Die Türen der Schlösser im Land hat SSG-Geschäftsführer Michael Hörrmann durch ein einheitliches Angebots- und Markenkonzept für immer mehr Besucher geöffnet. | Foto: Heintzen

Zehn Jahre SSG in Bruchsal

„Grüne Achse“ und ein Gießwasserproblem

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60 historische Monumente im Land verwalten und vermarkten die Staatlichen Schlösser und Gärten (SSG) Baden-Württemberg  seit 2009. Zehn Jahre nach der Gründung macht sich Geschäftsführer Michael Hörrmann (62) für 15 Prozent mehr Personal stark und verweist dabei auf die bisherige Erfolgsgeschichte. Mit der neuen Abteilung historische Gärten, die von Professor Hartmut Troll geleitet werden soll, wollen die SSG auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren und sich in den nächsten fünf Jahren organisatorisch und strukturell optimieren.  Die SSG-Zentrale ist in Bruchsal, wo auch Hörrmann sein Büro hat – im Nebengebäude des Schlosses. Im Interview mit BNN-Redakteurin Heike Schaub blickt er auf zehn Jahre SSG zurück und auf die kommenden fünf Jahre, in der eine Monumente-App die Kommunikation mit Kunden erleichtern soll.

Warum wurden die SSG 2009 ins Leben gerufen?

Hörrmann: Die Betreuungsstrukturen boten keine Entwicklungsmöglichkeiten. 2009 wurden daher alle mit der Verwaltung der Monumente befassten Mitarbeiter in einer Einrichtung zusammengeführt, mit einem eigenen Etat, höherer Selbstständigkeit und neuer Struktur. Als erstes richteten wir eine Abteilung Marketing und Kommunikation ein, um den Staatlichen Schlösser – endlich – einen einheitlichen Markenauftritt zu ermöglichen, mit einem Corporate Design, neuem Logo und einheitlicher Struktur sämtlicher Printprodukte. Dann vereinheitlichten wir unsere Besuchs- und Vermietungsangebote.

Warum sitzt die SSG eigentlich in Bruchsal?

Hörrmann: Das ist kein Zufall, bereits vorher arbeitete hier eine kleine Einheit. Der damalige Oberbürgermeister Doll setzte sich dann sehr dafür ein, dass die Zentrale der neuen Schlösserverwaltung nach Bruchsal kam. Zudem liegen im nordwestlichen Baden-Württemberg die besucherstärksten Monumente. Allein mit Heidelberg, Schwetzingen, Mannheim, Bruchsal, Rastatt und dem Kloster Maulbronn erreichen wir 2,5 Millionen Gäste pro Jahr. Wir fühlen uns hier mittlerweile sehr wohl.

Die Entwicklung der Besucherzahlen scheint Ihnen recht zu geben.

Hörrmann: In zehn Jahren ist es uns gelungen, die Zahlen von 2,9 auf 4 Millionen pro Jahr zu erhöhen. Zum Vergleich, die elf Landesmuseen wie das Badische Landesmuseum, die Naturkundemuseen oder die Kunsthallen stagnieren seit 2009 bei knapp unter zwei Millionen Besuchern pro Jahr.

Wie haben sich dabei die Einnahmen entwickelt?

Hörrmann: Wir haben sie massiv gesteigert. 2009 erreichten wir 10,52 Millionen Euro Einnahmen, 2018 erzielten wir 15,21 Millionen Euro aus Ticketverkäufen, Vermietungen oder Verpachtungen. Bei einem Etat von 27,43 Millionen Euro verdienen wir damit mehr als die Hälfte unserer Ausgaben selbst.

Wie viel Geld hat die SSG in den letzten zehn Jahren in den Erhalt und die Sanierung von historischen Bauten gesteckt.

Hörrmann: Jährlich etwa 20 Millionen an Steuergeldern. Alle Baumaßnahmen finanziert Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Die Renovierungen des mobilen Kunstguts im Innern, die Pflege der Gärten und den Besucherbetrieb finanzieren wir aus unserem Etat und Einnahmen. 200 Millionen Euro in zehn Jahren für 60 Monumente klingt viel, ist angesichts der großen Aufgabe, unser kulturelles Erbe denkmalgerecht zu erhalten, eher bescheiden. Wir profitieren davon, dass sich Baden-Württemberg seit seiner Gründung sorgfältig um seine Monumente kümmert. Der aktuelle Restaurierungsstau ist daher wesentlich geringer als in den neuen Bundesländern.

Sind nach zehn Jahren alle Schlösser eingerichtet oder gibt es noch Lücken?

Hörrmann: Wir fangen eigentlich erst an. Nach dem Krieg wurden die Schlösser mit dem ausgelagerten Kunstgut hastig und eher zufällig wieder möbliert. Das geschah oft recht geschmäcklerisch nach den Vorlieben der beteiligten Personen, ohne Rücksicht auf historische Korrektheit. Das ändern wir gerade. Bruchsal, Schwetzingen und Mannheim stellen gelungene Neueinrichtungen dar. Jetzt wird Ludwigsburg für 4,5 Millionen Euro wieder so eingerichtet, wie es dem Zustand im frühen 19. Jahrhundert entspricht. Rastatt und Favorite sind die nächsten auf der Liste. Die Finanzen sind für uns dabei das kleinere Problem, schwerer wiegen die zu dünne Personalausstattung, insbesondere fehlende Restauratoren oder die ungenügende Quellenlage.

Was fällt Ihnen spontan zu Schloss Bruchsal ein?

Hörrmann: Eine späte, aber inzwischen eine intensive Liebe.

Schloss Heidelberg?

Hörmann: Großartig, einmalig, überwältigend.

Schloss Mannheim?

Hörrmann: Ein schwieriges Monument. Nach dem Krieg zerstört und die Möbel, die das Schloss in seiner Glanzzeit prägten, stehen seit 1771 in München.

Schloss und Garten in Schwetzingen?

Hörrmann: Zum Verlieben – ein Ort, wo man nach der Pensionierung gerne wohnen würde.

Kloster Maulbronn?

Hörrmann: Ein kulturhistorisches Schlachtschiff und architektonische Wucht, zu recht Unesco-Weltkulturerbe.

Schloss Rastatt?

Hörrmann: Großer Renovierungsbedarf.

Die SSG-Zentrale besteht aus vier Bereichen und soll nun um eine Abteilung historische Gärten erweitert werden …

Hörmann: Gärten sind ein faszinierendes Element des kulturellen Erbes, das viel Pflege benötigt. Ein Garten ist viel schwieriger zu ,lesen‘ als ein Schloss. Man muss mehr erklären. Mit dem Klimawandel kommen neue Probleme auf uns zu. In Schwetzingen gibt es Schäden an 80 Prozent der Buchen durch den letzten heißen Sommer. Wir müssen aus Sicherheitsgründen ganze Gartenbereiche sperren. Weil der Grundwasserspiegel sinkt, wächst die Ulme als prägender Baum des Barock- oder Rokokogartens kaum noch bei uns. Wir müssen nun trockenresistentere Sorten züchten, um das optische Erscheinungsbild des barocken Gartens zu erhalten. In einzelnen Gärten hat sich der Gießwasserverbrauch in den letzten zehn Jahren verdreifacht.

Sie wollten neue Zielgruppen gewinnen. Das Publikum ist aber immer noch eher älter. Ist ein Ende der Fahnenstange erreicht?

Hörrmann: Momentan können wir kaum weiter wachsen, das liegt vor allem am fehlenden Personal. Unsere 478 Mitarbeiter arbeiten schon mehr als sie müssen. Wir sind gerade dabei, neue Stellen zu beantragen. Besucher mit höherer Bildung und einem höheren Haushaltseinkommen sind bei uns überrepräsentiert. Menschen mit einem Migrationshintergrund aber deutlich unterrepräsentiert, das ist eine strategische Aufgabe für die Zukunft. Mittlerweile haben wir aber deutlich mehr Besucher aus China, Japan oder der Schweiz.

Es gibt immer wieder Formate wie die Gartenmessen, die floppen. Was macht man da?

Hörrmann: Gartenmessen waren eine Zeit lang ungeheuer beliebt, aber irgendwann kannibalisieren sie sich selber, weil sie jeder macht. Beliebt sind jetzt Mittelaltermärkte oder Keltenfeste, das geht in Bruchsal schlecht. Dann muss man neues entwickeln und auch den Mut haben, auf Mammutveranstaltungen zu verzichten. Bruchsal ist im Moment im Umbruch, aber ich bin sicher, wir entdecken wieder was.

Ist die Schlossweihnacht in Bruchsal nach der kurzfristigen Absage 2018 nun gestorben?

Hörrmann: Es wird keine Schlossweihnacht wie bisher mehr geben, das ist nicht finanzierbar. Wir werden aber irgendwas weihnachtliches machen.

Wie könnte man das Schloss besser an die Stadt Bruchsal anbinden?

Hörrmann: Damian Hugo von Schönborn hat das Schloss bewusst vor den Ort gesetzt. Aber den SSG wie Bruchsal würde eine grüne Achse gut tun, die Schloss und Stadt näherbringt. Ein Besucher kapiert zunächst nicht, wo die Stadt ist. Es gibt keine Blickverbindung. Mein Traum wäre eine Flaniermeile mit Außengastronomie und gehobenem kleinen Einzelhandel. Die Achse zwischen Innenstadt und Schloss kann dann zum gefühlten Zentrum werden. Schwierig umzusetzen, ich weiß.

Welches ist Ihr Lieblingsobjekt?

Hörrmann: Schloss Favorite bei Rastatt ist schon eine ständige Liebe – filigran und geschmackssicher gebaut, mit einer faszinierenden Porzellansammlung und der Figur der Sibylla Augusta. Was Hofgärtner Johann Michael Schweyckert mit diesen paar Hektar gemacht hat, ist richtig großes Landschaftspark-Kino.

Sie gelten als begeisterungsfähig, was ist in dem Job eher hinderlich?

Hörrmann: Meine Ungeduld. In zehn Jahren habe ich aber gelernt, das nicht alles so schnell umsetzbar ist.

Hat es Sie nie gejuckt, sich auch mal auf einen Thron zu setzen?

Hörrmann: Das macht man nicht. Man weiß ja, was kaputtgehen kann und was die Wiederherstellung kostet. Mich juckt es eher, mit einem Schlüssel jede Tür zu öffnen. t. Mich juckt es eher, mit einem Schlüssel jede Tür zu öffnen.