Kämpft gegen die „Billig-Mentalität“ bei Lebensmitteln. Hans Lehar, Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA), räumt im BNN-Interview auch hausgemachte Fehler seiner Branche ein. | Foto: Fabry

Viele Herausforderungen

OGA-Chef Hans Lehar: Der Landwirtschaft mangelt es an Imagepflege

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Hans Lehar (55) kennt die Themen Obst- und Gemüse seit seiner Kindheit. Da war er auf den elterlichen Feldern unterwegs. Später war er als Experte in Sachen Landwirtschaft für den Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband tätig. Seit 20 Jahren ist er Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA) in Bruchsal. BNN-Redakteur Dirk Neubauer unterhielt sich mit ihm über Herausforderungen der Branche in Corona-Zeiten, aber auch über Klima- und Artenschutz.

Viel Sonne, warme Temperaturen; zuletzt hat es auch noch geregnet. Es hätte ein tolles Spargel- und Erdbeerjahr geben können …

Lehar: … wenn uns Corona nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Die Erdbeerkulturen standen beispielsweise so gut da, wie schon lange nicht mehr. Aber was nützt das, wenn viele Betriebe nicht genügend Saisonarbeitskräfte haben. Auf etlichen Flächen wird letztlich nicht geerntet werden können.

Ich kenne keinen in Deutschland, der genügend Erntehelfer hat.

Hans Lehar, Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA) in Bruchsal

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Das Coronavirus führte zu einer Zeit des Bangens wegen der benötigten Erntehelfer, dann zur Improvisation – und zu höheren Kosten, weil viele der Helfer kurzfristig eingeflogen werden mussten.

Lehar: Das war richtig teuer. Die Anreise erfolgte übrigens nicht nur über Söllingen und Stuttgart. Teilweise kamen die Erntehelfer am Hamburger Flughafen an. Unsere Erzeuger mussten für die Kontrolle dort Ärzte organisieren und den Bustransfer nach Süddeutschland. Weitere Kosten kamen für die Betriebe dazu: Unterkünfte dürfen nur zur Hälfte belegt, weitere Unterbringungsmöglichkeiten mussten organisiert werden. Hinzu kommen die strengen Hygiene-, Abstands- und Quarantänevorgaben. Ich kenne keinen in Deutschland, der genügend Erntehelfer hat. Aber alle Betriebe sagen mir: „Besser als gar keine Saisonarbeitskräfte und keine Ernte.“

Spargel und Erdbeeren sind durch Corona teuer geworden, richtig?

Lehar: Das kann man so pauschal nicht sagen. Wenn die Ernte beginnt, ist die Ware immer teurer, weil sie noch knapp ist. Der Spargelpreis lag lange Zeit höher als im vergangenen Jahr, hat aber inzwischen ein vergleichbares Niveau erreicht. Bei den Erdbeeren gibt der Markt nun langsam ebenfalls nach. Die weitere Entwicklung hängt von der nun richtig beginnenden Freilandernte ab. Ein weiterer Aspekt ist, ob der Einzelhandel spanische Erdbeeren aus dem Sortiment herausnimmt und die Preisrückgänge beim Verbraucher auch ankommen.

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Führt die Corona-Pandemie dazu, dass die Menschen mehr Lust auf Obst und Gemüse haben?

Lehar: Das ist schwer zu sagen. Derzeit gibt es in den Obst- und Gemüseabteilungen des Einzelhandels noch keine Engpässe und kein außergewöhnliches Kaufverhalten wie zum Beispiel bei Toilettenpapier, Nudeln, Reis oder Konserven vor wenigen Wochen.

Uns wird auf jeden Fall Umsatz und Ertrag fehlen, da die Erntemengen wesentlich kleiner ausfallen.

Hans Lehar, Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA) in Bruchsal

Wie wird der Jahresabschluss 2020 der OGA aussehen?

Lehar: Ich wage keine Prognose. In unserem schnellen Obst- und Gemüsegeschäft arbeiten wir von Woche zu Woche. Uns wird auf jeden Fall Umsatz und Ertrag fehlen, da die Erntemengen wesentlich kleiner ausfallen. Bei den Zwetschgen sind zum Teil Totalausfälle zu befürchten, weil Blüten erfroren sind. Erst nach der Saison wissen wir, wo wir stehen. Aber ja, es kann sein, dass wir letztlich rote Zahlen schreiben.

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Tausende Freiwillige arbeiten auf den Feldern. Die berichten ja von ihren Erfahrungen, wissen, wie hart die Arbeit ist. Könnte dies zu einer höheren Wertschätzung der Landwirtschaft – auch für die Zeit nach Corona – führen?

Lehar: Es wäre schön, wenn es so käme. Aber ich bin skeptisch. Es ist eine sehr schnelllebige Zeit, in der wir leben, da sind die Menschen schnell wieder in ihrem alten Tritt. Sie können jederzeit und überall alle Lebensmittel einkaufen. Wenn das neue Smartphone 50 Euro mehr kostet, nimmt man das in Kauf. Aber bei einem Kopfsalat, einem Liter Milch oder anderen Grundnahrungsmitteln schaut man auf jeden Cent. Die Folge: Die regionale Landwirtschaft stirbt langsam aus.

Das Höfesterben wird in jeder Statistik bestätigt.

Hans Lehar, Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA) in Bruchsal

Übertreiben Sie da nicht?

Lehar: Nein, das ist die bittere Wahrheit. Das Höfesterben wird in jeder Statistik bestätigt. Steigende Kosten durch staatliche Vorgaben, immer höhere Anforderungen und Qualitätsansprüche der Lebensmitteleinzelhandels-Konzerne – und somit der Kunden – führen dazu, dass bei anhaltender „Billig-Billig-Mentalität“ viele Betriebe ihre Produktion herunterfahren oder ganz aufgeben.

Die Deutschen sind in Europa bekannt dafür, dass sie Lebensmittel möglichst billig haben wollen. Sie kaufen Obst und Gemüse aus fernen Ländern, wenn die regionalen Produkte noch nicht erntereif sind. Doch auch die OGA hat 2019 Kiwibeeren ins Sortiment aufgenommen. Die wachsen ja auch nicht in Baden.

Lehar: Von März bis Oktober haben wir eigene Produkte: vom Spargel bis hin zu Äpfeln. Im Winterhalbjahr folgt eine Lücke. Wir möchten unsere Mitarbeiter aber auch dann beschäftigen. Wir schätzen sie und ihren Einsatz während der Saison. Wir arbeiten auch an Wochenenden und Feiertagen. Wer macht das schon gerne? Deswegen benötigen wir eine Auslastung im Winterhalbjahr. Eine Kooperation mit einem französischen Kiwi-Spezialisten ermöglicht uns für deren Produkt Kiwibeeren eine Lohndienstleistung. Das hilft uns über einige Monate hinweg.

Sie sagen, die deutsche Landwirtschaft sei zum Teil selbst schuld daran, dass sie nicht mehr Wertschätzung erfährt. Wie meinen Sie das?

Lehar: Landwirte arbeiten bei Wind und Wetter, nicht nur acht Stunden am Tag und auch am Wochenende. Ein Knochenjob. Sie werden jährlich zertifiziert und mehrfach kontrolliert. Teilweise sind die Probleme aber schon hausgemacht. Ich nenne das Stichwort Überproduktion. Es mangelt aber auch an der Imagepflege. Es gibt in der Branche sehr viele Verbände – vielleicht zu viele. Diese müssten sich bei der Öffentlichkeitsarbeit und in der Kommunikation zum Verbraucher und der Gesellschaft zusammentun, aktiver zeigen und wahrgenommen werden. Man muss erklären, was man tut, wie man es tut und warum man so handelt. Zu Beginn und während der Corona-Pandemie haben sich die Verbände allerdings hervorragend für die Interessen der Landwirtschaft eingesetzt. Mir fehlt die CMA (die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, Anmerkung der Redaktion), die es früher gab, als zentrale Stimme der deutschen Landwirtschaft.

Der Einsatz vernünftiger, ressourcenschonender und recycelfähiger Verpackungen sowie eine weltweite Aufklärung zur Müllvermeidung und richtigen Müllentsorgung sind wichtige Zielsetzungen.

Hans Lehar, Chef der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden (OGA) in Bruchsal

Passend zum Thema Image: Umweltschützer kritisieren den sogenannten „Verpackungswahnsinn“ bei Obst und Gemüse.

Lehar: Man kann in vielen Branchen sicherlich einiges an Verpackungsmaterial einsparen. Wir kommen bei frischen Lebensmitteln aber nicht ohne Kunststoffe oder Plastikmaterial aus. Das Produkt steht im Vordergrund, und es geht um den Schutz und die Haltbarkeit. Es ist viel in Bewegung. Nehmen Sie das Beispiel Erdbeeren: Früher haben wir bei der OGA über die Hälfte der Erdbeerschalen mit Folie versehen, weil das die Handelskonzerne so wünschten. Man wollte vermeiden, dass die Kunden in den Obstabteilungen in den Schalen wühlen und sich die schönsten Früchte aussuchen. Folie ist nun nicht mehr gefragt. Voll recycelfähige und transparente Kunststoffschalen werden durch Karton und Pappe ersetzt. Ich frage mich schon, ob dafür global weitere Wälder abgeholzt werden müssen. Für mich ist da vieles nicht bis zum Ende durchdacht, es wird zu hektisch reagiert: Wenn von einem Frachtschiff illegal Müll im Meer entsorgt wird, gehen die Bilder rasch um die Welt und es entsteht sehr schnell ein Meinungsbild. Der Einsatz vernünftiger, ressourcenschonender und recycelfähiger Verpackungen sowie eine weltweite Aufklärung zur Müllvermeidung und richtigen Müllentsorgung sind hier wichtige Zielsetzungen. Lebensmitteleinzelhandelskonzerne sehen sich da schnell unter Zugzwang und versuchen, sich zu profilieren.

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Klimawandel und Artensterben sind schon ein Thema auch für die regionale Landwirtschaft. Oder sehen Sie das anders?

Lehar: Es heißt häufig, Landwirte spritzen und düngen zu viel und beuten Arbeitskräfte aus. Das ist aber nicht korrekt, auch wenn es – wie in jeder Branche – vereinzelt Schwarze Schafe geben mag. Die ganze Gesellschaft trägt die Verantwortung für Klimawandel und Artensterben. Deswegen hat uns auch das Volksbegehren in Baden-Württemberg auf die Palme gebracht, weil es einseitig die Landwirtschaft als Hauptschuldigen gesehen hat und mit weiteren, existenzbedrohenden Auflagen konfrontiert hätte. Letztlich ist es glücklicherweise gescheitert. Aber da bin ich wieder beim Thema Image: „Tue Gutes und sprich darüber“, diese Maxime habe ich schon in der Schule gelernt. Viele Landwirte und die ganze Branche haben sie leider vergessen.