Das Kloster „Santa Maria de Montserrat“ in der Nähe von Olesa de Montserrat. Die Stadt, rund 40 Kilometer von Barcelona entfernt, ist die Partnergemeinde von Weingarten. | Foto: dpa

Katalonien-Konflikt

„Europa macht den Mund nicht auf“

Von Marianne Lother 

Die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens werden auch in Weingarten mit Aufmerksamkeit wahrgenommen, denn Weingarten pflegt mit Olesa, einer Gemeinde nahe Barcelona, seit Jahrzehnten eine Städtepartnerschaft, und einige Katalanen sind mittlerweile in Weingarten heimisch geworden.

Olesa de Montserrat ist Partnerstadt von Weingarten

Die BNN befragten Montserrat Gomez Gonzalez, Montserrat Font Canals sowie den Deutschen Achim Böhme, Ehemann einer Katalanin, nach ihrer Meinung über die Entstehung der momentanen Situation und Lösungswege aus dem Konflikt. Montserrat Gonzalez ist „mit ganzem Herzen für die Loslösung Kataloniens von Spanien“. Das Wichtigste ist ihr die freie Meinungsäußerung. „Die Menschen dort leben unter der Diktatur von Madrid“, erklärt sie.

Montserrat Font Canals und Montserrat Gomez Gonzalez. | Foto: Lother

Mehr Unterstützung durch Europa gefordert

„Präsident Rajoy und seine ganze Mannschaft sind voll korrupt.“ Katalonien soll Gesetze Spaniens annehmen, an die sie sich selbst nicht halten. Wer von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch mache, komme ins Gefängnis. „Aber Europa macht den Mund nicht auf.“ Ihrer Meinung nach solle Europa die Katalanen viel mehr unterstützen. Sie befürworte sehr, dass 200 Bürgermeister aus Katalonien nach Brüssel zogen, um Gespräche zu führen. So werde aus einem katalanischen Problem ein europäisches Problem. Europa solle Spanien zum Dialog mit Katalonien verpflichten.

200 Bürgermeister aus Katalonien sind nach Brüssel gezogen

„Das ist eine lange Geschichte“, beginnt Montserrat Font. „Die jetzige Regierung hat nicht verstanden, dass jedes Land sich entwickelt. Katalonien will sich Europa zuwenden und Spanien lebt noch nach den Gesetzen der Franco-Diktatur. Es ist wie in einer Familie“, sagt sie. „Wenn die Eltern den Kindern nie zuhören, nie Gespräche führen, dann ist es kein Wunder, wenn die Kinder eines Tages gehen. Katalonien ist der wirtschaftliche Motor des Staats, aber die Finanzkrise war nicht die Hauptursache der separatistischen Bewegung.“ Und: „Wir haben Europa zu Hilfe gerufen“, fährt sie fort, „aber Europa hat immer weggeschaut.“ Es sei ein internes Problem, habe es geheißen, jetzt sei es ein europäisches.

Olesa de Montserrat: Seit dem Frühjahr 1983 ist Weingarten die Partnergemeinde von Olesa de Montserrat. Die Stadt im Nordosten Spaniens mit rund 24 000 Einwohnern liegt etwa 40 Kilometer von der katalanischen Metropole Barcelona entfernt im Landesinneren. Seit dem Frühjahr 1983 ist Weingarten die Partnergemeinde von Olesa de Montserrat. Die Stadt im Nordosten Spaniens mit rund 24 000 Einwohnern liegt etwa 40 Kilometer von der katalanischen Metropole Barcelona entfernt im Landesinneren. Olesa de Montserrat liegt im Landkreis Baix Llobregat. Traditionell wurden dort Olivenbäume angepflanzt, und die Stadt ist unter anderem für ihr Olivenöl bekannt. Auf dem Berg Montserrat befindet sich das Benediktiner-Kloster „Santa Maria de Montserrat“.

Autonomiestatut wurde 2006 verabschiedet

„Die Unabhängigkeitsbewegung geht vom Volk aus“, verstärkt Achim Böhme ihre Aussage. Bereits 2006 wurde ein Autonomiestatut im katalanischen Parlament verabschiedet, vom Volk bestätigt und vom spanischen Parlament in Madrid nochmals bestätigt. Vier Jahre später habe der damalige Oppositionsführer und heutige Präsident Mariano Rajoy in ganz Spanien insgesamt zwei Millionen Unterschriften gegen dieses Statut gesammelt und vor dem Verfassungsgericht geklagt. Das Autonomiestatut wurde teilweise gekippt. Wichtige Bestandteile – Katalonien ist eine Nation, die Landessprache sowohl katalanisch als auch spanisch und einige Aspekte der Selbstverwaltung – hatten keine Gültigkeit mehr.

Neuwahlen sind für den 21. Dezember anberaumt

Eine Eingabe katalanischer Parlamentarier vor dem Spanischen Kongress 2014 wurde gänzlich abgeschmettert, berichtet Böhme. Bei einem Anteil von 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung Spaniens habe Katalonien nie eine Chance, seine Interessen durchzusetzen.
Das gab den Startschuss der Unabhängigkeitsbewegung. Am 21. Dezember sind Neuwahlen anberaumt. Alle drei Befragten sehen in diesen Wahlen eine Chance zu zeigen, dass die Katalanen es ernst meinen. „Wir müssen alle aufrufen, wählen zu gehen“, sagt Montserrat Font. „Wir Katalanen sind hier gut vernetzt.“ Sie schlägt einen Mediator vor. „Wenn die Wahlen wieder so ausgehen, dass diejenigen Parteien siegen, die die Unabhängigkeit wollen, ist das doch ein klares Zeichen“, meint sie. Darin sieht Böhme am ehesten eine Chance: „Dann sollte endlich die EU eingreifen und Madrid an den Verhandlungstisch zwingen“, und Montserrat Gonzalez fordert: „Europa sollte den katalanischen Präsidenten Puigdemont sprechen lassen.“