on der Festanstellung in die Selbstständigkeit: Cornelia Wesner, Laura Meglio und Franziska Rehbein (von links) haben den Schritt ins Belegsystem gewagt. Sie und 13 Kolleginnen arbeiten seit Juni selbstbestimmt als Team im Kreißsaal der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal und sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung.
Von der Festanstellung in die Selbstständigkeit: Cornelia Wesner, Laura Meglio und Franziska Rehbein (von links) haben den Schritt ins Belegsystem gewagt. Sie und 13 Kolleginnen arbeiten seit Juni selbstbestimmt als Team im Kreißsaal der Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal und sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung. | Foto: Rake Hora

Weniger Reglementierung

Hebammen in der RKH-Klinik Bruchsal arbeiten jetzt freiberuflich im Belegsystem

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Die Hebammen in der RKH-Klinik in Bruchsal haben sich mehr Selbstbestimmung und weniger Reglementierung durch das Krankenhaus gewünscht. Anfang Juni sind sie deshalb als Hebammenteam Bruchsal, Wesner & Partnerinnen in ein Belegsystem mit der Klinik gewechselt. Die seither angestellten Hebammen sind nun selbstständig tätig.

Die Nachricht „Kreißsaal geschlossen“ kann für Frauen in den Wehen zum Horrorszenario werden. Vor allem dann, wenn das nächste Krankenhaus mindestens 40 Minuten Fahrzeit entfernt ist.

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Kreißsaal war 2015 für sechs Wochen nur im Notbetrieb

In der Fürst-Stirum-Klinik musste der Kreißsaal im Jahr 2015 aus strukturellen und personellen Gründen für sechs Wochen in Notbetrieb wechseln. Geöffnet war nur von 7 bis 17 Uhr. Außerhalb dieser Öffnungszeiten mussten Schwangere bis Karlsruhe oder Heidelberg fahren.

Es ging damals ums Überleben.

Jürgen Wacker, Chefarzt

„Es ging damals ums Überleben“, erinnert sich Jürgen Wacker, Chefarzt und Leiter der Geburtsklinik, „aber wir hatten den Mut zu sagen, dass wir es so nicht schaffen.“

Es folgte ein intensiver Austausch mit den Hebammen, in dem es dabei ging, welchen Anspruch sie an ihre Arbeit haben und welche Rahmenbedingungen sie sich wünschen. „Ich sah nur einen Weg für die Hebammen, nämlich das Beleghebammensystem“, erzählt Regionaldirektorin Susanne Stalder im BNN-Gespräch.

Es gibt keine Hierarchie, Ärzte und Hebammen arbeiten auf Augenhöhe.

Laura Meglio, Hebamme

Dieser Weg von der Festanstellung zur Selbstständigkeit war „vertrauensvoll“, wie die Hebammen Franziska Rehbein, Laura Meglio und Cornelia Wesner betonen. Alle drei unterstreichen den guten Teamgeist auf der Bruchsaler Geburtenstation.

„Es gibt keine Hierarchie, Ärzte und Hebammen arbeiten auf Augenhöhe“, sagt Laura Meglio. „Geburtshilfe ist Vertrauen“, bestätigt Chefarzt Wacker. Das müsse zwischen Frau, Hebamme und Arzt herrschen, um überhaupt einen Kreißsaal für eine natürliche Geburt anbieten zu können.

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Weg in die Selbständigkeit ist großer Schritt

Der jungen Berufsanfängerin Franziska Rehbein war schnell klar, dass das Belegsystem ein „guter Weg“ ist. Für Cornelia Wesner, die seit 26 Jahren als angestellte Hebamme in der Bruchsaler Klinik arbeitete, war der Wechsel in die Selbstständigkeit ein „großer Schritt“.

„Ich habe lange gezögert“, gibt sie zu. Denn im fortgeschrittenen Alter könne beispielsweise eine Krankheit der Selbstständigkeit schnell einen Strich durch die Rechnung machen. „Der anfängliche Zweifel ist aber schnell einer neuen Energie und einem anderen Verantwortungsbewusstsein, auch sich selbst gegenüber, gewichen“, sagt Cornelia Wesner.

Maximal ein Schichtwechsel pro Geburt

Die 16 Hebammen im Bruchsaler Team müssen die Versicherungssumme von 10.000 Euro für die Berufshaftpflicht künftig selbst stemmen. Zwar gibt es einen staatlichen Sicherstellungszuschlag, doch der wird erst rückwirkend ausgezahlt. „Wir rechnen trotzdem damit, finanziell besser dazustehen“, sagt Laura Meglio.

Dies sei zumindest die Erfahrung von Hebammen an anderen Kliniken. Einen zeitlichen Zugewinn können die Hebammen schon nach einem Monat Selbstständigkeit bestätigen. Das Drei-Schicht-Modell ist durch eine Zwölf-Stunden-Schicht ersetzt worden. „Halte ich das wirklich so lange durch“, hat sich Laura Meglio anfangs gefragt.

Eine große Umstellung war es auch für Cornelia Wesner: „In der ersten Schicht dachte ich, ich sterbe.“ Der Vorteil sei aber, dass es während einer Geburt in der Regel maximal einen Schichtwechsel gebe.

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Überstunden gibt es nicht mehr

Außerdem seien die Dienste insgesamt weniger häufig. So bliebe privat mehr Zeit, aber auch beruflich für die Betreuung von Schwangeren und frischgebackenen Eltern. Das Thema Überstunden habe sich erledigt, da als Selbstständige jede gearbeitete Stunde anrechenbar ist.

Wenn die Gebärenden kommen, sei die Bereitschaft jetzt größer, kurzfristig einzuspringen, erklärt Meglio. Die Überstundenkonten seien im Angestelltenverhältnis hingegen ohnehin voll gewesen.

Hintergrund
Das Ministerium für Soziales und Integration hat Anfang 2017 einen „Runden Tisch Geburtshilfe“ ins Leben gerufen, um die Versorgung in der Geburtshilfe in Baden-Württemberg zu analysieren. Die wichtigsten Erkenntnisse wurden 2018 in einem Bericht des Instituts für Public Health der Universität Heidelberg veröffentlicht: 2015 gab es 84 Kliniken mit
Geburtshilfe in Baden-Württemberg. Zehn Kliniken für Geburtshilfe wurden von 2010 bis 2015 geschlossen. Gleichzeitig stieg seit 2011 die Zahl der Geburten fortlaufend an. Nach Angaben des Statistischen Landesamts wurden 2016 über 107.000 Kinder geboren, 21 Prozent mehr als 2011. Fast alle Kinder werden in Baden-Württemberg in einer Klinik geboren. Aber etwa ein Drittel bis über die Hälfte der befragten Krankenhäuser hat Probleme, offene Stellen in der Geburtshilfe zu besetzen. Die Regierungsbezirke Stuttgart und Tübingen planen einen Ausbau der Ausbildungsplätze von Hebammen und Entbindungspflegern. Im Regierungsbezirk Karlsruhe ist bislang keine Erhöhung in Aussicht gestellt.