Gemeinde relativ gering sind. Sie reduzieren sich auf Beteiligungen im Baurecht und die Anhörung und Abgabe von Stellungnahmen im mehrstufigen Genehmigungsverfahren. Für das ist das Regierungspräsidium Freiburg als Landesbergamt zuständig.

Verhandlungen mit dem Land laufen

Roman Link und Sebastian Homuth hatten die Pläne der Deutsche Erdwärme vorgestellt. Als Ergebnis der früher erteilten Aufsuchungserlaubnis hat die Firma heißes Thermalwasser in etwa 3 000 Meter Tiefe gefunden und einen geeigneten Bohrplatz ausgemacht. Es ist ein Waldstück am östlichen Ortsausgang am Ende der Ernst-Blickle-Straße im Anschluss an das SEW-Parkhaus und das Umspannwerkes der EnBW. Es gehört dem Land. Mit der Landesforstverwaltung laufen Kaufverhandlungen, so die Firmenvertreter.

Luftkühleranlagen werden bis zu 190 Meter lang

Auf einer Fläche von rund zwei Hektar soll ein Bohrplatz entstehen. Das notwendige Betriebsgebäude ist mit rund 42 auf 20 Metern Grundfläche und einer Höhe von etwa zwölf bis 15 Metern geplant. Als auffälligstes Bauwerk entlang der Bahnlinie nach Bruchsal werden die Luftkühleranlagen auf einer maximalen Länge von 190 Meter und einer Höhe von etwa 15 Meter entstehen. Das seien Maximalwerte, so die Firmenvertreter.
Die Fläche liege im nicht überplanten Außenbereich und jetzt sei einzig zu entscheiden, ob öffentliche Belan-
ge entgegenstehen und die ausreichende Erschließung gesichert ist, machte Bauamtsleiter Achim Degen den Räten deutlich. Und die im Baugesetzbuch genannten Voraussetzungen seien aus Sicht der Verwaltung erfüllt.

Erst Strom, dann Erdwärme

Der Betreiber wolle zunächst eine Anlage zur Erzeugung von Strom errichten, eine spätere Erzeugung und Vermarktung von Wärme sei angestrebt. In der intensiven Diskussion, die weniger um das Bauwerk als vielmehr um die Gesamtplanung ging, zeigte sich Karl-Heinz Kling überrascht über den Standort, die Ausmaße und die Tatsache, dass das Land erneut viel Wald an dieser Stelle aufgäbe. Eine vorgesehene Ersatzaufforstung, die auch weit entfernt von Graben-Neudorf erfolgen könne, sei kein Ausgleich.

Deutsche Erdwärme beschwichtigt

Insbesondere den Umweltauswirkungen galten Fragen, aber auch Themen wie Sicherheit und Risiken wurden von den Räten angesprochen. Was aktuell in Straßburg geschehen sei, könne noch nicht beurteilt werden, so Hohmut und Link. Aber sowohl die geologischen wie technischen Grundlagen seien nicht vergleichbar. Bei der Förderung handle es sich um einen Kreislauf, Wasser werde entnommen, Wärme entzogen und dann wieder in den Boden zurückgeführt, verdeutlichten die Firmenvertreter auf Nachfragen.

 

Der mögliche Bauherr präsentierte seine Vorstellungen, wie in das Gesamtprojekt die Gemeinde, örtliche Verbände und Institutionen und die Öffentlichkeit einbezogen werden sollen, um größtmögliche Transparenz zu erzeugen. Im ersten Quartal 2020 soll das Verfahren für die bergrechtliche Genehmigung zur Bohrung beginnen, das Verfahren werde etwa ein Jahr dauern.

Kommentar
Geothermie. Die Energie, die aus dem Boden kommt. Eigentlich eine tolle Sache. Und sie funktioniert, wie beispielsweise in Island zu sehen ist. Tomaten und Gemüse gedeihen dort ganzjährig in Gewächshäusern, die von Geothermie beheizt und mit Strom aus derselben Quelle beleuchtet wird. Dabei fließt die Energie sogar ganz nach Bedarf: Wenn die Menschen aufstehen, alle ihre Kaffeemaschinen und Wasserkocher einschalten, dann fahren die Kraftwerke hoch und liefern Strom und Wärme. So einfach geht es mit keiner anderen regenerativen Energiequelle.
Aber es gibt auch Schattenseiten. In Island ist es der Eingriff in die Naturlandschaft, weil energiehungrige Industrien Stück für Stück das Land umkrempeln. So machen sich beispielsweise riesige Aluhütten immer mehr breit. Und entlang des Rheingrabens kennen die Menschen auch hierzulande ein paar Nachteile ziemlich genau. Im pfälzischen Landau bebte oft der Boden, weil dort die Wärmequelle in der Tiefe mit hohem Gegendruck angezapft werden muss. Auch in Straßburg bebte es vor zwei Wochen kräftig. In Bruchsal wiederum hakt es mit dem sprudelnden Heißwasser, weil regelmäßig Rohre und Wärmetauscher verstopfen. Und in Staufen im Breisgau hat eine Geothermie-Bohrung glatt die Altstadtangehoben, weil eine zuvor geschützte Gipsschicht im Untergrund plötzlich nass wurde.
Vor dem Hintergrund ist Fingerspitzengefühl gefragt. Und mehr Entscheidungsfreiheit für Graben-Neudorf. Bislang darf die Gemeinde nämlich nur das Bauverfahren begleiten. Das letzte Wort hat das Landesbergamt in Freiburg. Für eine so weitreichende Entscheidung für die Gemeinde könnte man schon etwas mehr Möglichkeiten zur Bürgerbeteiligung erwarten. Lutz Schwab