Die EU erwägt ein Verbot des Kunststoffgranulats. | Foto: GES

Künstliche Aufregung?

Debatte um Kunstrasenplätze: Das sagen die Vereine in der Region Karlsruhe

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Das Problem ist nur wenige Millimeter groß, aus Kunststoff und es treibt seit einigen Tagen den Vorsitzenden einiger Fußballvereine die Schweißtropfen auf die Stirn. Seit vergangener Woche hat sich die Debatte um das auf Kunstrasenspielfeldern eingestreute Mikroplastik nochmals deutlich verschärft und die regentropfengroßen Gummikörnchen bestimmen die Schlagzeilen.

Dabei geriet aber einiges aus den Fugen, was nun wieder eingefangen werden muss. So sehen es zumindest Experten wie Wolfgang Elfner, der beim Badischen Sportbund für die Förderung des Vereinssportstättenbaus zuständig ist. Von „Kunstrasenverboten“ und dem „Ende des Kunstrasens“ war zuletzt in Überschriften von Zeitungsartikeln die Rede.

Die Rastatter Firma „Hauraton“ erhält den Umwelttechnikpreis des Landes Baden-Württemberg: Sie hat ein Filtersystem entwickelt, durch das das Mikroplastik aus dem Rasen nicht ins Wassersystem und damit in die Meere gelangen kann.

Das ist schon rein faktisch falsch, denn was die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) forderte – oder besser gesagt: zur Diskussion stellte – war lediglich die Verwendung des Gummigranulats beziehungsweise dessen zukünftiges Nachfüllen auf bereits bestehenden Plätzen. Bei Neubauten solle geprüft werden, welche Alternativen es für das Material gibt.

Differenzierte Betrachtung ist nötig

„Man muss das ganze Thema differenziert betrachten, die Darstellung in vielen Medien war leider nur oberflächlich“, sagt Elfner. Das habe bei Vereinen mit Kunstrasenplätzen zu Verunsicherung und Angst geführt. Der Badische Sportbund, der Clubs berät und Projekte aus Landesmitteln bezuschusst, weist ohnehin seit Aufkommen der Debatte auf Alternativen hin. Quarzsand, Korkgranulat oder eine Mischung aus beidem kämen hierbei infrage.

Gerade noch rechtzeitig erfuhr so der VfB Grötzingen davon, dass zukünftig Ungemach mit den Kunststoffkügelchen droht. „14 Tage vor der Auftragsvergabe unseres neuen Kunstrasenplatzes gab es die ersten Diskussionen in der Öffentlichkeit“, sagt Sportvorstand Holger Volz. Nach Rücksprache mit Wolfgang Elfner entschied sich der VfB gleich für die Alternative Kork.

„So können wir uns jetzt entspannt zurücklehnen und sind auf der sicheren Seite“, sagt Volz. Ende Oktober soll der Platz fertig sein. Darüber, ob das etwas teurere Korkgranulat in Einzelfällen zur Schimmelbildung neigt, gibt es keine gesicherten Informationen. „Es liegen uns diesbezüglich keine Negativbeispiele vor“, sagt Elfner.

Da kommt man schon ins Grübeln

Eine andere Situation als in Grötzingen herrscht beim TSV Etzenrot. Erst im Mai weihte der Club aus dem Waldbronner Ortsteil seinen neuen Kunstrasenplatz ein – verfüllt, wie bislang üblich, mit Kunststoffgranulat. „Wenn man dann solche Schlagzeilen hört, kommt man schon ins Grübeln“, sagt der Vorsitzende Wolfgang Unrath. Nächstes Problem ist, dass der Umbau des bisherigen Spielfeldes vom Sportbund zwar nach Prüfung der Zuschussfähigkeit freigegeben war, die Gelder allerdings noch nicht bewilligt.

Die Fußball-Verbände Baden-Württembergs kritisieren die Entscheidung der Landesregierung: „Faktisch bedeutet dies, dass im Moment keine neuen Bauprojekte in Angriff genommen werden können. Das hat zu Verunsicherung und Unverständnis bei uns und unseren Fußballvereinen geführt“, sagte der Präsident des Badischen Fußballverbands, Ronny Zimmermann, in einer Mitteilung am Montag. Die gesellschaftliche Bedeutung des Breitensports sei nicht ausreichend berücksichtigt worden, kritisierten die Fußball-Verbände und forderten einen Bestandsschutz.

Da der Umweltausschuss des Landes Baden-Württemberg Anfang der Woche ein Förderverbot beschlossen hat, liegt der Fall jetzt beim Kultusministerium. „Die Baufreigabe war ja da, wir gehen also schon davon aus, dass die Zuschüsse bei uns ankommen“, sagt Unrath. Er hofft, dass sich die Verbände und auch die Bundesregierung dafür einsetzen, Härten für die Clubs zu vermeiden, etwa bei einer eventuell drohenden Umrüstung in ein paar Jahren. „Als einzelner Verein hat man leider wenig auszusetzen“, findet er. „Wir haben ja in der Erwartung gebaut, mindestens 15 Jahre auf dem Platz spielen zu können.“

Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden

Weniger Probleme gibt es im Fußballkreis Bruchsal. Der einzige Kunstrasenplatz dort liegt in Diedelsheim und gehört der Stadt Bretten. Dort gilt die Devise: abwarten. Elfner rechnet mit einer konkreten Entscheidung durch die EU ohnehin frühestens im ersten oder zweiten Quartal 2020. Dann wird erst klar sein, wie es mit den rund 150 Spielfeldern in Nordbaden weitergeht.

„Pauschale Lösungen gibt es keine, es muss jeder Einzelfall für sich betrachtet werden“, ist er überzeugt. Plätze, die mit Kunststoffgranulat verfüllt sind, werden aber in jedem Fall bis auf Weiteres nicht mehr genehmigt. „Und wenn die Entscheidung steht, müssen wir daran arbeiten, eine Lösung im Sinne der Vereine zu finden.“ Das hofft man nicht nur beim TSV Etzenrot.