„FAHREN SIE WEITER!“ Ein Feuerwehrmann versucht bei einem schweren Unfall auf der A5 vom Februar, die Fahrer auf der Gegenfahrbahn dazu zu bewegen, nicht anzuhalten. Mit mäßigem Erfolg. Neben dem tragischen Unfall in Richtung Norden gab es auf der Gegenfahrbahn auch einen Unfall mit Gaffern. | Foto: dpa

Bruchsal/Gondelsheim

Ein Psychologe erklärt: Warum gaffen wir?

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Ein Mann ertrinkt im Untergrombacher Baggersee, die Menschen gaffen und stehen den Helfern im Weg. Eine Familie stirbt auf der A5, nebenan werden Handyvideos gedreht. Ein Motorradfahrer in Gondelsheim verunglückt – die Gaffer sind schon da. Es gibt kaum noch Unfallmeldungen, bei denen die Polizei nicht die Störung durch Gaffer moniert. Der Psychologe Martin Jakubeit war lange Zeit Polizei- und Einsatzpsychologe auch bei der Bruchsaler Bereitschaftspolizei und ist selbst seit 20 Jahren aktiv im Blaulichtehrenamt tätig. Im Gespräch erklärt er das Phänomen.

Warum gaffen die Menschen?

Jakubeit: Gaffen hat es immer schon gegeben. Das ist eine ganz archaische Funktion. Es war für den Menschen immer wichtig, seine Umgebung abzuscannen etwa auf Gefahren. Ist der Säbelzahntiger im Anmarsch? Auch zum Beispiel öffentliche Hinrichtungen auf dem mittelalterlichen Marktplatz oder Brot und Spiele haben die Neugier der Menschen geweckt. Das hatte eine sozialpsychologische Wirkung. Was da im Kopf biochemisch abläuft, ist interessant. Dinge, die uns erregen, schaffen biochemische Reaktionen. Selbst Werbung arbeitet damit. Manche Menschen suchen geradezu nach diesen Reizen, schauen sich Videos an oder filmen mit, wenn sie selbst an eine Unfallstelle kommen.

Martin Jakubeit ist Psychologe und war einige Zeit auch für die Bereitschaftspolizei Bruchsal zuständig. | Foto: pr

Heißt das, wir können gar nicht anders? Unsere Biochemie und unsere Instinkte sind schuld?

Jakubeit: Im Grunde sind wir alle Gaffer. Wir brauchen das Hinschauen auch heute noch, um uns unserer eigenen Unversehrtheit zu versichern. Das ist ein psychologischer Mechanismus. Aber: Wir haben einen freien Willen. Ich kann hinschauen und entscheiden, dass ich nicht anhalte, gaffe, filme oder den Helfern im Weg rumstehe.

Andererseits fordert unsere Gesellschaft ja auch immer wieder eine Kultur des Hinsehens. Was denn nun? Hinschauen, womöglich helfen oder sich besser raushalten…

Jakubeit: Das stimmt, das ist eine Gratwanderung. Wenn ich als erster an einen Unfallort komme, bin ich verpflichtet, zu helfen. Mich selbst in Gefahr bringen muss ich mich nicht. Ich muss entscheiden: Was ist leistbar, wie kann ich Hilfe holen, muss ich mich als Zeuge zur Verfügung stellen? Die Polizei zu rufen ist immer drin. Wenn dann die Profis kommen, kann ich aber auch wieder gehen, wenn meine Hilfe nicht mehr benötigt wird.

So rational handelt offenbar nicht jeder…

Jakubeit: Klar, wir geraten automatisch in Stress, etwas Ungewohntes passiert, ich bekomme den Tunnelblick, mein Wahrnehmungsfeld verengt sich. Trotzdem muss ich mich fragen: Bin ich sicher? Wird Hilfe benötigt? Und dann muss man die richtigen Schlüsse draus ziehen…

… was nicht jedem gelingt.

Jakubeit: Ja, das hat verschiedene Ursachen. Zum einen sind wir Rudeltiere. Wenn andere gaffen, fällt es uns leichter, einfach danebenzustehen und mitzumachen. Außerdem bringt es mir vielleicht Anerkennung im Freundeskreis, wenn ich auch mal ein spannendes Handyvideo vorzeigen kann. In unserer zentraleuropäischen Komfortwelt mangelt es zudem manchen an Selbsthilfe-Kompetenz.

Manchmal helfen Menschen auch nicht, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen.

Jakubeit: Angst ist immer das Nichtvorhandensein von Handlungsmustern. Das könnte man trainieren, es wäre sicher sinnvoll, Menschen zu regelmäßigen Erste-Hilfe-Kurse zu verpflichten.

Nicht helfen, Gaffen und Filmen sind das eine. Aber manche werden auch noch gegenüber den Helfern rabiat. Wie müssen sich die auf eine solche Entwicklung einstellen?

Jakubeit: Sie können sie jedenfalls nicht ignorieren. Wir müssen uns schützen. Das ist ein großes Thema. Manche Einsatzkräfte übersehen die Gefahr, die von solchen Schaulustigen ausgeht. Wir müssen da aber proaktiv rangehen, sonst können wir unseren Job, die Rettung von Menschen, nicht machen. Auch Feuerwehrleute müssen darin geschult werden, die Leute aktiv anzusprechen, sie zu bitten, Platz zu machen…

… ehrenamtliche Feuerwehrleute müssen mit immer komplexerem technischen Gerät umgehen, müssen sich mit Gefahrenstoffen auskennen und sollen jetzt auch noch Krisenkommunikation lernen? Überfordern Sie die Leute damit nicht?

Jakubeit: Ohne Kommunikation geht es nicht. Das ist das sanfteste Mittel. Und ignorieren hilft nunmal nicht.

Was hilft dann?

Jakubeit: Die neuen Sichtschutzwände, die jetzt angeschafft werden, helfen tatsächlich. Wenn es nichts zu sehen gibt, haben die Leute keine Veranlassung langsam zu fahren. Auch die Tatsache, dass zum Beispiel Verstöße gegen die Rettungsgasse mittlerweile geahndet werden, hilft. Die Botschaft muss sein: Das sind keine Bagatelldelikte. Strafen haben hier durchaus einen erzieherischen Effekt.