Drei Jahre Freiheitsstrafe verhängte das Schöffengericht am Amtsgericht Bruchsal am Montag gegen den Raser von Philippsburg.
Drei Jahre Freiheitsstrafe verhängte das Schöffengericht am Amtsgericht Bruchsal am Montag gegen den Raser von Philippsburg. | Foto: Heintzen

Polizei-Jagd bis Philippsburg

Drei Jahre für Raser

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„Als ich das Blaulicht sah, wollte ich nur weg“, schildert der Hilfsarbeiter kasachischer Herkunft vor dem Bruchsaler Gericht. Nach einer halbe Flasche „Jackie“ sei sein Zustand aber „normal“ gewesen. Diese – seine – Normalität von Alkohol und Drogen über Jahrzehnte spiegelte sich in 14 Einträgen im Bundeszentralregister: Nach einschlägigen Urteilen wegen Betäubungsmitteltaten, Fahrens ohne Führerschein und Waffenbesitzes verurteilte das Schöffengericht Bruchsal ihn nun wegen diverser Gesetzesbrüche im Rahmen einer wilden Verfolgungsjagd. Diese führte im Januar von Waghäusel nach Philippsburg und kreuz und quer durch Philippsburg. Drei Jahre Gesamtfreiheitsstrafe sind das Ergebnis. Das Gericht folgte so dem Staatsanwalt. Die Fahrt war in einen Unfall gemündet. Der 21-jährige Unfallgegner wurde schwer verletzt.

Das Gericht ordnete an, der Angeklagte werde in einer Entziehungsanstalt untergebracht. Es waren Szenen wie aus einem Film, die im Raserprozess am Montag vor Gericht geschildert wurden. Eine solche Verfolgungsjagd habe er in 30 Dienstjahren nicht erlebt, sagte ein Polizist. Der Unfallort in Philippsburg sah in der Nacht des 20. Januar 2018 „aus wie im Krieg“, so ein anderer Beamter.

Parallelen zum Berliner Raser-Prozess taten sich in Bruchsal indessen nicht auf. Dort war der Tötungsvorsatz der umstrittene Punkt, da ein Mann zu Tode gekommen war. Hier war fahrlässige Körperverletzung angeklagt – neben vielen weiteren Vorwürfen, wegen derer der 34-Jährige auch verurteilt wurde: Vorsätzliche Trunkenheit im Verkehr, vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung, Fahren ohne Führerschein und ohne Haftpflichtversicherung fürs Auto, Urkundenfälschung wegen falscher Kennzeichen, vorsätzlicher Gebrauch unversicherter Fahrzeuge und vorsätzlicher Besitz und Führen von Waffen und Munition ohne entsprechende Erlaubnis.

Die Beamten zogen ihre Waffen

Alle drei Beamten zogen unter dem hohen Adrenalineinfluss ihre Waffen, als der 34-jährige Beschuldigte nach der wilden Jagd mit einem Fünfer-BMW entgegen der Einbahnrichtung in der Rote-Tor-Straße in Philippsburg auf einen Entgegenkommenden krachte. Dessen 21jähriger Fahrer wird noch lange unter den Verletzungen leiden – das ergaben die Gutachten und seine eigenen Aussagen.

Dass der Angeklagte nach dem heftigen Zusammenstoß ausstieg und fliehen wollte, glaubten die Polizisten kaum. Doch dann trat und spuckte er auch noch um sich, wand sich und versuchte die Polizisten zu beißen und wehrte sich mit Kopfstößen und wüsten Beschimpfungen – auch auf Russisch. Bis sie ihn auf dem Boden und in Handschellen hatten, trugen sie etliche blaue Flecken davon und der Raser schließlich eine Spuckhaube – schon „um uns zu schützen“. Der Angeklagte hat Hepatitis C.

Knochen in beiden Füßen zertrümmert

Schlimmer als die Polizisten traf es aber den jungen Mann im anderen Auto. Als der Angeklagte im schweren BMW auf dessen kleineren, leichteren Wagen knallte, wurde er eingeklemmt. Beide Füsse und eine Kniescheibe zerbrachen in viele Stücke. „Er schrie und schrie“, erinnert sich ein Polizist, der sich darum um ihn kümmerte, während die beiden anderen sich dem Täter widmeten.

Dass er einen Unschuldigen hineingezogen und so schwer geschädigt habe, sei ständiges Kernthema ihres Mandanten in der Haft gewesen, so dessen Anwältin. Auch habe er nichts abzustreiten versucht, und habe echte Unrechtseinsicht gezeigt. Sie stellte die Strafhöhe ins Ermessen des Gerichts.

Mit Alkohol, Drogen und Waffe unterwegs

Der Angeklagte war in besagter Nacht im gestohlenen Wagen mit falschen Kennzeichen auf dem Heimweg nach Leimen, nachdem er sich einen „Schuß“ – eine Dosis Heroin – in Oberhausen besorgt hatte und sich verirrte. Das Vokabular der Polizeibeamten, die er bis zum Frontalaufprall mehrfach abhängte, steht für sich: „Er ließ mich einfach stehen, mein Dienstwagen fuhr nur 140“, „er flog vorbei“ oder sei „im Hollywood-Style über die Böschung in den Acker gerast“ – vor dem Ortseingang von Philippsburg. Nur tanzende Rücklichter habe er im Dunkeln gesehen, sagte ein Beamter.

Der 34-Jährige hatte zwei Promille und die Blutentnahme ergab Kokainabbauprodukte und Heroin im Blut. Zudem fand die Polizei im Kofferraum eine scharfe, manipulierte Repetier-Pistole samt Schalldämpfer und Munition. Die Waffe, ursprünglich zum Abschuss von 8-Millimeter-Kartuschen hergestellt, konnte nun scharfe Sechs-Millimeter-Geschosse abfeuern. Die Munition war ebenfalls manipuliert und mit Blei versehen. Auf Frage des Richters, was er mit der Waffe wollte, antwortete der Angeklagte, dazu wolle er nichts sagen.

Seinen Führerschein kann er nach erfolgreicher Therapie und nach dreijähriger Sperre erneut zu erlangen versuchen. „Das wird nicht einfach“, so der Vorsitzende Richter Matthias Zinsius in der Urteilsbegründung. Das Schöffengericht habe ihm aber, entgegen staatsanwaltschaftlichem Antrag auf lebenslange Sperre, dies als Ziel der Drogenentzugs-Therapie belassen wollen. Und zudem gelte er, wie die Verteidigerin das richtig angemerkt habe, im Falle einer erfolgreichen Therapie als geheilt und dürfe darum auch den Führerschein zurückgewinnen.

„Könnte ich die Zeit zurückdrehen…“

Immerhin zeige sich der 34jährige Täter auch  therapiebereit, reuig und geständig, so Richter Zinsius, und habe sich entschuldigt. „Könnte ich die Zeit zurückdrehen, ich täte es“, richtete der Angeklagte sein Wort an den Mann, der schwer humpelt, als er zum Zeugenstand geht. Gehen kann er überhaupt nur dank dreier hochdosierter Schmerzmittel. Seine Psyche sei nicht belastbar, sagt der 21-Jährige. Seit sieben Monaten sieht er nur schwarz, schläft schlecht. Psychopharmaka gleichen dies etwas aus. Und eine fünfte Operation soll im kommenden Januar das letzte Metall aus völlig zetrümmerten Fußknochen herausholen. Seine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker hätte am 3. September beginnen sollen. Der Ausbilder biete ihm einen Teilzeit-Einstieg an und er hoffe sehr, dass das gut gehe, sagte der Geschädigte. Er war mit Anwalt als Nebenkläger zugegen.

Die Vertreter sowohl der Staatsanwaltschaft, wie der Verteidgiung und der Nebenklage verzichteten am Ende sogleich auf Rechtsmittel. Das Urteil ist damit rechtskräftig.