Opernsänger Martin Gantner ist in aller Welt unterwegs. Normalerweise. Corona hat die gesamte Branche ausgebremst. | Foto: pr

Livestream ist nicht sein Ding

Letztes Jahr noch Bayreuth – heute nur noch Bruchsal: Bariton Martin Gantner plant Straßenoper

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Von Hundert auf Null – so geht es vielen Menschen in der Corona-Krise, insbesondere den Künstlern. Martin Gantner aus Bruchsal ist als Opernbariton auf den Bühnen der Welt zuhause. Im vergangenen Jahr feierte er sein Debut in Bayreuth. Sein eigentliches Heim ist aber Bruchsal. Dort erwischen wir ihn gerade bei der Gartenarbeit. Christina Zäpfel hat mit ihm über seine Pläne gesprochen und was er von Online-Opern hält.

Bei einem früheren Gespräch erzählten sie, dass sie nur 59 Nächte in einem Jahr im eigenen Bett geschlafen haben. Diese Zahl haben Sie dieses Jahr wohl schon erreicht, oder?

Gantner: Gut möglich. Das Ganze hat bei mir schon im Januar begonnen. Da war ich noch in Bologna. Da ging das Virus schon herum. Tatsächlich hatte ich auch eine Erkältung, als ich dort war und habe meine Frau angesteckt. Wer weiß, was das war? Dann wäre ich vielleicht schon immun.

Wie geht es Ihnen im Moment?

Gantner: Die Situation ist ambivalent. Ich sehe es nicht so pessimistisch wie manch anderer Kollege. Der Kultur in Deutschland geht es gut. Wir können wirklich nicht behaupten, dass wir vernachlässigt werden. Und das sage ich aus dem Opernfach, das wirklich ein Nischendasein fristet. Wir schaden uns vielmehr selber, wenn wir sagen, dass die Kultur jetzt schlecht behandelt wird. Ich kenne schließlich den Vergleich, die Verhältnisse im Ausland. Ich persönlich konnte Rücklagen schaffen, um einige Zeit ohne Einkünfte durchzuhalten. Diese einmalige Situation, dass Opern-und Konzertbetrieb für so lange Zeit stillstehen, erfordert auf allen Seiten Flexibilität. Ob „höhere Gewalt“ als Begründung ausreicht, keinerlei Gagen an uns Gastsänger auszuzahlen, die sonst als prestigeträchtige Gallionsfiguren vermarktet werden, halte ich allerdings für fragwürdig. Hier sollte eine Lösung gefunden werden, wie man zukünftig eine Art Gagenversicherung in die Verträge integriert.

Wie verbringen Sie ihre Zeit?

Gantner: Es gab bei mir auch vor Corona immer mal wieder Phasen, in denen nichts los ist. Das braucht man auch. Damit man den Spaß an der Sache nicht verliert. Aber tatsächlich habe ich eine To-do-Liste. Auf der stehen fünf bis zehn Rollen, die ich mir draufschaffen will. Das ist immer von Vorteil, denn eine Partie setzt sich. Wenn man sie im Körper hat, erinnert der sich beim nächsten Mal daran. Man sagt auch von schweren Partien, dass sie bei der ersten Produktion nie so gut sind wie später.

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Wo wären Sie im Moment gerade?

Gantner: Ich wäre aus dem italienischen Bari zurückgekommen, wo ich Tristan gesungen hätte. Dann ginge es weiter nach Berlin, ebenfalls mit Tristan. Bis August ist jetzt aber alles abgesagt.

Und wie ist die Perspektive für danach in der Opernwelt?

Gantner: Ich bin mir ganz sicher, dass es so schnell keine regulären Opernvorstellungen geben wird. Wenn wir im Frühjahr wieder spielen könnten, wäre ich happy. Bei einem Opernabend kommen viele Menschen auf engem Raum zusammen, allein die Chöre und Orchester. Ich sehe kein Perspektive, bevor wir nicht einen Impfstoff oder ein Medikament haben

Das sind trübe Aussichten. Wie ist die Stimmung unter Ihren Kollegen?

Gantner: Sehr gedämpft. Wir lieben das, was wir machen. Und das wird lange Zeit nicht möglich sein. Es geht ja nicht nur ums Geld. Wir alle fragen uns, in welcher Form wir das künftig tun können. Vielleicht kleinere Formate. Opern mit Klavier, Querschnitte. Den bisherigen Anspruch müssen wir uns komplett abschminken.

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Kollegen wie der Pianist Igor Levit laden täglich zum Livestream ins Internet. Wäre das auch was für Sie?

Gantner: Mein Freund Marc Marshall macht das auch, und ich habe an zwei Abend bei ihm mitgewirkt. Aber ich bin der Überzeugung: Mit dieser Streamerei haben wir uns auch prekarisiert.

Warum das? Levit feiert damit große Erfolge.

Gantner: Ja, ich werde auch angefragt, von den Opernhäusern, ob sie diese oder jene Inszenierung ins Netz stellen dürfen. Kostenlos versteht sich, und ich verzichte dann auf alle Rechte. Das ist aber nicht das, wofür Opernvorstellungen gedacht sind. So ein Stream ist von der Qualität her nie zu vergleichen mit dem Liveerlebnis oder mit einer CD. Wir wollen ja wieder auf der Bühne stehen. Unsere Kunst lebt vom Liveerlebnis.

Was wäre die Alternative?

Gantner: Mir schwebt vor, vor Ort, vor kleinem Publikum aufzutreten. Dort singe ich Lieder, wie eine Art Flashmob, für eine halbe Stunde. Wie einst die alten Gaukler. Ich habe schon eine Firma aus Baden-Baden, die mir einen Flügel sponsort, der wird auf einen Anhänger verladen – Mitte Juni soll es losgehen. Das erste Konzert könnte ich mir im Amphitheater hinter dem Bürgerzentrum in Bruchsal vorstellen.

So eine Art Straßenoper also.

Gantner: Je länger ich drüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Wir streben ja normalerweise immer weiter nach Perfektion. Sitzen Stunden in der Maske, bereiten alles akribisch vor. Das ist auch manchmal überambitioniert. Hier könnte man mal wieder erleben, was es heißt, einfach hinzustehen vor das Publikum, direkt etwas zu tun.