SO SIEHT DAS ORIGINAL AUS: Das Martinshorn mit Elektromotor und je zwei Schallbechern für die Töne A und D. Die Luft wird durch eine Membran aus Kunststoff gedrückt und verstärkt. Seit über 60 Jahren kommt das Martinshorn aus Philippsburg. Und nicht nur in Deutschland ist es als von der Elektronik nicht zu schlagendes Qualitätsprodukt bekannt. | Foto: H.P.Safranek

Weltweit erfolgreiche Töne

Martinshorn kommt aus Philippsburg

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Zusammenrücken heißt es im engen Akustik-Labor. Noch wichtiger ist der Gehörschutz. Die Besucher müssen sich mit gelben Stöpseln versorgen oder das Ohr mit den Fingern fest zuzuhalten. Peter Notheis hat vier Schallbecher in den Messschrank eingespannt, schaltet den zugehörigen kleinen Elektromotor an und es ertönt: Das Original. Seine Daten lauten: 440 und 537 Hertz, 127 Dezibel, alle drei Sekunden wechselnd, immer tief beginnend.

Die Töne A-D und viel Tremolo

Die schnöden „Maße“ einer der erfolgreichsten Tonfolgen der Welt. A-D, A-D, A-D. Aber erst mit Überschneidungen der jeweils doppelt erzeugten Töne und dem sogenannten Tremolo-Effekt wird daraus jenes „Tatütata“, das wir alle kennen. Unter dem Namen Martinshorn.„Diese charakteristischen Töne hat der Großvater meiner Frau nach vielen Versuchen als die optimalen gefunden“, erzählt Martin Brender, der zusammen mit seiner Frau Viola das Unternehmen hinter dem berühmten Produkt leitet.

Die Firma Martin erfand das Martin-Horn 1932

Weil die Firma Max B. Martin 1932 das zwischenzeitliche Monopol für das Warnsignal für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste erhielt, heißt das Ganze offiziell: Martin-Horn. Neben der geschützten Marke steht der Zwillingsbruder Martinshorn im Duden. Das Ding, das jeder schon gehört hat, aber kaum gesehen, kommt seit über 60 Jahren aus Philippsburg. Was kaum bekannt ist. In der Stadt hat die 1880 gegründete „Deutsche Signal-Instrumentenfabrik Max B. Martin“ ihr Qualitätsprodukt weiterentwickelt. Das Monopol für den Bau einer solchen Signalanlage besteht längst nicht mehr, dennoch ist das in Jahrzehnten immer ausgefeilter gewordene Horn fast unschlagbar.

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In dieser Qualität nicht elektronisch erzeugbar

Nicht nur in deutschen Feuerwehrautos. Ebenso in französischen und belgischen, wo der zweite Ton kein D sondern ein H ist. „Alle diese Signale in unserer Qualität wären elektronisch nicht erzeugbar. Man würde sie nicht gut genug hören. Bei uns ist alles aufeinander abgestimmt, Elektromotor, Schläuche, Kunststoffmembran und Schallbecher. Wir haben an die 80 Prozent Marktanteil in Europa und unsere Anlagen gehen in die ganze Welt“, informiert Brender. Er lenkt einen kleinen feinen, etwas versteckten Champion. Gern beantwortet der Chef die vielen Fragen der stark beeindruckten Teilnehmer bei einer von der Bruchsaler Rundschau organisierten Besichtigung für Leser.

In Philippsburg hat eine traditionsreiches Unternehmen seinen Sitz. Von der Firma Martin kommt das bekannte Martinshorn für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste. Nicht nur in Deutschland. | Foto: lie

Produkte für Eisenbahnen und Containerhäfen

Sie erhielten Einblick in die Produktionsräume, wo viele der 46 Martin-Mitarbeiter an Werkbänken oder Maschinen drehen, fräsen oder löten: Nur für die Galvanik gehen die Schallbecher aus 70 Prozent Messing außer Haus. Das auf dem Dach oder im Motorraum von Feuerwehrautos untergebrachte Martinshorn ist nicht das einzige gefragte Produkt aus dem Hause Martin. Österreichische oder Schweizer Bundesbahnen benötigen für ihren Betrieb ebenso tönende Philippsburger Technik wie die Betreiber von Containerhäfen oder Steinbrüchen sowie der Schweizer Postbus. Nur Nebelhörner hat man nicht mehr im Programm. Etwa 4 500 Anlagen jeder Art, fast alle mit individuellem Zuschnitt, verlassen die Produktionsstätte nah beim Bahnhof. Immer mal wieder dringt dort ein von Kunden in aller Welt bestelltes Signal durch die Fabrik oder in die nahe Umgebung.

Trompetenbau stand am Anfang

Die Martin’sche Tonkunst begann mit etwas anderen Warnsignalen sowie militärischem Zubehör: Der Grundstein für die Instrumentenfabrik wurde 1880 in Markneukirchen gelegt. Jagdhörner, Fanfaren oder Kavallerie-Trompeten verließen die Werkstatt im sächsischen Vogtland. Man holte sich den Auftrag für eine Kaiserfanfare, die Fahrzeuge der Herrscherfamilie ankündigte. Das einfachere Volk wurde ebenfalls instrumental versorgt. Turner, Radfahrer oder Feuerwehren spielen auf Martin-Fanfaren. Schalmeien-Kapellen wurden gute Kunden. Noch heute präsentiert Martin Brender im Ausstellungsraum Schalmeien. Nach dem 2. Weltkrieg wechselten die Martins vom Osten in den Westen. Zunächst nach Bayern dann nach Philippsburg. Der Familienbetrieb – die nächste Generation arbeitet durch Tochter Vanessa bereits mit – hat treue Mitarbeiter, zufriedene Kunden und volle Auftragsbücher. „Die Hörner halten gut 30 Jahre“, betont Brender. „Und falls doch mal was nicht stimmt, können wir alle hier reparieren.“