Debüt in Bayreuth: Der Bruchsaler Bariton Martin Gantner glänzte im Sommer in der Rolle des Beckmessers in Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Hier im Bühnenbild der Oper.
Debüt in Bayreuth: Der Bruchsaler Bariton Martin Gantner glänzte im Sommer in der Rolle des Beckmessers in Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Hier im Bühnenbild der Oper. | Foto: pr

„Meistersinger“ im Gespräch

Opernsänger Martin Gantner und sein Weg von Bruchsal nach Bayreuth

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„Es ist wie Schwimmen im Meer. Die Zeit auf der Bühne scheint endlos.“ So beschreibt Bariton Martin Gantner (54) seine Arbeit – die freilich doch viel mehr ist als nur ein Job. Der Bruchsaler ist von den 52 Wochen im Jahr zwar nur wenige zu Hause, dennoch bezeichnet er Bruchsal als seinen Lebensmittelpunkt. Gantner ist im wahrsten Wortsinn ein „Meistersinger“, ein gefragter Opernsänger, der auf nahezu allen Bühnen der wichtigsten Opernhäuser dieser Welt stand und der trotzdem – oder gerade deswegen – Anteil an den Ereignissen seiner Heimat, insbesondere an den kulturellen nimmt.

Gefeiertes Bühnendebüt in Bayreuth

Gerade war er eine Woche zu Hause, kehrte aus Hamburg zurück, wo er unter Kent Nagano den Musiklehrer in „Ariadne auf Naxos“ sang. Sein Bühnendebüt in Bayreuth als Beckmesser in Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Sommer sorgte ebenfalls für Schlagzeilen – zumal der Bruchsaler erst einen Tag zuvor „alarmiert“ wurde, um für einen erkrankten Kollegen einzuspringen.

Du singst sehr laut, aber nicht sehr schön

Doch von vorne: Das Schönborn-Gymnasium und Musiklehrer Claus Holz haben sicher ihren Anteil an dieser Bruchsaler Ausnahme-Karriere. Theater-AG, Schulchor – „ich wollte immer was mit Musik machen“, erinnert sich Gantner. „Mit großer Begeisterung und wenig Erfolg habe ich Klavier gespielt.“

Der Wille zum Singen war bei Martin Gantner immer da

Beim Vorsingen für den Schulchor hieß es von dem Jungen, der mittlerweile mit vielen Stars der Opernwelt auf einer Bühne stand: „Du singst sehr laut, aber nicht sehr schön.“ Der Wille zum Singen aber war da. Und offenbar auch das Talent. Es folgte Gesangsunterricht an der hiesigen Musikschule und bei einer Professorin in Karlsruhe. „Ich habe damals nie dran gedacht, das beruflich zu machen.“

Chorsingen war für den Opernsänger in Ausbildung verboten

Erst als er einen von nur zwei Plätzen an der Musikhochschule in Karlsruhe bekam, muss es ihm langsam gedämmert haben. „Innerhalb eines halben Jahres habe ich dort meine Stimme entdeckt, weil ich konsequent unterrichtet wurde. Dank besserer Technik konnte ich plötzlich eine Quinte höher singen. In dieser Zeit wurde mir das Chorsingen verboten. Viele technische Übungen und Tonleitern waren angesagt.“ Klaus-Dieter Kern habe ihm das Singen so beigebracht, wie der Bariton aus Bruchsal es heute noch praktiziert.

Martin Gantner ist in aller Welt unterwegs. 59 Tage hat er im vergangenen Jahr im eigenen Bett geschlafen. | Foto: pr

Martin Gantner: plötzlich in der „Champions League“

Danach ging alles sehr schnell: Nachdem Gantner 1988 einen Gesangswettbewerb gewonnen hatte, war der Brusler Bub plötzlich ein gefragtes Talent am Opernhimmel. An der Deutschen Oper in Berlin fand er sich von heute auf morgen in der „Champions League“ wieder. Peter Seiffert, Lucia Popp, René Kollo oder Plácido Domingo teilten sich mit dem jungen Gantner die Bühne.

München, Zürich, Berlin, Los Angeles, die Metropolitan Opera in New York, zuletzt Bayreuth und dazwischen immer wieder Bruchsal: „Manchmal fühle ich mich wie in zwei Leben. Aber hier in Bruchsal fühle ich mich zu Hause“, sagt der Familienvater, der auch ab und an auf dem Golfplatz gesichtet wird. „Das ist ideal zum Abschalten.“

Gantner: Gesellschaft hat Berührungsängste

Die Welt der Klassik komme ihm schon manchmal wie eine verkapselte Blase vor. Andererseits sieht er auch „wahnsinnige Berührungsängste“ der Gesellschaft gegenüber Klassik-Welt und Oper, insbesondere gegenüber Wagner. „Das ist deutsche Kultur. Das ist unser größter deutscher Opernkomponist“, so der Wagner-Bariton.

Nur ein Tag Probe für Bayreuth

Für ihn war Bayreuth ein Riesenerfolg: Wenngleich extrem kurzfristig eingesprungen – ein Tag Proben plus Kostümprobe – konnte er in der Rolle des Beckmesser glänzen. „Das Gemeinschaftserlebnis auf der Bühne, das Gefühl, zusammen etwas geschaffen zu haben“, das ist, was Gantner bis heute an seinem Beruf fasziniert. Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ führt ihn als nächstes an die Dresdner Semperoper. „Tristan und Isolde“ warten auf Gantner an der Deutschen Oper in Berlin, Wagners „Lohengrin“ in München. Alles noch vor Weihnachten.

59 Nächte im eigenen Bett

„Im vergangenen Jahr habe ich 59 Nächte im eigenen Bett geschlafen.“ Von seiner Heimatstadt ist er überzeugt: „Bruchsal verkauft sich unter Wert. Das hiesige Kulturprogramm könnte ambitionierter sein.“ Was nicht ist, kann ja noch werden. Zwei wichtige Auftrittsorte fehlen Gantner schließlich derzeit noch: Im nahen Baden-Badener Festspielhaus hat er noch nie gesungen, schon lange ist es her, dass er auf den öffentlichen Bruchsaler Bühnen stand. Zu hören ist Gantner freilich immer mal wieder bei Benefizabenden im hiesigen Golfclub-Restaurant.