Giftige Weichmacher im Kindergarten Heidelsheim. Das war ein Schreckmoment, als Schadstoffmessungen erhöhte PCB-Werte ergaben. Der Kindergartenträger reagierte zügig.
Giftige Weichmacher im Kindergarten Heidelsheim. Das war ein Schreckmoment, als Schadstoffmessungen erhöhte PCB-Werte ergaben. Der Kindergartenträger reagierte zügig. | Foto: Thienes

PCB in Bruchsaler Kindergarten

PCB in der Löwengruppe

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Schreckmoment im Kindergarten „Der gute Hirte“: Da das alte Gebäude in Heidelsheim durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt werden soll, fanden Mitte April Schadstoffmessungen vor dem Abriss statt. Diese ergaben teilweise erhöhte PCB-Werte, wie erst später bekannt wurde. Die giftigen Weichmacher, ausgeschrieben Polychlorierte Biphenyle, sitzen in Wandfugen-Massen und Türzargen und belasteten im Kindergarten an manchen Stellen die Raumluft.

Das ergaben Messungen des Karlsruher Ingenieurbüros Roth und Partner am 18. April: Mit 2.290 ng/m3 (Nanogramm je Kubikmeter Luft) wurde im Aufenthaltsraum der Löwengruppe der „langfristig tolerable Wert“ von 300 ng/m3 nach PCB-Richtlinie „um ein Vielfaches“ überschritten, aber noch deutlich unter dem Wert von  mehr als 3.000 ng/m³, der als gesundheitsgefährdend einzustufenden ist. In der Intensivbetreuungsgruppe ergab das Gutachten 498 ng/m3, lag also geringer über den 300, so teilten Ingenieure der Stadt Bruchsal mit.

Unerwartet und unerfreulich

Die Stadt Bruchsal trägt zur Finanzierung des Kindergartenneubaus bei. Eigentümer des Gebäudes und Träger des Kindergartens ist die Evangelische Kirchengemeinde Heidelsheim. Pfarrer Jörg Muhm erfuhr am 30. April von den Belastungen. Er sagt, er führte am selben Tag Gespräche mit der Stadt Bruchsal und dem Bauamt der Badischen Landeskirche. Auch schrieb der Pfarrer die Eltern am 2. Mai unter Angabe der Werte „sofort nach dem Feiertag“ an und informierte über das „unerwartete und unerfreuliche Ergebnis“. Nach den Elternreaktionen gefragt, sagt er, ihm sei nichts Gravierendes zu Ohren gekommen, auch nicht, als er bei der Kindergartenleitung nachfragte.

PCB setzt sich im Hausstaub ab

Das städtische Bauamt veranlasste in Absprache mit der Kirchengemeinde am Feiertag, 1. Mai, eine Grundreinigung, wie sie vom Ingenieurbüro empfohlen wurde und ließ auch häufig und intensiv lüften. Vor allem horizontale Schrank- oder Regalflächen und solche, die nicht bei jedem üblichen Putzgang erfasst würden, wie hinter Schränken etwa, wurden feucht gewischt. PCB setze sich im Hausstaub ab. Vor allem wurden die Fugen in den betroffenen Räumen mit sogenanntem diffusionsdichten Klebeband verschlossen.

Der Kindergarten Heidelsheim (hier der Eingangsbereich) soll durch einen Neubau ersetzt werden, darum fanden vor Abbruch des alten Schadstoffmessungen statt.
Der Kindergarten Heidelsheim (hier der Eingangsbereich) soll durch einen Neubau ersetzt werden, darum fanden vor Abbruch des alten Schadstoffmessungen statt. | Foto: Thienes

Eine anschließende Kontrollmessung ergab Werte, die sämtlich unter 300 Nanogramm je Kubikmeter Luft blieben. „Das heißt, wir können gesundheitsgefährdende Risiken ausschließen“, so gab die Kirchengemeinde schriftliche Entwarnung an die Eltern heraus.

Gefährdungen ausgeschlossen

Dennoch seien die Reinigungskräfte gehalten, erläutert der Pfarrer, mit der gründlichen Version ihrer Putzaufgaben fortzufahren – „bis zur Interimslösung.“ Denn derzeit werde zwar das Baugesuch für den Neubau des Kindergartens eingereicht, doch der Abriss des alten lasse noch etwas auf sich warten. Es gelte also, die Zeit bis zum Abbruch in ein paar Monaten zu überbrücken.

Muhm ist selbst Vater von vier Kindern, und darum froh, dass auf diesem Weg mögliche Gefährdungen der Mädchen und Jungen ausgeschlossen werden konnten. Mit immerhin 7 000 Euro schlug die Grundreinigung, auch wegen Feiertagszuschlags, zu Buche.

Containerlösung bis Neubaubezug

Vom Abriss bis zum Neubau-Bezug werden die Kindergruppen in Container umgesiedelt. Start zum Neubau sei für Sommer 2020 geplant. Voraussichtliche Fertigstellung ist laut Stadt im Frühjahr 2022.

Erst vor wenigen Tagen hatte der Medizin-Professor Thomas Kraus am KIT im BNN-Interview, kritisiert, dass Gebäude aus den 1960er Jahren oft mit PCB belastet seien, was dann besonders kritisch sei, wenn sich darin Kinder aufhielten. Auch würden solche Gebäude zu selten systematisch auf PCB untersucht, meist nur bei anstehender Sanierung.
In Bruchsal finden Schadstoffmessungen im Vorfeld großer Sanierungen stets statt, ansonsten beim Auftreten von Verdachtsmomenten.

PCB:
Sie sind weltweit verboten: Polychlorierte Biphenyle, kurz PCB. Sie gelten als krebsauslösend und können unter anderem ungeborenes Leben oder auch die Haut schädigen. Neben dem Fungizid Hexachlorbenzol, einigen Insektiziden, wie dem medial bekannt gewordenen DDT (Dichlordiphyltrichlorethan) zählen PCB zum sogenannten „Dreckigen Dutzend“ organischer Giftstoffe, die seit dem „Stockholmer Übereinkommen“ 2001 untersagt wurden. Bis in die 1980er Jahre wurden PCB beispielsweise in Kondensatoren, Transformatoren oder in Hydraulikanlagen sowie als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen oder Kunststoffen verwendet.