Ratschläge nicht nur in medizinischen Fragen gibt es in der Apotheke. Das wirtschaftliche Risiko wollen aber immer weniger junge Apotheker und Apothekerinnen übernehmen. Deshalb gibt es vor allem auf dem Land große Nachwuchssorgen. | Foto: dpa

Apothekensterben bei Bruchsal

„Ohne Arzt vor Ort geht gar nichts“

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Die Türglocke bimmelt, obwohl die Martinus-Apotheke in Zeutern offiziell seit 31. Juli zu ist. „Das Bedauern bei den Älteren ist groß“, so Apotheker Jochen Jakobi im BNN-Gespräch. Er wickelt den Betrieb in den nächsten Tagen ab. Ende der Woche werden auch die Waren vom Großhandel zurückgenommen. Damit ist nach 30 Jahren endgültig Schluss.

Das Risiko will keiner mehr eingehen

Bis zuletzt bescherte der persönliche Umgang dem sechsköpfigen Team auch Kunden aus anderen Stadtteilen und Gemeinden im Umkreis. Trotzdem hat Jakobi für seine Apotheke, die die Mindestzahl von 3500 Einwohnern nicht erzielt, keinen Nachfolger gefunden. Jeder Betrieb müsse heute mit einem bestimmten System organisiert, Rezepturen müssen nach Standards dokumentiert werden, wobei die Dokumentation oftmals zeitraubender als die Herstellung sei. „Das Risiko will keiner mehr eingehen“, betont er.

Rückgang betrifft nun auch Stadtränder

Kein Einzelfall: So ist im Landkreis Karlsruhe die Zahl der Apotheken von 118 im Jahr 2008 auf 108 im vergangenen Jahr gesunken. „Wo es keinen Arzt gibt, kann auch keine Apotheke existieren“, beschreibt Frank Eickmann, Sprecher des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, den Rückgang, der vor allem die ländlichen Gebiete, aber mittlerweile auch die Stadtränder betrifft. Die Situation ist ähnlich wie bei den Hausärzten auf dem Land, die auch keine Nachfolger finden. Unzureichende wirtschaftliche Bedingungen und Perspektiven sowie die zunehmende Konkurrenz durch den Online-Handel erschweren den Betrieb, so Eickmann weiter.

Zu viel Bürokratie und Vorgaben

Zwar gebe es für alte Apotheken Bestandsschutz, aber Barrierefreiheit mit Automatiktüren, spezielle Abzugssysteme und bestimmte Quadratmeterzahlen für Rezeptur oder Labor sind Pflicht. Dafür wolle sich der Nachwuchs immer weniger verschulden, heißt es seitens der Landesapothekerkammer weiter. Je ländlicher, desto schwieriger sei es auch, qualifiziertes Personal zu bekommen. Immerhin will das Bundesgesundheitsministerium mit einem neuen Gesetz die „Vor-Ort-Apotheken“ gegenüber dem Online-Handel stärken. Danach sollen überall die gleichen Preise gelten. Dem muss der Bundesrat noch zustimmen.

Rezepte im Briefkasten

In Kraichtal-Gochsheim kann man seit einem knappen Jahr besichtigen, wie auf dem Land trotzdem die Versorgung mit Medikamenten funktioniert: Seit dem 1. Oktober hängt dort nach dem Aus der Stadt-Apotheke ein Briefkasten als „Rezeptsammelstelle“ in der Hauptstraße 131. Drei Apotheken aus den umliegenden Stadtteilen oder Gemeinden wechseln sich mit der Versorgung ab und beliefern die Patienten noch am selben Tag. Ein System, das nach Auskunft von Bürgermeister Ulrich Hintermayer funktioniert. „Täglich zwei bis fünf Rezepte liegen im Briefkasten“, erzählt Carola Oberst, die im Mai die Markgrafen-Apotheke in Münzesheim übernommen hat.

Einkaufszentrum bringt Kundschaft

Die Apothekerin aus Ubstadt-Weiher kennt das Nachwuchsproblem auf dem Land: „Ich konnte mich zwischen zehn Angeboten entscheiden.“ Ohne einen Arzt vor Ort und einem Einkaufszentrum wie in Münzesheim als Frequenzbringer können Apotheken heute nicht überleben.
Auf eine Briefkasten-Lösung für Zeutern hoffte auch Bürgermeister Tony Löffler. Nach Vorgaben des Landesapothekerverbands muss die nächste Apotheke aber mehr als sechs Kilometer entfernt sein, damit eine Rezeptsammelstelle eingerichtet werden kann. Und das ist in Zeutern nicht der Fall. Für immobile Patienten soll es aber trotzdem eine Lösung geben.