Obdachlose am Bruchsaler Bahndamm
SCHICKSALSGEMEINSCHAFT: Die Bruchsaler Obdachlosen Sven, Fuji und Dirk in ihrer Küche unter Planen. Offenes Feuer machen die drei Männer in der von ihnen „Dschungelcamp“ genannten Behausung am Bahndamm im Industriegebiet nicht: hier wird mit Gas gekocht. | Foto: Maske

Bruchsal: Obdachlose erzählen

Im Dschungelcamp am Bahndamm

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Von Susanne Maske

Sie frieren jämmerlich in diesen Winternächten. Ihr Lager im Gestrüpp am Bruchsaler Bahndamm nennen sie Dschungelcamp. Und auch wenn Sven, Dirk und Fuji so manches Problem haben, eine Obdachlosen-Einrichtung ist für sie keine Alternative. Trotz Zentralheizung und medizinische Betreuung. Es geht um Freiheit und Selbstbestimmung, sagen sie und erzählen ihre Geschichte.

Im Sommer verdeckt dichtes Blätterwerk die Sicht auf die Zelte, jetzt im Winter markiert ein Tarnnetz den Eingang zum Bruchsaler Dschungelcamp am Bahndamm. Durch die kahlen Büsche sieht man die Zeltplanen. Hier leben Sven, Dirk und Fuji. Es gibt ein „Wohnzimmer“ mit Polstergarnitur und Teppich, aber die Luft ist kalt und feucht, wie draußen.

Früher hatte Sven eine Familie

Sven schläft deshalb in einem Zweimannzelt, das wiederum in einem Hauszelt steht. Der Strom fürs Fernsehen kommt aus einer Autobatterie. Seine beiden Gasöfen nimmt er aber sehr selten in Betrieb. Früher lebte Sven in der Bruchsaler Südstadt, hat Frau und zwei Kinder von neun und zwölf Jahren, die in einem Nachbarort von Bruchsal wohnen und ist gelernter KFZ-Lackierer und Maler.

Getrunken, Frau geschlagen, abgetaucht

Es fällt ihm nicht leicht zu erklären, warum er obdachlos geworden ist. Er habe damals zu viel getrunken, unter dem Einfluss von über vier Promille Alkohol seine Frau geschlagen und sei dann abgetaucht. Inzwischen kümmert er sich um die Kinder und erhält im Gegenzug Unterstützung von seiner Frau. „Die haben mich hier im Dschungelcamp sogar schon besucht und fanden das ziemlich spannend“, strahlt der 41-Jährige, der guter Dinge ist, dass er wieder den Weg zurück in die Familie gefunden hat.

Unterstützung gegen den Alkohol

Ganz im Gegensatz zu Dirk. Der hat sein kleines Schlafzelt im gemeinsamen Wohnzimmer stehen und verbringt gerade viel Zeit im nahe gelegenen Julius-Itzel-Haus, weil ihn das dabei unterstützt, keinen Alkohol zu trinken und er sich ohne wohler damit fühlt. Außerdem kann er dort duschen und Wäsche waschen. Der heute 45-Jährige ist mit 17 Jahren von zu Hause abgehauen, als der Vater starb, war viel unterwegs. Später gründete er eine Familie, doch die Ehe scheiterte. Seine drei Kinder, die heute 17, 20 und 22 Jahre alt sind und zuletzt in Ulm lebten, hat er seit der Trennung nicht wieder gesehen oder gesprochen. Seine Frau habe dies damals veranlasst, sagt er. Der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Dirk hatte es vom Ein-Euro-Jobber zu einer Festanstellung bei der AWO geschafft. Seit er von einem Auto erfasst wurde, kann er nicht mehr arbeiten.

Sie wollen sich nichts vorschreiben lassen

Fuji, der mit 35 Jahren jüngste im Trio, arbeitet seit fünf Monaten über eine Leiharbeitsfirma in Speyer. Wenn er die Probezeit besteht, bekommt er eine Festanstellung. „Meine Beine ragen nachts ins Freie“, sagt er und zeigt auf ein kleines Zelt. Es sei ziemlich kalt. Trotzdem müsse er jeden Morgen um sieben Uhr aufstehen und von der Haltestelle am Sportzentrum mit der Bahn zur Arbeit fahren.
Seit Monaten sucht Fuji ein Zimmer, aber bekommt nur Absagen. Im Freien zu übernachten, dafür aber selbstbestimmt zu leben, dieser Anspruch eint die drei Obdachlosen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, dass sie, wie im Itzelhaus vorgeschrieben, um 22 Uhr zu Hause sein müssen. Auch Rafi, der nach der Räumung des Obdachlosenlagers in der Südstadt, nun am Bahndamm sein Zelt aufgeschlagen hat, hat die Übernachtung im Freien bewusst gewählt.

Wir sind viel stabiler als die Leute, die dort unterkommen und wir würden dann auch abstürzen

Das Itzelhaus sei gut als Postadresse und dass man ihm dort sein Geld in Raten auszahle, damit es für den Monat reicht. Für Privatsphäre und Selbstbestimmung hole er sich aber lieber eine verschnupfte Nase. Auch die Obdachlosenunterkunft in der Orbinstraße ist für ihn keine Alternative. „Wir sind viel stabiler als die Leute, die dort unterkommen und wir würden dann auch abstürzen“, ist er überzeugt.

Klare Strukturen im Dschungelcamp

Außerdem störten sich im Industriegebiet nur wenige an der Anwesenheit der Obdachlosen. Dafür achten sie darauf, dass es um das Camp herum sauber bleibt. „Unseren Müll dürfen wir zum Itzelhaus bringen“, sagt Sven, der für klare Strukturen ist und eine Art „Selbstorganisation“ eingeführt hat. So tragen sie das Leergut aus dem Camp und von anderen Obdachlosen zum nahe gelegenen Discounter. Kürzlich haben sich die Camp-Bewohner wieder an einer Müllsammelaktion beteiligt, die in den Industriegebieten „Stegwiesen“ und „Am Mantel“ von der Lokalen Agenda im Rahmen der Aktion „Saubere Stadt“ durchgeführt wurde. Eine Geste, mit der sie zeigen, dass auch sie zu einer sauberen Stadt beitragen wollen.                                                                                                                          

Julius-Itzel-Haus
Das Julius-Itzel-Haus ist nach einem 1974 verstorbenen Industriellen benannt, der die Hälfte seines Vermögens für soziale Zwecke stiftete. Aus den Mitteln der Itzel-Stiftung wurde unter anderem das Haus für Obdachlose in den Bruchsaler Stegwiesen finanziert. Das Itzelhaus wird von der Bruchsaler Caritas betrieben und will ein „Zuhause auf Zeit sein“ und bietet 25 Übernachtungsplätze. Zudem wird Beratung bei Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche geboten und bei Bedarf auch medizinische Hilfe. Die Aufnahme ist täglich bis 21 Uhr möglich – für Alleinstehende, wohnungslose Männer, Frauen oder auch Paare. Hunde sind ebenfalls willkommen. Das Ziel der Einrichtung ist: die Überwindung der sozialen Schwierigkeiten und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft.