Atemschutzmasken sind Mangelware. Auch weil die Bundesregierung die Einlagerung vernachlässigt hat, sagt Katastrophenschutzexperte Andreas Kling. | Foto: dpa

Corona

Katastrophenschutz-Experte Andreas Kling über die Coronakrise: „Unser Gesundheitssystem ist die größte Schwachstelle“

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Er ist ein viel gefragter Mann in diesen Tagen: der Katastrophenschutzmanager Andreas Kling aus Bruchsal. Ein Interview folgt dem anderen. Für die BNN ordnet er die Corona-Ausnahmesituation ein. Die Regierung hat ihre Lagerhaltung vernachlässigt, bemängelt er etwa. Für Hamsterkäufe sieht er aber keinerlei Grund.

Herr Kling, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …

Kling: Gegenfrage. Ist die Welt jetzt nicht mehr in Ordnung? Im Ernst: Wir leben alle noch. Wir haben genug zum Essen, Strom, haben soziale Kontakte. Die Sonne scheint. Die Kinder lernen von zuhause aus. Unsere Medien beliefern uns mit den wichtigen Informationen. Ich sage ganz klar: Die Welt ist nicht aus den Fugen.

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Wir befinden uns aber in einer nie gekannten Ausnahmesituation. Die Unsicherheit ist groß. Was schätzen Sie, wie lange das so noch anhält?

Kling: Das wird uns in der Form sicher noch einige Zeit beschäftigen …

Etwas konkreter? Sie sprechen von Wochen, von Monaten?

Kling: Alles, was ich jetzt sage, kann morgen schon wieder überholt sein. Wir werden sicher noch zwei bis drei Monate intensiv mit den Auswirkungen der Pandemie zu tun haben. Das muss aber nicht heißen, dass wir so lange alle zuhause bleiben müssen. Ich rechne damit, dass die aktuellen Maßnahmen ein bis zwei Wochen so laufen. Dann wird man prüfen, ob man sie verschärfen muss oder zurückdrehen kann. Dazu werden die aktuellen Fallzahlen zugrunde gelegt. Auch die Entwicklungen in Italien und neue Forschungsergebnisse.

Andreas Kling stammt aus Bruchsal, lebt heute in Weingarten und ist Experte für Bevölkerungsschutz. | Foto: pr

Wir sehen noch immer Menschen in Straßencafés, Kinder auf Spielplätzen. Rechnen Sie mit einer generellen Ausgangssperre wie in Italien, Spanien und Frankreich?

Kling: Das wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Die aktuellen Regeln müssen sich erst durchsetzen. Diese Bilder provozieren verständlicherweise den Wunsch nach strengeren Maßnahmen. Sind diese aber auch aus Infektionsschutzgründen gerechtfertigt? Dann hielte ich eine Ausgangssperre für geboten, auch um eine Gleichbehandlung sicherzustellen mit den Menschen, die sich jetzt schon sehr vernünftig verhalten und soziale Kontakte meiden.

Eine Risikoanalyse der Bundesregierung aus dem Jahr 2012 hat das heutige Szenario fast eins zu eins vorhergesehen.  Sind die Behörden doch besser vorbereitet, als wir Bürger das vielleicht manchmal denken?

Kling: Diese Analyse und das Infektionsschutzgesetz sind die Grundlagen des aktuellen Regierungs- und Verwaltungshandelns. In Folge der Sars-Epidemie 2003 wurden diese Gesetze erlassen und Vorkehrungen getroffen …

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Alles bestens, also?

Kling: Nein. Mein Kritikpunkt ist folgender: Die Regierung hat damals viel angeschoben, es aber in den vergangenen Jahren nicht weiter verfolgt. Ich kritisiere, dass auf Landes- und Kommunalebene zu wenig geübt wurde. Außerdem fehlt es bekanntermaßen an Vorräten von Atemschutzmasken. 2004 – nach Sars – wurde die angeschafft. Die sind jetzt aber überaltert. Lagerhaltung wurde reduziert oder nicht gepflegt, auch um Kosten zu sparen. Das ist nicht zu verstehen. Das ist, als würden Sie nach zehn Jahren Ihre Haftpflichtversicherung kündigen, weil nie was passiert ist.

Bayern hat jetzt den Katastrophenfall ausgerufen. Halten Sie das für die richtige Entscheidung?

Kling: In Baden-Württemberg wurde dieser Fall noch nie ausgerufen. Ich halte die verschiedenen Katastrophenschutzebenen im Land zumindest in Teilen für manche Szenarien wie einen Blackout nicht für ausreichend vorbereitet. Was der bayerische Ministerpräsident Markus Söder macht, ist natürlich clever, aus politischer Sicht. Er demonstriert Entscheidungskraft. Es hat vor allem verwaltungstechnische Hintergründe. So lassen sich Gelder leichter frei geben.

Zur Person: Der gebürtige Bruchsaler Andreas Kling, Jahrgang 1967, ist Betriebswirt und Dozent für Bevölkerungsschutz. Er lebt mit seiner Familie in Weingarten. Nach Einsätzen während des Bürgerkriegs in Bosnien in der Katastrophenhilfe und als Wahlbeobachter für das Auswärtige Amt, absolvierte er den Aufbaustudiengang Katastrophen-Management in Bochum und Oxford. Danach war er in Krisen- und Katastrophengebieten tätig. Seit 2010 ist er Berater für kritische Infrastrukturen, Sicherheit und Logistik. Zusammen mit Experten der Feuerwehr, aus dem Bevölkerungsschutz und der Forschung hat Kling das Buch „Sicher trotz Katastrophe. Ein praktischer Ratgeber für die persönliche Notfallvorsorge“ herausgegeben.

Spielt es überhaupt eine Rolle, ob man die Lage jetzt Katastrophe oder Krise nennt?

Kling: Wahrscheinlich nicht. Wir haben eine Sonderlage, und vielen von uns fehlt die mentale Vorbereitung darauf. Darauf weise ich immer wieder hin. Solche Situationen sind denkbar, und jeder sollte wenigstens ab und an einen Gedanken daran verschwenden. Ich sage aber auch ganz klar: Wir haben noch Glück, dass wir keinen Blackout haben, also einen flächendeckenden und längeren Stromausfall.

Unsere hochkomplexen Systeme sind anfällig. Wo sehen Sie die größten Schwachstellen?

Kling: In diesem Fall ist es vor allem das Gesundheitssystem. Wir haben für eine solche Pandemie nicht ausreichend Kapazitäten. Die Intensivmedizin wird an ihre Grenzen kommen. Wir sprechen von einem Kaskadeneffekt, Systeme sind in Reihen geschaltet. Wenn das Gesundheitssystem überlastet ist, trifft es bestimmte Bevölkerungsgruppen zuerst. Etwa ältere Menschen, Hochrisiko-Gruppen, Menschen mit Immunschwächen oder chronisch Kranke, natürlich auch sämtliche Pflege- und Gemeinschaftseinrichtungen. Auch Menschen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, gehören zu den gefährdeteren Gruppen, weil sie oft nicht den selben Informationsstand haben wie wir.

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Sehen Sie auch Chancen?

Kling: Ich will Max Frisch zitieren: „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Die Chance besteht sicher darin, dass wir unsere Abhängigkeiten überdenken. Zum Beispiel in der Medikamentenlieferung aus Indien oder China. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Engpass auch Auswirkungen auf die Bezahlung etwa unserer Pflegekräfte oder Erntehelfer hat.

Sie haben in Krisenregionen gearbeitet, haben Flüchtlingslager gemanagt. Für uns in Europa sind elementare Krisen meist weit weg. Wir sehen gerade viel Solidarität aber auch blanken Egoismus. Kennen Sie solche Phänomen auch?

Kling: Ja. Aber aus eigener Anschauung kann ich sagen: Es kommt selbst in elementarer Not zu relativ wenigen extremen Ausreißern …

Manche befürchten, dass Leute zuhause durchdrehen könnten.

Kling: Nein, davon gehe ich überhaupt nicht aus. Wir sind mental stabiler, als wir denken. Außerdem sind wir ja noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Wir haben ausreichend Lebensmittel, können Spaziergänge machen, Gartenarbeit verrichten, wir bekommen von unseren Medien verlässliche Informationen, die Zeitung kommt noch ins Haus, viele soziale Verbindungen funktionieren weiter.

Apropos Lebensmittel. Bundes- und Landesregierung wiederholen täglich: Es gibt keine Engpässe, kein Grund zum Hamstern. Das Vertrauen scheint trotzdem nicht sehr groß, oder?

Kling: Wir haben ein funktionierendes System, da habe ich keinerlei Zweifel. Selbst wenn es zu Engpässen käme, hat der Staat die Möglichkeit, diese auszugleichen. Deutschland verfügt über viele Tonnen Lebensmittelvorräte. Auch wenn es zu Ausfällen in der Lieferkette kommt, wäre es nicht sehr aufwendig, Bundeswehr-Soldaten die Lastwagen fahren zu lassen. Durch einfache Maßnahmen ließe sich das austarieren. Da habe ich keine Sorge. Die Erwartungshaltung der Bevölkerung ist freilich etwas anderes. Dass jederzeit alles zur Verfügung steht – das wird vielleicht eingeschränkt sein. Und vielleicht wird dann der Spargel dieses Jahr auch einfach teurer werden. Aber generell sollten wir uns darüber keine Gedanken machen.

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… aber Klopapier? Können Sie da auch Entwarnung geben?

Kling (lacht): Ja. Ich schätze, wir haben es hier mit einem eher psychologischen Phänomen zu tun. Wer 24 Pack Klopapier kauft, hat das Gefühl, jetzt habe ich vorgesorgt, jetzt kann mir nichts passieren …

… in einer Situation, wo man sonst nicht mehr viel unter der eigenen Kontrolle hat, meinen Sie?

Kling: Genau.

Als Kastastrophenschutzmanager, so könnte man meinen, ist das jetzt ihre absolute Hochzeit. Das Geschäft müsste laufen.

Kling: Meine Arbeit beginnt viel früher, in der Beratung, im Unterricht, der Vorbeugung und der Prophylaxe. Im Moment engagiere ich mich zudem sehr stark ehrenamtlich im Bereich der Gefahrenabwehr im Internet und in sozialen Medien.

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