Ab zur Einkaufsmeile: BNN-Redakteur Patric Kastner hat die Mitfahrerbänke in Graben-Neudorf und in Linkenheim-Hochstetten ausprobiert. | Foto: Hora

Mitfahrerbänke im Test

Nach 20 Minuten ist der Daumen gefragt

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Mal zum Einkaufen in den Ort, zum Bahnhof, zu Behörden oder ins Museum – wenn man ein Auto hat, ist das kein Problem. Hat man keines, ist man entweder auf den öffentlichen Personennahverkehr sowie Freunde und Familie angewiesen, die einen mitnehmen. Oder man setzt sich auf eine Mitfahrerbank, die es im nördlichen Landkreis in Graben-Neudorf und in Linkenheim-Hochstetten gibt.

Himmelblaue Bank und Metallpfosten mit Schildern

Der Aufbau sieht folgendermaßen aus: Eine himmelblau gestrichene Bank, ein Metallpfosten daneben, auf dem verschiedene Schilder montiert sind. Eines für Informationen, ein Hinweisschild, dass an diesem Ort eine Mitfahrerbank steht, und dann gibt es noch einen Rahmen mit umklappbaren Schildern, die das jeweilige Ziel für den Autofahrer angeben. Anleitungen dazu gibt es an den Bänken selbst oder im Internet. Am Zielort steht das Gegenstück der Bank. Die Badischen Neuesten Nachrichten haben ausprobiert, wie die Bänke funktionieren und wie lange es dauert, bis jemand anhält.

Selbstversuch in Graben-Neudorf und Linkenheim-Hochstetten

9.35 Uhr: Die erste Mitfahrerbank liegt in Graben-Neudorf im Gewerbegebiet in der Heidelbergerstraße. Zehn Stück gibt es in der Gemeinde. Was auffällt: Die Bank steht an einem Parkplatz – ist der voll, könnten vorbeifahrende Fahrzeuge potenzielle Mitfahrer erst spät erkennen. Es ist kalt, es regnet in Strömen, und der Verkehr ist mäßig. Also Schild umklappen – es soll zum Bahnhof oder zum Rathaus gehen – auf die Bank setzen und warten. Nach ein paar Minuten ist die dicke Winterjacke durchnässt.
„Da ist noch nie einer gesessen“, sagt Josef Grolmus, Inhaber des Sport- und Fitnesscenters in der Nähe. Die Mitfahrerbank hält er für nicht schlecht, aber im Gewerbegebiet für wenig sinnvoll. Er rät, es bei den Mitnahmeeinrichtungen in der Hauptstraße zu probieren. Gesagt, getan.

10.03 Uhr: Gleich am Rathaus von Graben-Neudorf stehen zwei Bänke, eine davon ist überdacht. An einem regnerischen Tag nimmt man das Angebot gerne an. Das Ziel ist dieses Mal das Heimatmuseum. Der Pfosten mit den Schildern ist ein paar Meter von der Bank entfernt, jedoch sind die Standorte der anderen Bänke auf einer Karte eingezeichnet.

Zum Museum soll es gehen. Die Mitfahrerbänke stehen am Rathaus in Graben-Neudorf.

10.10 Uhr: Ein weißer Kombi hält kurz nach der Bank. Ist das die ersehnte Mitfahrgelegenheit? Nein. Der Mann geht zum Kofferraum des Wagens, schaut nach der Ladung und fährt dann weiter.

10.22 Uhr: Schaut man genauer auf das Hinweisschild, so ist unter Punkt 4 zu lesen „Mitfahren kostet kein Geld, aber Geduld und Ausdauer, denn kein Autofahrer ist verpflichtet anzuhalten“ – mal schnell von A nach B zu kommen ist an diesem Tag nicht drin, aber eine Lösung muss her. Die Straßenseite wird gewechselt, denn dort steht die zweite Bank – es soll zur Einkaufsmeile gehen. Daumen raus, jetzt wird getrampt.

10.25 Uhr: „Wo willsch naa?“, fragt Andi Kierdorf, der nach drei Minuten vor der Bank hält. Die Frage sagt alles: Er hat auf das Zeichen mit dem Daumen reagiert und nicht auf die Mitfahrerbank. War es ein glücklicher Zufall? Die Probe aufs Exempel steht an.

Im Auto: Andi Kierdorf hat auf das Trampersignal reagiert. | Foto: Hora

10.48 Uhr: Elke Herzog hält mit ihrem Auto. Von Mitfahrerbänken habe sie schon öfter Leute mitgenommen. Manchmal hätten auch Leute da gesessen, die nur Pause gemacht haben. Die Einrichtung hält sie für schlauer als die Rollatorbänke, sagt sie.

11:20 Uhr: In Linkenheim-Hochstetten gibt es seit Juli eine Mitfahrerbank. Von dort kann man sich nach Graben-Neudorf mitnehmen lassen. Diese befindet sich in der Grenzstraße – in der Nähe zur S-Bahn-Haltestelle und zu den Supermärkten. Dort angekommen ist das Verkehrsaufkommen hoch, aber es bietet sich eine ungünstige Situation – Busse parken auf dem Seitenstreifen vor der Bank. Autofahrer würden Wartende wahrscheinlich erst spät erkennen. Nach ein paar Minuten ist der Seitenstreifen wieder frei, und etliche Autos fahren aus dem Supermarkt-Parkplatz heraus. Hält jemand an? Fehlanzeige. Die Klamotten sind klamm, die Bank ist kalt, und der Wind pfeift ordentlich. „Nach Graben fahre ich leider nicht“, sagt eine Frau auf dem Supermarkt-Parkplatz – sie hat den Wartenden auf der himmelblauen Bank bemerkt. Nach etwa 20 Minuten kommt der Daumen wieder zum Einsatz.

Nach Graben-Neudorf weist das Schild der Mitfahrerbank in Linkenheim-Hochstetten | Foto: Hora

11:54 Uhr: Ein anthrazitfarbener Kastenwagen hält am Seitenstreifen. „Kann ich Sie mitnehmen?“, fragt die Frau am Steuer. Als sie auf die Mitfahrerbank angesprochen wird, wirkt sie erstaunt. „Seit wann gibt es die?“, will sie wissen.

Jetzt wird getrampt. | Foto: Hora

11:55 Uhr: Wieder ist der Daumen ausgestreckt, und eine Minute später hält ein weiteres Auto. „Wohin?“, fragt der Mann, der im Auto sitzt. Er habe auf die Mitfahrerbank reagiert, sagt er.

Fazit

Die Momentaufnahme hat gezeigt: Schild umklappen, nur auf die Bank setzen und einfach warten, bis jemand anhält, kann langwierig sein. Und ungewohnt, wenn man sich an die Taktfrequenzen von Bussen und Bahnen angepasst hat – man weiß, zu welcher Uhrzeit ein Fahrzeug kommt, das einen mitnimmt.
Mitfahrerbänke sind eine Möglichkeit, das Mobilitätsangebot einer Gemeinde zu bereichern, wenn der öffentliche Personennahverkehr noch nicht so gut ausgebaut ist, oder die Fahrtzeiten nicht im gewünschten Zeitrahmen liegen. Aber man ist auf das Wohlwollen der Autofahrer angewiesen – übrigens wie beim Trampen auch. Jedoch war diese Methode augenscheinlich im Versuch effektiver.