Jung-Gesellin Jana Liepelt an Ihrem Arbeitsplatz: Bäckermeister Mario Maag aus Waghäusel-Wiesental (links) hat sie nach der Lehre übernommen. Das freut auch Janas Ausbildungschef Björn Pfeifer.
Jung-Gesellin Jana Liepelt an Ihrem Arbeitsplatz: Bäckermeister Mario Maag aus Waghäusel-Wiesental (links) hat sie nach der Lehre übernommen. Das freut auch Janas Ausbildungschef Björn Pfeifer. | Foto: Duttenhofer

Kraichtal-Oberöwisheim

Jana Liepelt hat ihre Bäckerlehre erfolgreich beendet – trotz Lernbehinderung

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Jana Liepelt hat ihre Ausbildung beendet und nahtlos einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Nun blickt sie zuversichtlich in ihre berufliche Zukunft. Das ist nicht selbstverständlich. Denn Jana ist lernbehindert.

Von unserer Mitarbeiterin Irmgard Duttenhofer

Obwohl ihr eigentlicher Wunschberuf Konditorin ist, hat sie sich zunächst für eine Bäckerlehre in Regelausbildung entschieden. Das heißt, ab morgens um 1 Uhr in der Backstube stehen, um 18 Uhr schlafen gehen, neben der Arbeit im Betrieb die Berufsfachschule in Karlsruhe-Durlach besuchen und das komplette Lernpensum wie ihre Kolleginnen und Kollegen absolvieren.

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Erst Auszubildende mit Lernbehinderung im Betrieb

Ihr liebstes Hobby, das Reiten, kann sie in ihren Arbeitsalltag integrieren. Der Jugendchor in ihrer Heimatstadt Östringen wird aber künftig auf sie verzichten müssen, und ihre Freunde haben gelernt, Rücksicht auf ihren Lebensrhythmus zu nehmen. Ganz unproblematisch lief die Vollausbildung freilich nicht.

Bäckermeister Björn Pfeifer hatte bereits vier Bäckergesellen ausgebildet, mit Jana aber zum ersten Mal eine Auszubildende mit Lernbehinderung in den Betrieb geholt. „Es braucht mehr Zeit, um die Arbeitsroutine zu erlernen. Das ganze Team muss Leistung bringen und zusätzlich noch die Auszubildende unterstützen“, sagt der Bäckermeister aus Oberöwisheim.

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Flexibilität gefragt

In einem ersten Schritt erlernte Jana die Arbeitsroutine. Waren erst die Zutaten und Handgriffe verstanden und abrufbar, folgte der nächste Schwierigkeitsgrad: die Flexibilität in der praktischen Umsetzung. „Bei jeder neuen Mehllieferung, bei jeder Außentemperatur, muss man sich auf ein verändertes Gär- und Backverhalten einstellen, mitunter den Ablauf oder das Programm spontan ändern“, verdeutlicht der Ausbildungsleiter das Problem.

Unfall kurz für Ausbildungsende

Jana Liepelt hat sich all diesen Herausforderungen gestellt. Als 18-Jährige ist sie, hochmotiviert und von den Eltern unterstützt, in die Ausbildung gestartet. Das bescheinigt ihr auch Dagmar Däschner, Beraterin für Berufliche Rehabilitation und Teilhabe bei der Agentur für Arbeit Bruchsal. Jana hat den Führerschein gemacht, damit sie nachts selbstständig zur Arbeit fahren kann. Alles lief in geregelten Bahnen.

Bis zu einem Reitunfall wenige Monate vor der praktischen Prüfung. Ein gebrochener Arm und acht Wochen Zwangspause waren die Folge. Verzweiflung machte sich breit. Jana selbst glaubte nicht mehr daran, die Prüfung planmäßig zu schaffen. Ihre Arbeitgeber Petra und Björn Pfeifer baten sie, nicht aufzugeben.

Siebentage-Woche für erfolgreichen Abschluss

Sobald Jana wieder arbeitsfähig war, stellten sie der jungen Frau Material und Backstube auch sonntags und an den freien Tagen zur Verfügung, standen beratend zur Seite, verkosteten, motivierten und unterstützten. Parallel dazu organisierte Dagmar Däschner ausbildungsbegleitende Hilfe in Form von Stützunterricht für die Fächer, die Jana besondere Probleme bereiteten. Am Ende konnte Jana die Regelausbildung als Bäckergesellin pünktlich beenden.

Prüfungsaufgabe geglückt

Brötchen beim Bäcker
Prüfungsaufgabe: 60 Brötchen in neun Varianten. | Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Bei der praktischen Prüfung präsentierte sie den Prüfern nach sechs Stunden Arbeitszeit das geforderte Sauerteigbrot, 60 Brötchen in neun verschiedenen Varianten, eine Obsttorte, eine Sahnetorte und 60 Snacks. Keine leichte Aufgabe, weil drei Prüflinge parallel den gleichen Ofen benutzen müssen.

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Neue Herausforderung: Ein neuer Arbeitgeber

Jetzt ist die Jung-Gesellin erneut gefordert. Mit dem Ausbildungsende beginnt der Start an einem neuen Arbeitsplatz. Bäckermeister Mario Maag aus Waghäusel-Wiesental hat Jana übernommen, weil sie in einem Kleinbetrieb ausgebildet wurde und Durchhaltevermögen bewiesen hat.

Seine Produktion unterscheidet sich von der seines Kollegen. Es gibt ein großes Sortiment an Backwaren, aber so gut wie keine Kuchen. Jetzt ist Bäckermeister Maag dabei, Jana die Arbeitsroutine seines Betriebes zu vermitteln. Vorerst erreicht sie noch nicht die erforderliche Geschwindigkeit. Das weiß auch Jana, ist aber zuversichtlich, das Defizit bald aufzuholen.

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Zuschüsse für die Arbeitgeber

Für den deutlichen Mehraufwand der Eingliederung am neuen Arbeitsplatz zahlt die Arbeitsagentur Zuschüsse an die Arbeitgeber. Gleiches gilt für die Ausbildung selbst. Wichtig ist laut Dagmar Däschner nur, dass sich Betriebe bereiterklären, Menschen mit Einschränkungen zu beschäftigen. Die Beraterin betreut 200 Menschen im nördlichen Landkreis. 80 Prozent können in Ausbildungen vermittelt werden, informiert sie.