Nur nicht weinen: Wenn die „Verschickungskinder“ in den Heimen aufgefallen sind, wurden sie bestraft. In diesen wochenlangen Kuren sollten sie je nach Verfassung zu- oder abnehmen und bekamen deutlich zu viel oder viel zu wenig zu essen. | Foto: dpa

„Prügel und Isolation“

Kinder wurden in der Kur misshandelt: Betroffene aus Bruchsal erzählt

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Kinder wurden bei Kuraufenthalten zwischen den Fünfziger- und Neunzigerjahren in Einrichtungen bundesweit misshandelt. Es könnte Millionen Betroffene geben. Eine 48-Jährige aus Bruchsal war dreimal in einer solchen Kur, sollte zunehmen. Heute spricht sie von einer Horrorzeit.

Mit drei Worten hat Petra Beller die schlimmste Nacht ihres Lebens eingeleitet. Die damals Siebenjährige lag im Schlafsaal des Kinderkurheims, als sie Schreie eines Mädchens hörte. Es wurde von einer Betreuerin an den Haaren aus dem Bett gezogen. „Was ist los“, fragte Beller. Damit war sie die nächste. Die Stunden bis zum Morgen verbrachte das Mädchen aus Bruchsal in einem Nebenraum, sitzend, ein Bettlaken über dem Kopf. Wenn sie wegnickte, schlug eine Betreuerin auf die Decke.

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„Uns haben sie in die Hölle geschickt“

Was sich 1977 in der AOK-Kurklinik in Wyk auf Föhr abspielte, gab es bundesweit in Einrichtungen mehrerer Träger. Zwischen den Fünfziger- und Neunzigerjahren könnten acht Millionen Menschen betroffen gewesen sein. Jugendämter und Verbände vermittelten die Kur-Aufenthalte, viele Eltern nahmen das von Krankenkassen bezahlte Angebot für ihre Kinder bereitwillig an. Auf Sylt kommen in diesen Tagen „Verschickungskinder“ zu einem ersten Kongress zusammen. Beller möchte Betroffene aus dem Südwesten zusammenbringen – mit zehn Menschen steht sie bereits in Kontakt.

Dreimal war sie für bis zu sechs Wochen in der Kurklinik Föhr. „Das erste Mal war die Haupt-Horrorzeit“, sagt die 48-Jährige. Sie sollte in der Kur zunehmen. Drei bis vier Teller Milchreis mit Himbeersoße musste die Siebenjährige essen, dazu gab es Süßigkeiten, möglichst fetthaltig. Aufstehen durften die Kinder nur, wenn alle gegessen hatten. Betroffene berichten, dass sie auch Erbrochenes wieder aufessen mussten. Hinter einer undurchsichtigen Glasscheibe saßen die Kinder, die abnehmen sollten. „Sie mussten furchtbare Sachen essen“, sagt Beller.

Anja Röhl, selbst ein Verschickungskind, möchte Betroffene zusammenbringen. Zwischen den Fünfziger- und Neunzigerjahren gaben Eltern ihre Kinder für einen Aufenthalt in Kinderkurheime und erlebten dort eine schreckliche Behandlung. Bei einem Kongress in Sylt sollen sich in diesen Tagen Betroffene kennenlernen. Nach ersten Schätzungen, so Röhl, könnten acht Millionen Menschen betroffen sein. Informationen gibt es auch unter www.verschickungsheime.de

Immer mehr Verschickungskinder schildern ihre Erlebnisse im Internet. Sie waren wegen ihres Gewichts oder zum Auskurieren in den Einrichtungen – oder weil die Eltern alleine in den Urlaub wollten. „Uns haben sie in die Hölle geschickt“, schreibt eine Betroffene.

Eltern glaubten ihrer Tochter nicht

Stundenlange Spaziergänge im November, Essens- und Schlafentzug, kalte Duschen. „Es ging nur um Macht, Prügel, Psychoterror und Isolation“, sagt Beller. Sie hatte Heimweh und weinte viel – dafür gab es Strafen. Den Kindern wurde klar gemacht: Ihre Eltern haben sie vergessen, sie sind Schuld und sollen schweigen. „Man hatte das Gefühl, man kommt nicht mehr heim“, sagt Beller. Solidarität unter den Kindern habe es keine gegeben. „Jeder hatte Angst, ins Visier zu geraten.“

Die Kinder von damals sucht Petra Beller. Hier ist sie als Neunjährige (zweite Reihe, rechts) auf Föhr zu sehen. | Foto: pr

Zwei besonders schlimme Momente habe sie erst nach der Kur erlebt. „Ich werde nie vergessen, wie mir meine Eltern nicht geglaubt haben.“ Mehr noch: Bald waren der zweite und dritte Aufenthalt ausgemacht. Nach den Kuren sprach sie kaum noch, dann wie eine Erwachsene. „Man durfte nicht mehr Kind sein. Ich habe meinen Eltern nicht mehr vertraut, das ist bis heute geblieben.“

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Verbände arbeiten Vorfälle auf

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie stößt Beller heute oft auf die Themen von damals. „Immer, wenn es um Schuld, Essen oder Solidarität geht.“ Wenn ihr die Zeit damals etwas Gutes gegeben habe, sagt sie, dann eine schärfere Wahrnehmung für diese Themen.

Die Vorfälle gehörten „zu den dunklen Kapiteln der Geschichte aller Krankenkassen“, teilt die AOK mit. Aber: „Nach den gesetzlichen Regelungen werden Leistungsunterlagen spätestens nach 30 Jahren vernichtet.“ Daher sei man sehr interessiert an Berichten Betroffener. Die Diakonie verschafft sich derzeit einen Überblick, heißt es auf Anfrage. Die Caritas steht mit Betroffenen in Kontakt, so ein Sprecher. „Wir sprechen den Menschen, die als Kinder gewalttätige und demütigende Erfahrungen machen mussten, unser tiefes Mitgefühl aus.“

„Das Thema wird noch ganz groß werden“, sagt Beller. „Die Leute haben über Jahre mit ihrer Geschichte gelebt, es wurde als Fantasie abgetan. Wir möchte ihnen sagen: Ihr habt nicht geträumt. Das war echt.“