Hunderte Schaulustige haben sich bereits am frühen Morgen vor Ort eingefunden, um den besten Blick zu erhaschen. Hier vor den Toren Philippsburgs auf einem Lärmschutzhügel. | Foto: Rebel

Warten nach dem ersten Warnton

Trotz Geheimhaltung: Viele Schaulustige verabschieden Philippsburger Kühltürme

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Thermoskanne, Fernglas, Daunenjacke, Stirnlampe und vor allem das Handy: So ausgestattet hatten sich ab etwa vier Uhr Hunderte Schaulustige rund um Philippsburg eingefunden, um dem eigentlich geheimen Spektakel beizuwohnen, der Sprengung der Kühltürme am Donnerstagmorgen. Und die frierenden Wartenden wurden nicht enttäuscht. 

Applaus und Jubelschreie

Um 5.26 Uhr das erste Signal, jetzt geht es los, es kommt Bewegung in die Reihen. Doch die Sprengmeister machen es spannend. Das zweite Signal, das der Wind bis zu den Wartenden am Philippsburger Neubaugebiet weht, kommt um 5.29 Uhr.

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Danach soll es aber nochmal eine halbe Stunde dauern, bis die Türme wirklich fallen. Um 6.07 brandet Applaus auf, Jubelschreie, die Türme sind planmäßig gefallen, die Menschen freuen sich. Der 35-jährige Dominik Gaß war mit Freunden schon um kurz nach 5 Uhr vor Ort. Woher er die mögliche Uhrzeit wusste? „Das hat man so gehört“, sagt er grinsend. „Es wäre doch schade, wenn man so etwas nicht miterlebt“, erklärt der Rheinsheimer sichtlich zufrieden.

Als nach den ersten Signalen nichts passiert war, dachten er und seine Freunde schon, dass etwas schiefgegangen sei.

Sprengung kurzfristig abgeblasen?

Tatsächlich wird nach den ersten Signalen unter den etwa 100 Menschen, die sich auf dem kleinen Radweg am Ortsrand versammelt haben, spekuliert: Wurde die Sprengung doch kurzfristig abgeblasen? Hat sich womöglich ein Aktivist durch die Absperrung gestohlen?

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Nein, es lief alles nach Plan. Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei: „Freie Sicht in die Pfalz“, kommentierte eine Frau das Ergebnis.  „Wie die Türme des World Trade Centers“ entfuhr es einem anderen Zuschauer aufgeregt.

Jetzt findet man nicht mehr heim

Junge Philippsburgerin über das Aus der markanten Landmarken 

Claudio Rossu, 33 und Sarah Mohr, 27, haben die Sprengung ebenfalls im Bild festgehalten. „Heftig, spektakulär“, fanden sie das Ereignis. Die Beleuchtung war perfekt, so Rossu, der ein riesiges Teleobjektiv auf seine Kamera geschraubt hatte. „Meine Knie haben gezittert“, beschreibt Sarah Mohr aus Philippsburg ihre Gefühlslage kurz danach. Die Gruppe junger Leute war technisch gut ausgestattet, hatte gar eine eigene Drohne gestartet. Doch zwei Polizeibeamten hätten dem Spuk schnell ein Ende gesetzt. Ohne Erlaubnis, kein Drohnenflug, berichteten sie. Tatsächlich: Pünktlich zur Sprengung war die Drohne vom Himmel verschwunden. Die Polizei hingegen sagt: „Wir haben einige Drohnenführer auf die Abstandsregeln hingewiesen, mussten aber niemanden auffordern, die Drohne zu landen.“ Und auch die Corona-Regeln hatten die Polizeibeamten im Blick. „Gehören Sie zusammen? Nein? Dann bitte mehr Abstand halten.“

Die Philippsburgerin Sarah Mohr ist mit den Türmen aufgewachsen, kennt ihre Heimatstadt Philippsburg nicht ohne die Landmarken. „Jetzt findet man nicht mehr heim“, mutmaßt die Gruppe junger Leute noch, bevor sie sich gegen halb sieben Uhr aufmacht Richtung Arbeitsplatz.

Viele Philippsburger sind traurig

Brigitte Kafka muss schlucken: „Die Türme gehörten einfach zu uns“. Sie ist auch früh aufgestanden, aber nicht um sich von den Türmen zu verabschieden, sondern weil sie um 5 Uhr schon im Bäckerladen bei Köhlers Landbäckerei steht und Brötchen verkauft. Wenn sie über ihre Theke schaut, sieht sie in der Dunkelheit noch einen Schimmer der roten Lichter am oberen Rand der Türme. Sie hat ihn an diesem Donnerstag zum letzten Mal gesehen. „Es tut mir richtig leid um diese Türme“, sagt sie, während sie den nächsten Cappucino aufbrüht. „Ich bin mit ihnen groß geworden. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter.“

Nur kurz hatte sie Gelegenheit, sich die neue Lücke im Philippsburger Straßenbild anzuschauen, in der Flucht Richtung Rote-Tor-Straße. „Hier sind heute morgen schon Hunderte Autos vorbeigefahren.“ Zig Schaulustige sind früh aufgestanden, um sich auch im Philippsburger Stadtgebiet den Fall anzusehen. Wie Brigitte Kafka geht es vielen Philippsburgern, die sich einfach über die Jahrzehnte an den Anblick gewöhnt hatten. Ob Befürworter der Atomkraft oder Gegner – die Türme waren eine Landmarke, die man von weitem gesehen hat. Damit ist nun Schluss. Der Bau des Konverters kann starten.

Polizei überwacht Corona-Abstände

Die Polizei zieht eine positive Bilanz, sie spricht von Hunderten Zuschauern und einem geordneten Verlauf. Die Zuschauer haben sich an einer Hand voll Orten, etwa auf einer Brücke, am Bauhof oder beim Neubaugebiet Richtung Wiesental eingefunden. Die Beamten hätten mehrfach Menschen auf die Corona-Abstands-Regeln hingewiesen, sonst blieb aber alles ruhig. Bereits gegen sieben Uhr sah man einige Mannschaftstransportwagen wieder auf dem Heimweg. Um 7.45 Uhr war der Polizeieinsatz offiziell beendet. Die Kontrollstellen konnten aufgehoben werden. Der Nach-Spreng-Tourismus hin zum Atomkraftwerk hält sich wohl in Grenzen.

Zwischenfall am Vorabend

Am Vorabend habe es aber wohl noch einen Zwischenfall gegeben. Aktivisten hätten von der Pfälzer Rheinseite einen Slogan an die noch stehenden Türme projiziert. Es handele sich um Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace, die sich im Yachthafen von Mechtersheim eingefunden hatten. Per Beamer haben sie den Slogan: „Platz schaffen für die Energiewende. Kein Geld für Gestern“ an die Türme gestrahlt. Die Wasserschutzpolizei hat einen Platzverweis erteilt, weil die Aktivisten sich auf bereits abgesperrtem Gebiet befunden haben.