Das AKW Philippsburg. Spätestens an Silvester sollen in Block II die Lichter endgültig ausgehen. | Foto: Hora

Spätestens Ende Dezember

Im AKW Philippsburg laufen die letzten Vorbereitungen zur Abschaltung

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Schon bald wird der Block II des Atomkraftwerks Philippsburg stillstehen. Der laute Lärm wird sich legen, in maximal sechseinhalb Wochen. Dann wird die vier Jahrzehnte andauernde Erzeugung von Atomstrom auf der Rheinschanzinsel Geschichte sein.

In der rechten Herzkammer des Atomkraftwerks (AKW) Philippsburg II herrschen moderate Sauna-Temperaturen. Doch anders als in einem gewöhnlichen Schwitzraum ist hier an Ruhe und Entspannung nicht zu denken. Ein tiefes Brummen erfüllt die Luft. Auf der Zentralachse der langen, menschenleeren Maschinenhalle rotieren drei grün ummantelte Turbinen mit einer Leistung von je zwei Millionen PS. Mit 1.500 Umdrehungen pro Minute treiben sie einen 300 Tonnen schweren Generator an, der den Boden um sich herum erzittern lässt.

Schon bald wird er stillstehen. Der laute Lärm wird sich legen, die „Sauna“ erkalten, wenn der aus einem verzweigten Rohrnetz gepresste Wasserdampf ausbleibt. Noch maximal sechseinhalb Wochen. Dann wird in der linken Herzkammer des AKW, dem Reaktorgebäude, die Kettenreaktion ein letztes Mal unterbrochen – und die vier Jahrzehnte andauernde Erzeugung von Atomstrom auf der Rheinschanzinsel Geschichte sein.

Ein interessantes Projekt,
auf das ich mich freue.

Jörg Michels, Geschäftsführer der EnBW Kernkraft, zum Ende von Block II

Jörg Michels ging noch zur Schule, als der erste Reaktorblock hier 1979 ans Netz ging. Der Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, der einst Elektrotechnik an der TU Karlsruhe studiert hat, hat lange in Philippsburg gearbeitet, er dürfte die komplizierte Anlage wie seine Westentasche kennen. „Spüren Sie ein wenig Wehmut beim Gedanken an das Ende einer Ära, Herr Michels?“ Der Manager blinzelt, die wohl zurechtgelegte Antwort soll neutral klingen: „Bei jeder Industrieanlage gehören der Bau wie der Abbau dazu, es ist ein interessantes Projekt, auf das ich mich freue.“ Ein anderer AKW-Mitarbeiter zeigt mehr Gefühle. „Loszulassen ist ein menschlicher Prozess“, sagt er. „Aber wir hatten nach Fukushima acht Jahre Zeit, um uns darauf einzustellen“.

Atommeiler im Südwesten

Zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 hatte der Energiekonzern EnBW in Baden-Württemberg zwei Kernkraftwerke (KKW) in Betrieb. Ein drittes KKW – die noch 1968 gestartete Anlage in Obrigheim nördlich von Heilbronn mit einer elektrischen Leistung von 350 Megawatt – war 2005 abgeschaltet worden.
Seit 2008 läuft dort der Rückbau, der bis Mitte des kommenden Jahrzehnts im Rahmen des Atomrechts abgeschlossen werden wird. Das bedeutet, dass das Kraftwerk ab dann als eine normale Industrieanlage gilt, die konventionell abgerissen oder teils weiter wirtschaftlich genutzt werden kann.
Kurz nach Fukushima schaltete EnBW an zwei weiteren Standorten je einen Reaktorblock ab: Neckarwestheim I (840 MW) südlich von Heilbronn und Philippsburg I (926 MW). Der letztere hatte als einzige der fünf Anlagen einen Siedewasserreaktor; die anderen vier sind alle Druckwasserreaktoren. 2013 beantragte EnBW beim Landesumweltministerium die notwendigen Genehmigungen. Im Februar 2017 beziehungsweise im Mai 2017 begannen dort die Rückbauarbeiten. Die Entlassung aus dem Atomrecht wird in beiden Fällen bis zum Jahr 2032 erwartet.
Es bleiben die Meiler Neckarwestheim II (1400 MW) und Philippsburg II (1470 MW). Seit 2016 läuft hier die Genehmigungsphase. Die erste Phase des Rückbaus wird hier bis etwa 2035 abgeschlossen sein. Nach der gesetzlich vorgeschriebenen Abschaltung von Neckarwestheim II bis Ende 2022 wird kein Atomstrom mehr im Südwesten produziert werden. EnBW will in Zukunft auf Kohle und erneuerbare Energien setzen.

Ein Prozent des Abfalls ist radioaktiv

Die Verantwortlichen im Atommeiler versichern, diese Zeit gut genutzt zu haben. Zum Beispiel um ein Reststoffbearbeitungszentrum (RBZ) und ein Abfalllager (SAL) auf dem 600.000 Quadratmeter großen Betriebsgelände einzurichten. Im ersteren sollen etwa zwei Prozent der insgesamt auf 780.000 Tonnen geschätzten Abbaumasse des Blocks II gereinigt werden. Der von radioaktiven Partikeln befreite Müll wird dann recycelt oder auf normalen Deponien verklappt. Im SAL landet später der in Spezialbehältern eingeschlossene schwach- bis mittelradioaktive Abfall. Er beträgt etwa ein Prozent der Gesamtmasse und ist nach 2027 für das zukünftige Endlager Schacht Konrad in Niedersachsen bestimmt.

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Dann wären da noch die demnächst entfernten Brennstäbe. Nach drei bis vier Jahren Abkühlzeit in einem Wasserbecken sollen sie in Castor-Behälter eingeschlossen und einige Jahrzehnte lang in einem Zwischenlager auf dem AKW-Gelände aufbewahrt werden, bis ein Endlager für die gefährlich strahlende Altlast gefunden und gebaut werde. 97 Prozent der Gesamtmasse von Philippsburg II gelten als „sauber“, sie sollen daher direkt im Wertstoffkreislauf landen oder als Bürogebäude stehen bleiben. Die Atommanager der EnBW halten den Prozess des Rückbaus für erprobt und sehr sicher.

Im AKW Philippsburg vor der Abschaltung des Block 2 | Foto: Hora

Wird der Kühlturm gesprengt?

Bevor er jedoch startet, muss das Landesumweltministerium den Kraftwerk-Betreibern grünes Licht geben. Sie rechnen damit „in den kommenden Monaten“. Die umfangreiche Genehmigung regelt auch, was mit den beiden markanten, 152 Meter hohen Kühltürmen am Rhein passieren wird. EnBW favorisiert eine Sprengung, „weil es schnell geht“, und rechnet damit, dass die Kolosse aus jeweils 30 000 Tonnen Stahl und Beton irgendwann im kommenden Jahr verschwinden werden. Die Abschaltung des Blocks II muss dagegen laut Gesetz noch bis zum Jahresende 2019 erfolgen.

Mehr zum Thema: Im alten Atommeiler gehen bald die Lichter aus

Wann genau, bleibt unklar. Im Gespräch mit den BNN macht der Geschäftsführer von EnBW Kernkraft GmbH, Jörg Michels, dies unter anderem von „energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ abhängig – und lässt durchblicken, dass etwa der erhöhte Strombedarf zu Weihnachten eine Rolle spielen könnte. „Wir richten uns daher heute auf den 31. Dezember ein“, sagt er. „Spätestens um Mitternacht wird die Anlage aus sein“.

Der Befehl dazu wird aus der sogenannten „Warte“ kommen. Im hell ausgeleuchteten Kontrollraum des Atommeilers sieht man zwei Männer an einem Pult mit einer Vielzahl von Anzeigen, Schaltern und Monitoren sitzen. An den Wänden sind noch mehr Anzeigen angebracht. Über einem roten Telefon klebt ein Schild mit der Aufschrift „Notruf“. Die Lüftung rauscht leise. Beide „Reaktorfahrer“, wie die Schicht-Arbeiter offiziell heißen, wirken recht entspannt. „Die letzte Abschaltung wird für sie ein ganz gewöhnlicher Prozess sein“, sagt Michels. „Das können sie“, fügt er hinzu, um alle Zweifel zu zerstreuen. „Nichts außergewöhnliches, steht alles in unseren Handbüchern beschrieben“.

„Die letzte Abschaltung wird für sie ein ganz gewöhnlicher Prozess sein“, sagt Michels. | Foto: Hora

Der Vorgang, der bei den Revisionsarbeiten im Kraftwerk oft eingeübt wurde, soll wenige Stunden dauern. Dazu werden schrittweise die sogenannten Steuerstäbe in den Reaktorkern eingefahren, um die Leistung abzusenken. Heute beträgt sie noch 90 Prozent der Volllast. Anschließend werden die Techniker den Generator vom Stromnetz trennen. Danach schalten sie den Reaktor komplett ab. Schließlich werden alle Systeme in einen „kalten und drucklosen“ Zustand versetzt. Damit ist der Reaktorblock II aber noch nicht ganz „tot“. Denn die für die Kühlung und Lüftung benötigten Systeme müssen noch eine ganze Weile weiter betrieben und überwacht werden.

Verständnis für die Ängste der Anwohner

Dass manchen der rund 13.000 Bewohner von Philippsburg angst und bange beim Gedanken an die Abwicklung des Kraftwerks wird, kann Michels nach eigenen Worten gut verstehen. „Wir werden keinen Leistungsbetrieb mehr haben“, beruhigt er und rechnet vor, dass 99 Prozent der Radioaktivität der Anlage derzeit in den Brennelementen stecken, die künftig in einem Wasserbecken sicher „abklingen“ sollen. „Von dem restlichen Prozent entfallen 99 Prozent auf das Reaktorgehäuse. Es wird unter Wasser sicher demontiert und zerlegt“.

Die EnBW hat nach eigenen Angaben frühzeitig auf Transparenz gesetzt und insgesamt sieben Info-Tage veranstaltet, um einige skeptische Einwohner in Philippsburg auf ihre Seite zu ziehen. „Wir sind froh, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind und wir heute in der Sache diskutieren“, gibt Michels zu. „Es gibt echtes Interesse“, versichert der Geschäftsführer und berichtet, dass die EnBW am AKW-Standort weiter neue, zumeist junge Mitarbeiter einstellt.