Rollerfahren ohne Muskelkraft: Igor Smeljanski ist mit seinem E-Scooter auf Tour durch Deutschland. Dabei machte er auch Halt in Bruchsal. Kritik an dem Elektro-Tretroller komme davon, dass die Menschen zu wenig informiert seien, denkt er.
Rollerfahren ohne Muskelkraft: Igor Smeljanski ist mit seinem E-Scooter auf Tour durch Deutschland. Dabei machte er auch Halt in Bruchsal. Kritik an dem Elektro-Tretroller komme davon, dass die Menschen zu wenig informiert seien, denkt er. | Foto: Lara Teschers

Vorteile und Kritik

Mit dem E-Scooter von Karlsruhe nach Bruchsal

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Er sieht aus wie ein normaler Tretroller, aber der Schein trügt. Nach zwei Schritten Schwungholen fährt der E-Scooter mit Strom ohne weitere Muskelkraft weiter. Auch hier im Bruchsaler Industriegebiet.
Als Anfänger scheint das im Stadtverkehr aber utopisch. Viel mehr beschäftigen am Anfang die Balance, das Rücksichtnehmen auf andere Verkehrsteilnehmer und der Umgang mit diesem neuen Fortbewegungsmittel. Gas gegeben wird mit dem Daumen, der einen kleinen Hebel am Lenker hinunterdrückt, gebremst mit zwei Handbremsen wie beim Fahrrad.

Tour durch Deutschland

Igor Smeljanski kennt sich mit dem E-Scooter, der seit einigen Monaten auf Deutschlands Straßen erlaubt ist, aus. Er gehört zu den „Scooterexperten“ eines Stromanbieters, die über das Gefährt informieren wollen. Deswegen startete er in Begleitung von zwei Kollegen eine Deutschlandtour: Mit dem E-Scooter von Weil am Rhein nach Kiel. 30 Tage Zeit hat er dazu.

25 Kilometer Reichweite pro Ladung

Eine Scooter-Ladung (ein Viertel Kilowatt) reicht für bis zu 25 Kilometer. Und so fährt er auch eine Etappe von Karlsruhe nach Bruchsal. „In seiner richtigen Anwendung und wenn wir das Akkuproblem lösen, weil der immer noch ein Lithium-Ionen-Akku ist, ist er an sich ein sehr umweltfreundliches Verkehrsmittel“, findet Smeljanski. Er lädt seinen mit Ökostrom. Gerade auf dem Dorf sei der E-Scooter praktisch, denn „viele Dörfer sind ja nur maximal zwei bis fünf Kilometer voneinander entfernt“, da genüge die Reichweite für den Hin- und Rückweg. Ein Vorteil sei außerdem, dass die Parkplatzsuche wegfalle.

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Auf Schotterwegen rattert’s

Durch Wälder und an Landstraßen entlang geht es von Karlsruhe nach Bruchsal – natürlich nur auf Fahrradwegen. Nach kurzer Eingewöhnung fällt das Fahren nun leichter, die Geschwindigkeit und auch die Balance beim Arm-Ausstrecken sind kein Problem mehr. „Die fahren ja ganz schön schnell“, ruft ein überholender Radfahrer mit Blick auf die beiden Roller. Kurz danach fällt dieser aber schon hinter die E-Scooter zurück. Solange die Straße asphaltiert ist, gleiten die Roller gemütlich über den Boden. Es ist eine unanstrengende Art, sich fortzubewegen, und bei schönem Wetter auch angenehm. Doch bei Schotterwegen ist eine Unterhaltung mit dem Mitfahrer schon kaum noch möglich: Es rattert, schön fühlt sich das nicht an.

Anstrengend für den Daumen

Ein kleines Display am Lenkrad zeigt die Geschwindigkeit und den Akkustand an. Letzterer schwindet merklich, je näher das Ziel kommt. Nach 24 Kilometern und eineinhalb Stunden Fahrt ist die Tages-Endstation, ein Hotel in Bruchsal, erreicht. Inzwischen tut der Daumen vom permanenten Gasgeben fast weh, die Akkuanzeige ist leer. Mit einem Kabel, das einem Laptop-Ladekabel ähnelt, können die Scooter über normale Steckdosen geladen werden. Nach rund zwei Stunden sind sie wieder einsatzbereit.

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Nicht wenige Kritikpunkte am E-Scooter

Smeljanski ist sich bewusst, dass es viel Kritik an E-Scootern gibt. Er führt diese teils auf Sharing-Anbieter zurück, die E-Scooter verleihen, die die Kunden dann nicht ordentlich abstellen, sondern auf Gehwegen herumliegen lassen, wo sie zu Stolperfallen werden. Außerdem seien die Menschen nicht gut informiert: „Die Leute haben gedacht, dass alle, die sich schon einen E-Scooter gekauft haben, mit dem rumfahren dürfen, obwohl der überhaupt nicht für Straßen zugelassen ist.“ Denn nicht jeder Scooter ist erlaubt. Zudem braucht er wie Mopeds ein Versicherungskennzeichen. „Es passiert auch, dass Leute zu schnell fahren, auf Gehwegen fahren, vom Auto nicht gesehen werden.“ Der größte Kritikpunkt sei, dass der E-Scooter nicht wie gewünscht die Menschen vom Auto weghole, sondern vom Rad oder Laufen.

Die letzte Meile im Visier

„Wir sehen die Vorteile wirklich in dieser letzten Meile“, erklärt er – also für Menschen, die den Bahnverkehr nutzen, aber zu weit von der nächsten Station wegwohnen. Der Scooter lässt sich zusammenklappen und kann so auch in der Bahn transportiert werden. Ist der E-Scooter denn auch zum Vergnügen da? „Im ersten Schritt ist er ein Fortbewegungsmittel. Wenn das noch Spaß macht, ist es immer vorteilhaft.“

Seit Juni sind in Deutschland die Tretroller mit Elektroantrieb erlaubt, sofern sie eine Straßenzulassung haben. Sie müssen Bremsen und Beleuchtung haben. Das Fahren mit einem Scooter ohne Betriebserlaubnis kostet 70 Euro. Bisher dürfen Scooter-Fahrer Radwege und – falls diese nicht vorhanden sind – Straßen nutzen. Fußgängerzonen und -wege sind tabu, außer das Zusatzzeichen „E-Scooter frei“ erlaubt es. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CDU) kündigte kürzlich an, auch Busspuren für E-Scooter öffnen zu wollen. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit sind 20 Stundenkilometer. Einen Führerschein braucht man nicht, aber eine Versicherung. Das Mindestalter der Fahrer ist 14 Jahre. Es gelten dieselben Alkoholgrenzwerte wie für Autofahrer, teilt der ADAC mit.