Abgesperrt: Mit Bändern werden Abstände zwischen einzelnen Kindergartengruppen markiert, damit sich die Gruppen nicht zu nahe kommen. Jede Kita hat ihr eigenes Hygienekonzept entwickelt, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. | Foto: dpa

Eltern klagen über Infopolitik

Mit der Kita-Öffnung kehrt für Familien ein Stück Normalität zurück

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Es wurde höchste Zeit, bei vielen Eltern ist nach drei Monaten Homeoffice und Kinderbetreuung der Akku leer. Mit dem Start des regulären Kindergartenbetriebs unter Pandemiebedingungen ab Montag sind aber noch viele Fragen offen.

Alle fiebern auf den Montag hin: Die Kids, weil sie dann endlich wieder ihre Kindergartenfreunde sehen – nach drei Monaten. Die Eltern, weil der anstrengende Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung ein Ende hat.

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„Es war nervenaufreibend, alles unter einen Hut zu bringen“, erzählt Thorsten Schwarz, Vater von drei Kindern und drei Jahre lang Vorsitzender des Gesamtelternbeirats der Bruchsaler Kindergärten. Die altbekannten Probleme in den Kindergärten – Personalmangel und damit Ausfallzeiten sowie nicht zeitgemäße Betreuungsangebote und -konzepte – machen den Start nach seiner Einschätzung nicht unbedingt leichter.

20 Prozent der Erzieherinnen sind Risikopatienten

Ab 29. Juni sollen alle Kinder im Land wieder regelmäßig ihre Kitas und die Kindertagespflege besuchen können. In Bruchsal können laut Stadtverwaltung elf der 25 Einrichtungen ohne Einschränkungen den Regelbetrieb aufnehmen.

Die anderen 14 Einrichtungen öffnen mit verkürzten Zeiten. Jede Einrichtung entwickelt dabei ihr eigenes Hygienekonzept. Die große Unbekannte ist dabei die Zahl der Risikopatienten unter den Erzieherinnen.

Birgit Stork, stellvertretende Leiterin der Verrechnungsstelle für katholische Kirchengemeinde Bruchsal, geht von etwa 20 Prozent der 1.600 Erzieherinnen aus, die erst mal nicht zur Verfügung stehen. Für die 65 katholischen Kindergärten im nördlichen Landkreis Karlsruhe bedeutet dass, täglich eine halbe oder ganze Stunde weniger zu öffnen oder nachmittags ganz zu schließen.

Alle zwei Stunden Pause von der Maskenpflicht

Beim evangelischen Träger hat man sich außerdem darauf geeinigt, gefährdete Erzieherinnen mit FFP2-Masken arbeiten zu lassen. Es sei denn, ein ärztliches Attest spricht dagegen. „Nach zwei Stunden müssen sie eine halbe Stunde Pause machen – und fehlen dann in der Gruppe“, bedauert Ingrid Motzer, Geschäftsführerin der Kindertageseinrichtungen beim Evangelischen Verwaltungs- und Serviceamt Mittelbaden. In Bretten werden derzeit 40 evangelische Kindergärten in der Region betreut.

Keine klare Ansagen aus Kultusministerium zur Kita-Öffnung

Motzer vermisst dabei klare Aussagen des Kultusministeriums: etwa über die Einsatzmöglichkeiten von Erzieherinnen. Erst seit Mittwoch gibt es den Hinweis, dass die strenge Gruppentrennung zum Schutz vor Ansteckungen aufgeweicht werden könne: Nun können auch zwei Kita-Gruppen kooperieren. Im Corona-Fall müssen dann aber auch beide in Quarantäne gehen.

„Alle Pläne waren schon organisiert, die Eltern informiert“, so Motzer. Eine Herausforderung werden auch die Gespräche bei der Übergabe zwischen Tür und Angel werden. Eltern dürfen nämlich vorerst nicht mehr in die Kita. Die Kinder müssen an der Tür abgegeben werden. Und was ist mit der Eingewöhnungszeit? Da gibt es Sonderregelungen für Eltern mit Masken- und Abstandspflicht.

Die Akkus sind leer.

Julia Schwab, Mutter aus Büchenau

Julia Schwab ist skeptisch. Ihre dreijährige Tochter war zwei Wochen in der Kita St. Bartholomäus in Büchenau. Dann kam der Lockdown. „Zum Glück bin ich in Elternzeit, aber eigentlich war geplant, dass ich jetzt stundenweise wieder anfange. Das kann ich nun auf Eis legen“, erzählt sie.

Und wie es am Montag weiter geht? Mittwochs war das noch völlig unklar. „Eine Perspektive wäre wichtig“, so Schwab. Ihr vierjähriger Sohn sehnt sich nämlich schon längst nach anderen Kindern. Und im Gespräch mit Eltern hat die Mutter aus Büchenau festgestellt: „Die Akkus sind leer. Es wäre schön, die Kinder wenigstens mal zwei Stunden pro Tag abgeben zu können“. Dabei sei sie privilegiert und müsse nicht im Homeoffice arbeiten.

Online-Unterricht statt Kita

Damit kennt sich Ulrich Gerst mittlerweile aus – und seine Schüler kennen längst seine zweijährige Tochter: Beim Online-Unterricht war das Mädchen oft dabei. Zwei Wochen vor dem Pfingstferien konnte sie dann wieder die Notbetreuung des Käthe-Luther-Kindergartens in Bruchsal besuchen.

„Bereits am Abend vorher hat sie ihren Rucksack gerichtet“, erzählt der Vater. Im Rückblick war der Spagat zwischen Homeschooling und der Kinderbetreuung anstrengend.

490 Kinder waren zuletzt in Notbetreuung

Erst seit dem 18. Mai gibt es den reduzierten Regelbetrieb mit Notbetreuung, bei dem bis zu 50 Prozent der Plätze belegt werden konnten. Vorher wurden nur Kinder von Eltern in den sogenannten systemrelevanten Berufen wie im Gesundheitswesen oder der Lebensmittelbranche betreut.

In Bruchsaler Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege waren zuletzt 490 Kinder in der erweiterten Notbetreuung. Das sind 26 Prozent der Betreuungsplätze, so Doris Hach, stellvertretende Leiterin des Amtes für Familie und Soziales.

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Nach und nach beantragten immer mehr Eltern die Aufnahme. Gerade Ganztagseinrichtungen erreichten mit den Notbetreuungsplätzen schon die 50 Prozent-Grenze, sodass für den reduzierten Regelbetrieb kein Spielraum war.

Eltern im Schichtdienst

Thomas Böker, dessen fünfjähriger Sohn in das Kinderhaus Merlin in Bruchsal geht, wechselte sich deshalb wochenlang mit seiner Frau ab – je nach beruflicher Terminlage. Im Schichtdienst wurde betreut, beschult und bekocht. Dafür startete das Homeoffice bereits morgens um 6 Uhr.

„Abends habe ich dann noch mal den Laptop angestellt“, erzählt er. Zum Glück gab es die Großeltern nebenan. Jetzt ist er erst einmal froh, dass mit der Kita-Öffnung ein Stück Normalität einkehrt und der Arbeitsalltag leichter wird.