Am Diakonissen-Krankenhaus Karlsruhe ist der Oberarzt und Laborleiter. Für Karlsruhe und die Region ist er Leitender Notarzt und für den ASB in Baden-Württemberg Landesarzt: Christoph Nießner nimmt mit vielen Kompetenzen und Ehrenämtern seine Berufung als Arzt wahr. | Foto: lie

Der Arzt Christoph Nießner

Rund um die Uhr Generalist

„Es gibt schon noch Einsätze, die treiben einem Tränen in die Augen. Auch wenn ich schon lange im Rettungswesen tätig bin und dadurch herangeführt wurde an die Begegnung mit Tod und Elend“, sagt der Mediziner Christoph Nießner. Er ist für den ASB – Arbeiter Samariter Bund – als Notarzt im Einsatz – zusätzlich zu zwei sich abwechselnden Hauptberufen im Diakonissen-Krankenhaus Karlsruhe. Er eilt mit anderen Rettern zu Bränden wie kürzlich in einem Altenheim von Oberderdingen, schiebt Bereitschaft in Nächten sowie an Wochenenden. Und macht sich zudem Gedanken, wie bei Großveranstaltungen oder potenziellen Katastrophen bestmöglicher Schutz zu organisieren ist.

Seit Tag scheint mehr als 24 Stunden zu haben

Denn Nießner ist Leitender Notarzt für Karlsruhe und die Region: „Dabei gehöre ich als Sprecher einem Führungsgremium mit neun Kollegen an, die in engem Kontakt mit Feuerwehren und anderen Verbänden Einsätze lenken. Außerdem machen wir die Planungen für alles, was auf uns zukommen kann.“ Weil der 49-jährige Karlsruher zudem als Landesarzt des ASB Baden-Württemberg seinen Verband in allen Gesundheitsfragen berät, dem ASB Karlsruhe ehrenamtlich vorsteht und seine wöchentlich wechselnden Jobs als Narkose-Oberarzt und Laborleiter zu bewältigen hat, fragt man sich: Hat der Tag für den Mann mit der roten Brille mehr als 24 Stunden? Morgens um 5.30 Uhr aufstehen, ist schon einmal eine gute Grundlage für sein umfassendes Engagement. Es wäre nicht möglich, ohne die volle Unterstützung seiner Frau und der nun erwachsenen Kinder. „Sie kamen zur Welt, als ich noch studierte.“

Viele Aufgaben – eine Berufung

Die vielen Berufe sind für den Arzt Nießner eine weitgefasste Berufung, für andere tätig zu sein: „Als ich fertig studiert hatte, gab es eine Ärzteschwemme. Ich dachte mir, es kann nicht schaden, noch mehr Qualifikationen zu haben. So wurde ich auch Facharzt für Transfusionsmedizin und Labordiagnostik. Und mit dem Rettungswesen des ASB war ich schon ganz früh verbunden.“ Der Arzt fand immer mehr Gefallen daran, mit einzelnen Kompetenzen ausgestattet zu sein und guten Gewissens als Generalist mitreden zu können.

Hobby beim Lichtbund

Gut vorbereitete Akutmedizin bei Patienten im Krankenhaus, die schnellen Entscheidungen im Notfall und die ganzheitliche Betreuung von Menschen in Pflegeheimen beschäftigen Nießners Hirn und Herz gleichermaßen. „Diese Vielfalt, ist heute vielleicht nicht mehr typisch, aber für mich genau richtig.“ Nießner fühlt sich angesichts vieler Ämter und Aufgaben als Dirigent „und manchmal auch als Dompteur“, meint er schmunzelnd. Zeit für ein Hobby gönnt er sich auch noch: Er spielt Indiaca beim FKK-Familiensportverein Lichtbund.

 

In Karlsruhe-Weiherfeld ist der 1968 geborene Christoph Nießner aufgewachsen. Am Max-Planck-Gymnasium machte er 1989 Abitur. Er engagierte sich beim ASB, absolvierte den Zivildienst und studierte Medizin in Heidelberg und Freiburg. Nießner arbeitet als Anästhesist und Oberarzt sowie Laborleiter am Diakonissen-Krankenhaus Karlsruhe. Außerdem ist er leitender Notarzt in der Region. Beim ASB hat er Ehrenämter als Landesarzt und Regionalvorsitzender. Nießner stellt Aspekte der ASB-Arbeit am Samstag, 16. Juni, beim Aktivtag Ehrenamt, um 13 Uhr auf dem Karlsruher Friedrichsplatz vor.

 

ASB-Landesarzt kritisiert Abschaffung des Zivildienstes

Nottand, Alarm, Katastrophe: Schnell fallen in öffentlichen Diskussionen diese Begriffe, wenn es um die Situation der Kranken- und Altenpflege in Deutschland geht. Beim Blick auf die Defizite wird leider schnell vergessen, was die rund eine Million Beschäftigten in der Gesundheits- und Krankenpflege (inklusive Rettungswesen und Geburtshilfe) täglich leisten. Oder die 500 000 Frauen plus 90 000 Männer in der Altenpflege. (Die Zahlen sind von 2016.)  Aktuell wird diskutiert, dass offiziell 23 000 Stellen in der Altenpflege unbesetzt sind. In der Krankenpflege fehlen 12 000 Fachkräfte und Helfer. Experten gehen allerdings von einem noch höheren Bedarf aus. Die Bezahlung in den Branchen gilt als viel zu niedrig; 14 bis 16 Euro Brutto pro Stunde macht die Berufe weniger attraktiv. Bei allen Klagen wird aber schnell vergessen, dass ein politisches Eigentor mitverantwortlich ist für den „Notstand“: „Die Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes war ein schwerer Schlag für unsere Branchen. Durch den Bundesfreiwilligen-Dienst oder das Freiwillige Soziale Jahr kann das nie ausgeglichen werden“, sagt Christoph Nießner vom ASB.
Dieser nicht konfessionelle Wohlfahrtsverband, der 1888 aus der Arbeiter-Bewegung entstand, und als Anbieter im Krankentransport bekannt ist, betreibt auch zahlreiche Pflegeheime. Und baut weitere, auch in der Region.

Aus anderen Berufen in die Altenpflege

„Der Zivildienst hat Menschen mit unserer Branche bekannt gemacht und für Nachwuchs gesorgt“, weiß Nießner. Prinzipiell fände er es erzieherisch immer noch wertvoll, junge Leute während eines Pflichtjahrs im Dienst der Gesellschaft einzubinden. Nicht verstehen kann Nießner zudem das beständige Jammern über die Kosten im Gesundheitswesen. „Natürlich steigen die. Aber mit unserer Wirtschaftsleistung.“ Seit die Bundesrepublik Deutschland bestehe, seien immer rund zehn Prozent des Bruttosozialprodukts für Gesundheit und Altenpflege ausgegeben worden. Welche Möglichkeiten sieht der ehrenamtliche ASB-Regionalvorsitzende, um Menschen für die Arbeit in Heimen zu gewinnen? „Wir sollten den Umstieg erleichtern, wenn jemand mitten im Leben steht und aus anderen Berufen kommt. Dann sollte eine kürzere Ausbildung möglich bleiben. In der Pflege können Menschen Erfüllung finden, die keine Alpha-Tiere sind und sein wollen. Allerdings sollten die Beschäftigen mehr Entscheidungsfreiheiten haben. Durch gesetzliche Regelungsflut wird vieles umständlich.“ Kann man auf Flüchtlinge als Pflegekräfte setzen? „In Einzelfällen bestimmt oder nach guter Integration. Selbst mit Beschäftigten aus Ungarn oder Spanien war es schon schwer, die kulturellen Unterschiede zu bewältigen.“