Stefanie's Streifzüge
Stefanies Streifzüge

Stefanies Streifzüge

Kurzes Frühstück am Atommeiler, erbauendes Mittagessen im Kloster

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Die gebürtige Oberlausitzerin Stefanie Ender kennt Göttingen, Dresden und Mailand. Dort hat sie studiert. Sie kennt Hamburg, wo sie zuletzt gearbeitet hat. Seit 1. August ist die junge Frau nun Volontärin der BNN. Damit sie auch Baden kennenlernt, haben wir sie auf eine Sommertour geschickt. Vom Kloster Waghäusel zum Karlsruher Grat. Erste Etappe: Vom Kernkraftwerk Philippsburg nach Bad Schönborn.

„Das also ist ein Ralli…“

So romantische Erwartungen der Name „Philippsburger Rheinschanzinsel“ bei einem aus Hamburg zugezogenen Neubadener auch weckt, so schnell wird diese Schwärmerei durch die Wasserdampf speienden Kühltürme des hier stehenden Kernkraftwerks in Luft aufgelöst. Direkt neben dem Rhein beginnt mein erster Streifzug durch das BNN-Gebiet mit einem kleinen Frühstück am Atommeiler.

Am frühen Vormittag herrscht im Kraftwerk reger Betrieb. LKW fahren durch die Pforte auf das Gelände, geschäftige Menschen laufen umher und rauchen gestresst Zigaretten. Ständig parken neue Autos auf dem Parkplatz vor dem Gelände, der locker einigen Hundert Wagen Platz bietet. Damit könnte ab kommendem Jahr Schluss sein, sollte der Reaktor planmäßig vom Netz gehen. Heiß diskutiert wurde die Abschaltung des Meilers, dessen Reaktoren 1979 und 1984 in Betrieb genommen wurden, und die bevorstehenden Sprengungen der Türme. Wo werden die Menschen danach arbeiten, auf welchen Parkplätzen werden dann diese Autos stehen?

Im Dezember vergangenen Jahres sorgte die Idee, hier weiteren atomaren Abfall zu lagern für Furore unter den Philippsburgern. Gespannt sehe ich mich nach Spuren dieser Proteste um.
Nichts. Keine Plakatreste oder Hinweise, dass hier 2002 sogar eine Greenpeacegruppe über den Stacheldrahtzaun geklettert ist, der die zwei Reaktoren einkreist. Ich sehe keine 68er-Althippies lautstark das Tamburin schwingen. Lediglich einen Aufkleber mit der Aufschrift „Atomausstieg sofort!“ entdecke ich an einem Laternenmast am Straßenrand.

KKW Philippsburg
Die Kühltürme des Kraftwerks Philippsburg – im kommenden Jahr soll der zweite Meiler vom Netz gehen. Dann endet eine umstrittene Geschichte.

Sprechen will hier niemand mit mir. Ob es daran liegt, dass die Kraftwerkmitarbeiter zu wenig Zeit haben oder doch hitzige Gemüter mit unangenehmen Fragen fürchten? Ganz so geheuer ist mir dieser Ort nicht, nachdem eine Gruppe Rennradler vorbei saust und lautstark ruft: „Ja, wir strahlen schon!“ So verschlinge ich am Rande des Geländes sitzend hastig den Rest meines Frühstücksbrots und breche auf.

Hauptsächlich asphaltierte Wege führen nach Waghäusel. Das Laufen ist in drückender Hitze anstrengend und nur langsam komme ich voran. Am Wegesrand wachsende Brombeeren versüßen mir das Wandern. Rechterhand entdecke ich den Speyersee, einen idyllischen Badesee direkt neben der Rheinschanzinsel. Plastikmüll am Seeufer zeugt von so manchem Umweltsünder, der hier in erfrischender Wassernähe allzu ausgelassen Picknick machte.

Im Kloster mit einer warmen Mahlzeit empfangen

Hungrig und verschwitzt treffe ich eine Stunde später an der Wallfahrtskirche „Zur Mutter mit dem gütigen Herzen“ in Waghäusel auf Ordensbruder Robert Maria, der prompt zum Mittagessen im Kloster einlädt. Ich stelle mir einen dunklen, steinernen Keller vor, in dem wir von einem großen Tisch mit schwerem Tongeschirr speisen – stattdessen wird es ein heller Raum mit vielen Fenstern.

„Wir wollen gemäß umserem Motto Ora et Labora zunächst ins Mittagsgebet gehen“, sagt der 56-jährige Geistliche und führt mich den Weg in die kleine Kapelle neben der Kirche, in der wir zu zehnt die Mittagsliturgie singen, Gebete sprechen und die Heiligen grüßen. Für mich als evangelisch erzogene Oberlausitzerin sind die Traditionen des Katholizismus etwas Unbekanntes. Nervös blicke ich aus dem Fenster auf die bunt strahlende Eremitage, die direkt gegenüber des Klosters steht.

Klostergarten
Den Klostergarten „Garten der Auferstehung“ haben die Ordensbrüder mit einer ehrenamtlichen Gartenplanerin entworfen.

Etwa 800 Katholiken umfasst die kleine Waghäuseler Gemeinde. „Das Besondere an uns ist, dass wir ein aussterbendes Sakrament aufrecht erhalten. Wir nehmen noch die Beichte ab“, so Robert Maria beim Rundgang durch das Kloster. Andächtig höre ich zu, als er davon erzählt, warum er als 18-Jähriger Priester werden wollte: „Mich hat Religion gereizt. Ich fande es beachtlich, dass verfolgte Christen, zum Beispiel in der Ukraine, so viel für ihren Glauben kämpften.“

So gab der damals naturwissenschaftlich sehr begabte Junge jeglichen Besitz und Frauen auf, um seinen Glauben zu leben. Seit 1987 lebt er mit fünf Brüdern im Ordenshaus zusammen. „Mein damaliger Chemielehrer konnte das nicht verstehen“, erzählt er. Ein Artefakt anderer Zeit habe er ihn genannt. Robert Maria schmunzelt und bittet zu Tisch.

Pater
Pater Robert Maria vor dem Gästehaus: „Mich hat Religion gereizt“, erzählt er, sein Chemielehrer schlug damals die Hände über dem Kopf zusammen

In einem hellen Raum sitzen wir. Etwa 20 Gäste aus der Region sind gekommen. Einige nur kurz, andere schlafen in einem der Gästezimmer, von denen es hier viele gibt. Ein paar sind dauerhaft da. „Wir wollen eine weitere Unterkunft bauen. Allerdings fehlen uns noch 250 000 Euro dafür“, sagt der Ordensbruder und faltet erneut die Hände.

Kurz vor dem Essen wird gebetet. Dann geht es ausgelassen zu. Ich lausche den Geschichten. Robert Maria weiß viel über den Ort an der ehemaligen Zuckerfabrik. Ich sitze mit herzlich lachenden Frauen und Männern am Tisch. Keine Spur von verschnarchtem Religionsleben. So verschlossen wie der früher hier lebende Kapuzinerorden sind die fünf „Brüder vom gemeinsamen Leben“ eben nicht. Eine arabische und eine englische Inschrift im Klostergarten beweisen Weltoffenheit.

In Kronau begegne ich dem „Ralli“

Ein Gemeindemitglied nimmt mich im Auto mit nach Kronau. Dort treffe ich Frieder Scholtes, der sich vor Jahren das Kronauer Maskottchen ausdachte. Ich staune nicht schlecht, als er mir eine Katzenfigur entgegen streckt. „Das ist der Ralli“, sagt er. „Es ist ein Kater geworden, weil der am besten zu den Kronauern passt. Die sind auch ganz eigen, haben eine deutliche Sprache und waren früher viel nachts unterwegs“, sagt der 67-Jährige lachend. Damals blühte das Nachtleben hier noch. Fünf Tanzsäle gab es in dem kleinen Ort, davon blieb nur eine muffige Kneipe übrig. Dafür haben die Kronauer seit dem 725-jährigen Jubiläum in 2014 einen Ralli in Überlebensgröße auf dem Dorfplatz.

Ralli
Die Kronauer und ihr „Ralli“: Frieder Scholtes erklärt, wie er das Maskottchen des Dorfes geschaffen hat.

„Dass wir uns Spitznamen geben, hat Tradition. Denken Sie an den deutschen Michel oder die Gelbfüßler“, meint Scholtes. So ist es für den ehrenamtlichen Rathausmitarbeiter auch unzweifelhaft selbstverständlich, dass die Kronauer ihren Namen haben. Übrigens nennt er die Kirrlacher „Spraddl“, also sich vornehm gebende Menschen, und die Mingolsheimer „Sunnespritzer“. Letzterer Name kommt wohl aus früheren Tagen, in denen die Mingolsheimer Feuerwehr einmal zu einem Feuer ausrückte, das sich dann als Sonnenspiegelung entpuppte.

Nach dem ich mit Frieder Scholtes eine gehörige Portion Humor getankt habe und das Wetter sich mittlerweile in Regen verwandelt hat, breche ich zur letzten Etappe auf. Vorbei an Maisfeldern erreiche ich später Bad Schönborn, den eher städtischen Kurort am nördlichen Rand es Karlsruher Landkreises.

Bad Schönborn bietet Erholung für müde Füße

Kleine, schmucke Häuschen werden hier von rege besuchten Cafés und Imbisstempeln umrahmt. In so manch mediterranem Garten wachsen sogar Feigenbäume. Auf dem Weg zum Kurpark begegne ich entspannt grüßende Menschen. „Die haben sich vielleicht vorher im Thermalbad erholt“, vermute ich. Immerhin kommt das Solewasser hier aus 600 Metern unter der Erdoberfläche, und das Thermarium gilt als eines der größten in Süddeutschland.  Da die Betreiber leider keine Stundenkarten anbieten, sehe ich von einem überhasteten Besuch ab. „Hier komme ich definitiv bald mit mehr Zeit vorbei“, denke ich, und lasse den Tag entspannt auf einem Rasen im belebten Kurpark ausklingen.