Am Westportal des Bruchsaler Rollenbergtunnels übten die Rettungskräfte den Ernstfall: Ein ICE ist entgleist, es gibt Verletzte und Tote. | Foto: Thomas Rebel

Schlaflos in Bruchsal

„ICE entgleist“ – so lief die Großübung

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Es war die größte Übung im Land Baden-Württemberg in diesem Jahr und für die meisten Beteiligten wohl die größte in ihrem Einsatzleben: Insgesamt 940 Kräfte sämtlicher Blaulichtorganisationen sowie Statisten übten in der Nacht zum Sonntag am Bruchsaler Rollenbergtunnel den Ernstfall. „Es gab keinen einzigen Verletzten, und darüber sind wir sehr dankbar“, zogen die Verantwortlichen Bilanz am frühen Morgen. Die etwa 75 Verletzten waren nur gespielt, real haben alle die stundenlange Übung in der kalten Nacht und in unwegsamem Gelände gut überstanden.

50 Personen sind im Zug eingeschlossen

Angefangen hat alles damit, dass die Bahn zu spät kam: Erst gegen 23.50 Uhr ging der Alarm los: „ICE 27958 von Stuttgart in Richtung Mannheim ist im Rollenbergtunnel – Bereich Westportal entgleist. Das Ausmaß des Schadens ist unklar.“ So lautete die Meldung. Der Zugführer hat diesen Notruf abgesetzt, so wurde angenommen, weil der Lokführer schwer verletzt ist. Wie ist die Lage? Etwa 50 Personen sind eingeschlossen oder so schwer verletzt, dass sie sich nicht selbst befreien können. 20 Personen sind nur leicht verletzt und irren im Tunnel oder an den Portalen umher. Etwa 15 Personen treten als „Störer“, etwa als Angehörige oder Zeugen auf,  die die Rettungsmaßnahmen ebenfalls beeinflussen. Andreas Kroll hat sich zusammen mit der Bahn die Übung ausgedacht. Seine Feuerwehrkameraden aus dem gesamten Umfeld, diverse Rettungsdienste, Polizei und Verwaltung mussten nun handeln.

Es wimmert und heult

Und tatsächlich: Im ICE wimmert und heult es. Lebensecht von der DLRG geschminkte Mimen geben ihr Bestes, die Einsatzkräfte realitätsnah zu fordern. Da liegt eine Frau blutend am Boden, in ihrem Bein stecken Splitter. Ein junger Mann liegt bewusstlos quer im Gang, Blut ist auf die Zeitschrift unter seinem Kopf getropft, die er soeben noch gelesen hat. Viele hören offenbar nicht gut, schwanken, sind desorientiert. Derweil wird von draußen Material und Manpower angefahren. Licht, Aggregate, Rettungsgerät, sogar eine Drohne steigt auf. Die leichter Verletzten können den Zug verlassen. Feuerwehrleute helfen ihnen die steile Nottreppe ins Gleisbett hinab.

Kleine Zeltstadt am Ostportal

Am anderen Ende des Rollenbergtunnels, gut 3,3 Kilometer vom Unfallort entfernt,  entsteht in dieser Nacht mitten in der matschigen Wiese eine kleine Zeltstadt. Am Ostportal richten sich die Sanitätskräfte darauf ein, viele Verletze noch vor Ort zu versorgen. Während draußen die Temperaturen um den Gefrierpunkt liegen, ist es in den Sanitätszelten mollig warm. Hier können Verletzte erstversorgt werden, hier werden sie von Notärzten gesichtet, um später in die Klinik transportiert zu werden. Triagieren sagen die Fachleute dazu. Drei Kategorien gibt es: Rot, gelb, grün. Rot sind die Schwerverletzten, höchste Priorität. Gelb ist mittelschwer, grün ist leicht oder gar nicht verletzt.  Als vierte Kategorie gibt es noch schwarz, tot oder beinahe tot. Auch das wird simuliert, allerdings nur mit Dummies.

„Tatjana, bleiben Sie ganz ruhig. Ich bin bei Ihnen“. Ein Polizist versucht eine offenbar desorientierte und weinende Frau, eingehüllt in einer Rettungsdecke, zu beruhigen. Die Laiendarsteller geben wirklich ihr Bestes. Ein junger Mann atmet schwer, keucht regelrecht. Eine andere Darstellerin ruft nach ihrer Mutter. Wieder eine andere wird aggressiv. Der bewusstlose junge Mann, der mitten im Gang liegt, muss dann aber doch mal kurz auf Toilette. Danach ist er aber wieder bewusstlos, bis er auf einer Trage landet und in den Rettungszug verfrachtet wird.

Nur die Spezialzüge dürfen in den Tunnel  fahren

Am Ostportal heißt es jetzt warten. Bis die beiden Spezialzüge eintreffen, die von den Berufsfeuerwehren Mannheim und Stuttgart eigens für die Rettung im Tunnel ausgelegt sind. Nur sie dürfen in den Tunnel hineinfahren, der keinen Rettungsstollen hat. Als sie an beiden Portalen eintreffen, können auch die Schwerverletzten mittels Loren in den Rettungszug transportiert werden. Raus aus dem ICE, rauf auf die Lore, rein in den Rettungzug, raus in den Krankenwagen. Das ist das durchaus aufwendige Prozedere, wenn im Tunnel ein Unglück passiert. Ihr späteres Ziel: Das Bruchsaler Krankenhaus. Dort wird in einer Schleuse direkt am Eingang ebenfalls der Ernstfall geprobt. Auch hier werden die Eintreffenden nochmal kategorisiert, etwa mittels Ultraschall. Schnell muss dort entschieden werden: Wo ist es lebensbedrohlich? Wer kann noch etwas warten?

Gutes Zusammenspiel  der Kräfte

Über dem Gesamtgeschehen wacht der Führungsstab im Rathaus. Hier laufen die Fäden zusammen, hier muss abgestimmt werden, welche Kräfte wo zum Einsatz kommen. Erschwerend kommt hinzu, dass plötzlich ein anderer Alarm runtergeht. Großbrand in einer Müllfabrik. Zum Glück auch nur simuliert. Aber auch das muss klappen – zwei Lagen gleichzeitig zu betreuen.

Gegen 4 Uhr atmen auch im Rathaus die ersten  Teilnehmer auf. Die Übung geht dem Ende entgegen. Fast alles lief nach Plan. Um fünf Uhr soll schließlich der Zugverkehr wieder anrollen.  „Wir wurden Zeugen einer sehr bemerkenswerten Leistung. Das Zusammenspiel war sehr beeindruckend“, zieht Bürgermeister Andreas Glaser noch in der Nacht Bilanz. „Da ist noch Luft nach oben“, gibt sich Einsatzleiter und Bruchsals Feuerwehrkommandant Bernd Molitor durchaus selbstkritisch. Das Zusammenspiel der Kräfte habe gut funktioniert, an der Kommunikation allerdings gebe es noch Verbesserungsbedarf. „Respekt und Stolz“ – mit diesen Worten beschreibt gegen 5 Uhr morgens Bruchsals OB Cornelia Petzold-Schick die Nacht. „Ich bin beruhigt, weil ich gesehen habe, wie professionell die Helfer zu Werke gegangen sind. Das war eine vertrauensbildende Maßnahme.“

Wer war dabei? Insgesamt 788 übende Personen plus Statisten

Das waren die Feuerwehren aus ganz Bruchsal. Sie haben die Übung inszeniert und sorgten auch für den Grundschutz, falls es andernorts zu einem echten Notfall gekommen wäre. Weitere Wehren aus Ubstadt-Weiher, Forst, Bad Schönborn, Kraichtal und Bretten unterstützten die Kräfte.

Das Technische Hilfswerk kümmerte sich etwa um die Ausleuchtung der Einsatzstellen und um die Stromversorgung. Von den Rettungs- und Sanitätsdiensten waren Malter-Hilfsdienst, Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter und DLRG vor Ort. Letztere sorgten dafür, dass die Mimen realitätsnah geschminkt waren. Die Deutsche Bahn war mit Notfallmanagern vor Ort, außerdem die Berufsfeuerwehren aus Stuttgart und Mannheim, die die Spezialzüge besetzten. Im ICE selbst war Original-Bordpersonal im Dienst. Von der Polizei waren Vertreter etwa des Präsidiums, der Kripo und der Bundespolizei im Einsatz. Die Polizei musste beispielsweise reale Schaulustige vertreiben, die sich bis auf das Tunnelportal West durchgeschlagen hatten. Andere Polizisten nahmen ihre Ermittlungen nach der Unfallursache auf. Insgesamt hielten sich 13 Notfallseelsorger bereit, um Angehörige zu betreuen. Teil des Szenarios waren auch die Verwaltung, die Bruchsaler Stadtverwaltung, wo der Führungsstab eingesetzt wurde und die Fäden zusammenliefen, ebenso der Landkreis Karlsruhe. In der Fürst-Stirum-Klinik-Bruchsal wurde die Aufnahme vieler Patienten trainiert.

Die Einatzleitung bildete der Feuerwehrkommandant der Stadt Bruchsal sowie der Führungsstab des Landkreises Karlsruhe. Die gut 100 Statisten wurden mehrheitlich von der Reservistenkameradschaft gestellt. Mit dabei waren etwa 60 Beobachter: Neben Medienvertretern waren das Fachleute der Rettungsorganisationen, das waren OB und Bürgermeister, Gemeinderäte und Abgeordnete.