STOLZER PIONIER: Geschäftsführer Manfred Möller erläutert die Arbeitsvorgänge im Reststoffbearbeitungszentrum in Philippsburg. | Foto: Martin Heintzen

Rückbau im Kernkraftwerk

Häcksler für den Atomschrott steht bereit

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Die Ausmaße sind beachtlich. Auf über 5 000 Quadratmetern Bodenfläche steht in der Nachbarschaft der Kühltürme in Philippsburg eine 20 Meter hohe Halle mit Containern, einer riesigen Säge und einem Kran, der Lasten bis zu 200 Tonnen heben kann. Wie ein fast endloser Flur wirkt das benachbarte Abfalllager für den erwarteten Atomschrott: 145 Meter lang und 30 Meter breit. Der Betreiber des Kernkraftwerks, EnBW, und die Gesellschaft für nukleares Reststoffrecycling haben sich auf den Rückbau der Anlage vorbereitet und dem Vernehmen nach über 100 Millionen Euro investiert.

Kein unnötiger Leerlauf

„Wenn wir einen kontinuierlichen Rückbau wollen, bei dem bei Einbehaltung größtmöglicher Sicherheit kein unnötiger Leerlauf entsteht, dann brauchen wir dafür möglichst gute Rahmenbedingungen“, erklärte EnBW-Geschäftsführer Jörg Michels bei der symbolischen Einweihung der beiden Gebäude. Der „überdimensionale Häcksler“, wie ein Beobachter die Einrichtung am Rande der Feierstunde nannte, ist in Kürze betriebsbereit; die Arbeiten werden voraussichtlich noch in diesem Jahr beginnen.

Wann die beiden Kühltürme dem Erdboden gleichgemacht werden, steht indes nicht fest. Auch die Frage des Abbaus ist noch offen. Alternative zum sogenannten maschinellen Abbruch ist die Sprengung, die in Philippsburg favorisiert wird. Entwürfe wurden von der EnBW erarbeitet, das Umweltministerium muss sie absegnen. „Spätestens am Pfingstmontag 2020“ sollen die Türme gesprengt werden, forderte Philippsburgs Bürgermeister Stefan Martus. Schließlich werde auf dem Gelände Platz für den Konverter benötigt, der Gleichstrom aus dem Norden Deutschlands in Wechselstrom umwandeln kann. Die Entscheidung erwartet Martus bis Ende dieses Jahres. Dann muss laut Gesetz auch Block II des Kraftwerks abgeschaltet werden; Block I ist seit 2011 nicht mehr am Netz.

„Pionierarbeit“ auf der Rheinschanzinsel

Auf das Ende des Atomzeitalters hat man sich in Philippsburg so gut wie möglich vorbereitet, wurde bei der Einweihungsfeier, zu der auch die Landtagsabgeordneten Ulli Hockenberger (CDU) und Rainer Balzer (AfD) begrüßt wurden, verdeutlicht. Im Reststoffbearbeitungszentrum, wie die Rückbauhalle offiziell heißt, wird der Bauschutt zunächst zerlegt und dekontaminiert. Anschließend prüfen die Fachleute, ob das Material strahlenfrei ist. Der radioaktive Abfall – im Kernkraftwerk I sind das ein Prozent der Gesamtmasse von 400 000 Tonnen – soll im Schacht Konrad bei Salzgitter endlagert werden. Das stillgelegte Bergwerk wird aber voraussichtlich erst 2027 als Atommüllhalde fertiggestellt sein. Bis dahin bleibt der Philippsburger Abfall auf der Rheinschanzinsel. Die strahlenfreie KKW-Reste werden weiterverarbeitet, beispielsweise im Straßenbau oder in der Industrie.

Manfred Möller, der Geschäftsführer der Gesellschaft für nukleares Reststoffrecycling, sprach beim Rundgang durch die Hallen von „Pionierarbeit“ und erläuterte: „Einen solchen Gebäudekomplex hat es in dieser Form und Dimension vorher noch nicht gegeben, wenngleich die einzelnen Techniken, die hier vereint sind, seit vielen Jahren bewährt sind.“ Neu sei, dass Funktionen und Techniken so vereint seien, dass Rückbau und Logistik optimal unterstützt werden. Und zur Unterstützung seiner Aussage, „dass es sich um sehr stabile Gebäude handelt“, nannte Möller zahlen: Zur Verdichtung des Areals wurden 6 200 bis zu 16 Meter lange Säulen aus Schotter in den Untergrund befördert, rund 42 000 Kubikmeter Beton wurden verbaut, und der verwendete Stahl wiegt etwa 7 000 Tonnen.

Mahnende Worte richtete Landrat Christoph Schnaudigel an Politiker und Firmenvertreter. Man dürfe nicht nur an den Rückbau denken, sondern auch die Entsorgung nicht aus den Augen verlieren, betonte er. „Das Problem der Entsorgung ist noch nicht gelöst“, so Schnaudigel weiter: „Wir brauchen die Unterstützung der Landespolitik.“ Derzeit aber lasse das Umweltministerium in Stuttgart den Landkreis bei der Entsorgung allein.