Bernhard Kaltenbrunner hat die Seiten gewechselt: Der einstige Postbeamte fährt nun für die Tafeln die Supermärkte an und holt dort übrige Waren ab.
Bernhard Kaltenbrunner hat die Seiten gewechselt: Der einstige Postbeamte fährt nun für die Tafeln die Supermärkte an und holt dort übrige Waren ab. | Foto: frohwerk

Einsatz für gute Sache

Postbeamter engagiert sich seit 1.000 Stunden für Bruchsaler Tafel

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Morgens um 7.40 Uhr steht Bernhard Kaltenbrunner an der Rampe von Lidl. Dann wuchtet er frische Lebensmittel in seinen Kleintransporter. Um 8 Uhr muss er schon bei Aldi sein. Bernhard Kaltenbrunner ist Postbeamter. Eigentlich. Denn gerade hat er die 1.000 Stunden bei der Bruchsaler Tafel vollgemacht. Er nimmt teil an einem Programm, das sich „Engagierter Ruhestand“ nennt.

Das Angebot wendet sich an Beamte der ehemaligen Bundespost, der Telekom und der Postbank. Wer zwölf Monate Bundesfreiwilligendienst leistet, 1.000 Stunden binnen drei Jahren absolviert oder einen Angehörigen pflegt, kann früher raus.

Bisher kümmerte sich Verwaltungswirt Kaltenbrunner um die großen Geschäftskunden der Post, reiste viel, pflegte Kontakte zu Unternehmen, Stadtverwaltungen oder großen Verbänden. Heute arbeitet er mit Menschen, die Hartz IV empfangen, Sozialstunden ableisten, weil sie kriminell geworden sind oder mit Ein-Euro-Jobbern.

„Man wird demütiger“, ist sich Kaltenbrunner sicher. Es zähle noch etwas anderes im Leben. „Hier ist man gleich per Du, das ist eine ganz andere Ebene.“

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Postbeamter muss 1.000 Stunden abarbeiten

Unter dem Motto „Schwitzen statt Sitzen“ leisten einige seiner neuen Kollegen ihre Sozialstunden ab. Als einer von ihnen hörte, dass Kaltenbrunner gar 1.000 Stunden arbeiten muss, gab es reichlich Bewunderung. Bis er ihn aufklärte.

Schwitzen muss Kaltenbrunner bei seinem neuen Job zwar auch, aber nicht als Ersatz für eine Haftstrafe.

Nach 40 Jahren Post war der Wunsch nach dem Wechsel da

Engagiert war der 58-jährige Tiefenbacher schon immer, zum Beispiel in der Jugendarbeit des Fußballclubs seines Heimatortes.Nach 40 Jahren Post wolle er gerne noch etwas Soziales machen am Karriereende. So tauschte er den Schreibtisch gegen den Lebensmitteltransporter.

„Das Thema nachhaltiger Umgang mit Lebensmittel hat mich interessiert. Das Konzept der Tafeln überzeugt.“ Sie sammeln Lebensmittel und andere Waren bei Märkten ein, die dort nicht mehr verkauft werden und geben sie dann – meist für einen symbolischen Preis – an ärmere Menschen weiter.

„Wir verwerten alles. Was bei uns nicht verkauft werden kann, wird zum Beispiel zu Biogas verfeuert oder bekommen Tierparks.“

Supermärkte stellen Waren für die Bruchsaler Tafel bereit

Kaltenbrunners Tour beginnt um 7.15 Uhr bei der Tafel in Bruchsal. Im 20-Minuten-Takt fährt er die Märkte an: Lidl Bruchsal, Rewe und Aldi in Langenbrücken die Bäckerei Würger in Östringen, dm oder auch Kaufland. Um 12.15 Uhr wird er wieder an der Tafel erwartet.

Dort begutachten die Kollegen noch mal, was Kaltenbrunner bringt, sortieren gegebenenfalls schlechte Ware aus und bieten den Rest den bedürftigen Kunden an.

Kistenschleppen ist anstrengend

„Ich war in den ersten Tagen schon körperlich kaputt“, erinnert sich der ansonsten fitte Neu-Pensionär. Unterschiedlich viele Kisten stehen täglich an den Rampen der Supermärkte. „Das ist immer eine Überraschung.“

Hauptsächlich nimmt er Gemüse und Obst mit. Gekühlte Sachen nur dann, wenn gesichert ist, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wurde. Kürzlich gab es Grillfleisch. Der Discounter hatte fürs Wochenende wohl viel bestellt, und dann war das Wetter schlecht.

Postbeamter Kaltenbrunner könnte nun, nach gut einem Jahr, gemütlich in seinen Ruhestand durchstarten. Die 1.000 Stunden hat er erfüllt. „Jetzt mache ich einfach weiter“, sagt Kaltenbrunner und strahlt. „Man braucht eine Struktur am Tag. Nur Holiday wäre nicht meines.“

Die Tafeln, die als Gemeinschaftsprojekt von Caritas, Diakonie und Deutschem Roten Kreuz im nördlichen Landkreis Karlsruhe rund 5.000 bedürftige Menschen versorgen, können Helfer immer gebrauchen.
Wer Interesse an einem „Engagierten Ruhestand“ oder an einer ehrenamtlichen Tätigkeit hat, kann sich melden unter Handy (0176) 10 02 28 69 oder per E-Mail: tafelladen@caritas-bruchsal.de