Bis 2020 stehen die Kühltürme beim Kernkraftwerk Philippsburg. Dann sollen sie gesprengt werden. Die Stromproduktion endet 2019. | Foto: Hora

Atomkraftwerk Philippsburg

Kühltürme verschwinden 2020

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Sie sind das weithin sichtbare Zeichen für den Kernkraftwerksstandort Philippsburg. Man sieht sie von den Hügeln des Kraichgaus, vom Karlsruher Turmberg oder den Rebhängen in der Südpfalz – die beiden je 152 Meter hohen Kühltürme. 2020 werden sie absehbar Geschichte sein. Der Beschluss zur Sprengung ist gefasst. Binnen weniger Sekunden werden die beiden Betonkamine in sich zusammenfallen. Danach markiert ein Steinhaufen aus rund 60 000 Tonnen das Ende der atomaren Energieerzeugung auf der Rheinschanzinsel.

Block II geht 2019 vom Netz

Noch ist es nicht soweit. Noch kommt aus einem der beiden Kühltürme der Wasserdampf, der anzeigt, dass in einem der beiden Reaktoren noch Atomkerne gespalten werden. Nachdem Block I seit 2011 abgeschaltet ist, wird in Block II allerdings spätestens Ende 2019 Schluss sein. Dann braucht man die Kühltürme – fertiggestellt 1977 und 1981 – nicht mehr.

Auch künftig wird in Philippsburg noch mit Strom gearbeitet

Was macht man mit diesen Zeugen einer künftig in Deutschland nicht mehr existenten Atomstromproduktion? Jörg Michels, Chef der EnBW Kernkraft GmbH (EnKK), erklärt die Überlegungen seines Unternehmens. Ausgangspunkt dabei ist der Umstand, dass auf dem Kraftwerksgelände auch in Zukunft mit Strom gearbeitet wird. Der kommt dann aus dem Norden und wird in Philippsburg von einem Konverter der TransnetBW von Gleich- in Wechselstrom gewandelt. Die Anlage wird das Endstück einer der großen neuen Strombrücken zwischen Nord- und Süddeutschland sein. Dafür muss das Areal neu geordnet werden – und die nach 2019 nicht mehr benötigten Kühltürme müssen weg. Überlegung eins – maschineller Abbruch – wurde nach Prüfung zu den Akten gelegt. Unter anderem deshalb, weil je Kühlturm etwa ein Jahr zu veranschlagen gewesen wäre. So fiel die Entscheidung, beide Bauwerke zu sprengen.

Wenn der Turm dampft, ist er in Betrieb

Diese funktionieren im Unterschied zum hochkomplexen Reaktorgeschehen übrigens nach eher einfachen physikalischen Prinzipien. In die Naturzug-Nasskühltürme fließt auf etwa zehn Meter Höhe das dem Rhein entnommene Wasser ein, das im Kraftwerksdurchlauf erwärmt wurde. Es gelangt auf „Rieselplatten“ und „läuft in feinen Tropfen entlang der Platten“ von dort auf dem Boden in die „Kühlturmtasse“. Dabei kühlt es ab, die Wärme verdampft und wird durch die Höhe und sich nach oben verschmälernde Konstruktion des Kühlturms nach oben gezogen. Die Dampfsäule ist Ausweis dafür, dass der Kühlturm in Betrieb ist. Ob er das ist, so erklärt Michels, hängt nicht allein von Parametern ab, die durch den Rhein vorgegeben sind wie etwa Wassertemperatur und Pegelstand. Auch die technischen Betriebsabläufe können die Nutzung des Kühlturms sinnvoll machen. Das aufgefangene Wasser wird entweder in den Rhein zurück- oder aber wieder in den Kühlwasserkreislauf des Systems eingeleitet.

Weithin sichbarer Protest

Da die Kühltürme das weithin sichtbare Zeichen der Atomstromproduktion sind, gerieten sie auch in den Blickwinkel der Kernkraftgegner. Mindestens zwei Mal nutzten sie die Betonbauwerke für Protestaktionen. Im Februar 2002 besetzten 14 Kletterer von Greenpeace einen der beiden Giganten und entrollten ein Transparent. 2011 projizierten Aktivisten großformatig in der Dunkelheit den Schriftzug „Das Lügen geht weiter“ auf einen der beiden Kühlturme.

Umbau in fünf Schritten

Deren Sprengung hat entscheidend mit dem bereits begonnenen, weitreichenden Umbau des Kraftwerkareals zu tun. Vereinfacht ausgedrückt stehen zwei Aufgaben an. Kurzfristig – bis 2020 – geht es um das Freimachen des Baufeldes für den Konverter der TransnetBW. Auf Folien zeigt Michels, wie das Kraftwerksgelände umgekrempelt wird. Etwa ein Drittel wird für das Gleichstrom-Umspannwerk und die gasisolierte Schaltanlage benötigt. Im Weg stehen derzeit Lager- und Montagehallen, Werkstätten, etwa 1200 Parkplätze – und die beiden Kühltürme. Hinzu kommt, dass das Areal ins Tiefgestade hinab etwa vier Meter abfällt. „Das muss aufgeschüttet werden“, erklärt Michels. Den kleineren Teil übernimmt die EnKK, den größeren die TransnetBW. Die EnKK berichtet von einer 25 000 Quadratmeter großen Fläche und etwa 80 000 Kubikmeter Aufschüttungsvolumen. Im Idealfall soll die Anlieferung per Schiff erfolgen.
Damit nicht genug: Um alles gemanagt zu bekommen, benötigen EnKK und TransnetBW eine „Baustelleneinrichtungsfläche“ außerhalb des Kraftwerkszaunes, wozu Gespräche mit der Stadt, dem Eigentümer der Fläche und deren Pächter geführt werden. Michels spricht von fünf anstehenden „Meilensteinen“: Ersatzneubau Lager- und Montagehallen, Aufschüttung des Geländes, Neuschaffung von Parkplätzen und der Baustelleneinrichtungsfläche sowie den Abbruch der Kühltürme.

 

Hintergrund

• In Philippsburg gibt es zwei Kühltürme – für jeden der beiden Reaktoren
• Bauzeit: 1975 bis 1977 (Block I), 1978 bis 1981 (Block II)
• Funktionsweise: Naturzug-Nasskühltürme• Höhe: jeweils 152 Meter
• Durchmesser: zwischen 74 und 123 Meter
• Masse: jeweils 30 000 Tonnen Stahlbeton
• Maximaler Kühlwasserdurchsatz: circa 42 Kubikmeter/Sekunde ehedem bei Block I, circa 58 Kubikmeter/Sekunde   bei Block II (noch aktiv)
• geplante Sprengung: Im Jahr 2020