Engel gehören zu Weihnachten - das finden auch diese Kinder, die tönerne Engel gebastelt haben. | Foto: Stieb

Engel und Weihnachten

Ein Beschützer, an den man glauben muss

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Von Katja Stieb

Wetten, dass heute keiner ganz ohne ihn auskommt? Egal ob „Stille Nacht“, „Kommet, Ihr Hirten“ oder „Leise rieselt der Schnee“ – in vielen klassischen Weihnachtsliedern taucht dieses Wesen auf, das trotz seiner „Popularität“ irgendwie ein Schattendasein führt: der Engel. Dabei ist er es wahrlich wert, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Denn er verfügt über eine Eigenschaft, die in Zeiten der erhitzten Diskussion über Glaubensfragen und religiöse Toleranz besonders gefragt sein dürfte: Der Engel spielt im Christentum, im Judentum und im Islam eine Rolle und wird von diesen drei Weltreligionen sogar ähnlich wahrgenommen.
Er gilt als Mittler zwischen Gottheit und Mensch, als geflügeltes Geistwesen, das mahnend oder auch schützend in Erscheinung treten kann. Und auch ganz losgelöst von theologischen Fragestellungen dürfte der Engel den allermeisten Menschen sympathisch sein: Er ist meist hübsch anzusehen, gilt vielen als Symbol für Frieden und Schutz, wirkt geheimnisvoll und mystisch.

Mittler zwischen Gottheit und Mensch

Und für manche ist der Engel überhaupt keine Glaubensfrage: „An Engel muss man nicht glauben, es gibt sie einfach“, sagt Ingrid Mächtlinger aus Stutensee, die sich schon seit Jahrzehnten mit dem Phänomen Engel befasst. „Ich habe das von meiner Großmutter übernommen. Sie war gläubige Katholikin und hat in mir die Überzeugung geschaffen, dass Engel real und immer bei uns sind.“
Obwohl Ingrid Mächtlinger Protestantin ist und sich nicht einmal als besonders religiös bezeichnet, ist ihr Glaube an Engel ungebrochen: „Jeder Mensch hat seine Engel um sich“, sagt sie. „Mit meinen rede ich regelmäßig, denn sie sind mir Beschützer und Ratgeber, gerade in schwierigen Zeiten.“ Die Reaktionen anderer Menschen auf ihre Überzeugungen und ihre starke Affinität zu diesem Thema seien durchweg neutral bis positiv: „Ich bin der Überzeugung, dass sehr viele Menschen im Stillen an Engel glauben und gerade in Notsituationen aus ihnen Hoffnung schöpfen“, sagt sie. „Allerdings denke ich, dass viele das lieber für sich behalten und darüber nicht offen sprechen wollen.“

Man erhofft sich Trost und Schutz

Die Künstlerin Maria Lange aus Linkenheim-Hochstetten hat vor einiger Zeit eine ganze Ausstellung der Figur des Engels gewidmet und hatte damit enormen Erfolg: „Ich denke, dass Engel einfach eine sehr starke Faszination auf Menschen ausüben, weil sie etwas Geheimnisvolles umgibt“, sagt sie. „Man sieht sie nicht, aber man erhofft sich von ihnen Trost und Schutz.“
Für ihre Engel-Gemälde hat Maria Lange besonders grobe, schwere Materialien wie Bitumen, Zement und Gesteinsmehle verwendet. „Ich wollte dem zarten, leichten Sujet gewichtige Materie entgegensetzen“, erklärt sie. „Meine Engel sind auch nicht detailliert dargestellt, sondern nur in Konturen und sehr reduziert zu sehen. Jeder Betrachter soll sich von ihnen ein eigenes Bild machen.“

Engel sind Botenfiguren

Religiöse Motive hatte Maria Lange nicht, und sie spielen für sie auch keine Rolle: „Ich bin aber ohne Zweifel ein christlicher Mensch und nehme die Engel in ihrer Rolle an, die sie in der Bibel spielen“, betont sie. „In meinem künstlerischen Wirken und auch ganz persönlich sind es für mich geheimnisvolle Wesen, die ich gerne auch heranziehe, um meinen Enkelkindern fantasievolle Geschichten zu erzählen.“
Für einen studierten Theologen und Pfarrer einer Kirchengemeinde ist der Engel natürlich stärker konturiert – erst recht, wenn in der Kirche der eigenen Gemeinde die Legende des heiligen Veit als Wandmalerei zu sehen ist, in der Engel eine tragende Rolle spielen: „Engel kommen und gehen mit ihrem Auftrag, sie sind Botenfiguren und verschwinden, sobald ihr Auftrag erledigt sind“, sagt Christoph Lang, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Eggenstein. „Schon in den Geschichten des Alten Testaments wird das an den Erzengeln deutlich, natürlich dann auch in der Weihnachtsgeschichte, wo die Engel die Geburt Jesu verkünden.“ Gerade in der evangelischen Kirche seien die Engel in den vergangenen Jahren „wiederentdeckt“ worden: „Neben die biblischen Figuren traten ‚Alltagsengel’, die schlicht als ein Zeichen auf Gottes Gegenwart und Nähe verstanden werden und zu einer persönlichen Spiritualität, zu Achtsamkeit im eigenen Erleben und einer Offenheit für Gottes Gegenwart in der Welt dazugehören.“

Kunstvolle Bastelei

So bleibt es wohl jedem selbst überlassen, an Engel zu glauben oder nicht, sie wahrzunehmen und zu bewerten. Dass es sie gibt, können Lara Marie, Lynn, Marlene und Romeo beweisen: Die vier Kinder haben in der Kunstgemeinschaft Linkenheim vor Kurzem bunte, kunstvolle Weihnachtsengel aus Ton getöpfert. Gefragt, was denn Engel wirklich sei und was er den lieben, langen Tag so mache, kann Lara Marie dem Unwissenden mühelos weiterhelfen: „Die Engel haben uns die Sonne, den Mond und die Sterne geschenkt“, erklärt sie. „Und wenn die Menschen in die Schule oder zur Arbeit gehen, dann wachen sie über uns.“