Die Umweltministerin Angela Merkel empfing Kraftwerkschef Günter Langetepe 1997 in Philippsburg.
Die Umweltministerin Angela Merkel empfing Kraftwerkschef Günter Langetepe 1997 in Philippsburg. | Foto: pr

„Der Beton floss pausenlos“

So war der Bau des Atomkraftwerks in Philippsburg

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Der Name Günter Langetepe ist wie kaum ein anderer mit Atomenergie „made in Philippsburg“ verbunden. Von 1976 bis 2000 war Langetepe mit dabei, als am Rheinufer der alten Garnisonstadt eine der wirkungsvollsten Strommaschinen der Welt erstellt wurde.

Maschinenbauer sind von Natur aus Tüftler und Bastler, der Mathematik zugeneigt und der Physik nicht abhold, wissenschaftlich veredelt zum logischen Denken in Projekten und Prozessen – und da bleibt oft wenig Platz für Gefühlswallungen.

Ob er denn jemals so etwas wie Stolz verspürt habe in seiner langen beruflichen Laufbahn? Günter Langetepe lächelt verlegen, blättert lieber noch eine Seite weiter im Fotoalbum. „Es war schon etwas recht Großes, als wir unser Ziel erreicht hatten“, sagt er und markiert damit das Äußerste der Gefühle. Viel lieber spricht er über Druckbehälter, Cäsium und Bor, meterdicke Betonwände.

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Von 1976 bis 2000 war Günter Langetepe mit dabei, als am Rheinufer der alten Garnisonstadt eine der wirkungsvollsten Strommaschinen der Welt erstellt wurde. Es begann auf einer grünen Wiese und erreichte 1996 einen Höhepunkt, der auf einer kleinen Medaille festgehalten ist. „Weltmeister in der Stromerzeugung mit 11,472 Milliarden Kilowattstunden.“

Zukunftsvision Kernenergie

Geboren in Fürstenau bei Osnabrück entschied sich Günter Langetepe zum Studium des Maschinenbaus in Braunschweig. Damals hörte er auch eine Vorlesung über Kernenergie und dachte sich: „Das wird die Zukunft sein“. Siemens holte den jungen Maschinenbauer nach Erlangen und beschäftigte ihn im Reaktorbau. Schnell wurde der Siemens-Kunde Badenwerk auf den jungen Ingenieur aufmerksam und machte ihn zum Projektleiter für den Bau eines Kernkraftwerks in Wyhl.

Die Pläne scheiterten krachend am Protest vor Ort, doch der mittlerweile bereits vierfache Vater fand in Diensten des badischen Stromerzeugers eine andere Aufgabe: Ab 1976 plante er Block 2 im Kraftwerk Philippsburg, später wurde er Leiter der beiden Atommeiler und Mitglied der Geschäftsführung.

Als Günter Langetepe zum ersten Mal nach Philippsburg kam, gähnten viele Löcher in der Erde. Erdarbeiten hier. Lastwagen dort. Block 1 war bereits im Bau. „Zuerst hatten wir unseren Schreibtisch in der Alten Schule von Philippsburg“, erinnert er sich, dann siedelte das rund 30-köpfige Planungsteam um in ein Bürogebäude in der Nähe des Karlsruher Hofguts Scheibenhardt. „Von da fuhren wir mindestens einmal die Woche zu der Baustelle.“

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3.000 Menschen auf der Baustelle

Dort wuchsen die Kühltürme Meter um Meter in den Himmel. Beton wurde vor Ort hergestellt und musste für die sicherheitsrelevanten Teile am Stück gegossen werden – ohne Naht und Fuge, Tag und Nacht, pausenlos. Bis zu 400 Tonnen schwere Einzelteile wurden mit bis zu zwölfachsigen Spezialgefährten herbeigeschafft und wurden regelrecht eingemauert. „Bis zu 3.000 Menschen waren in Spitzenzeiten auf der Baustelle,“ berichtet Langetepe von einer Zeit intensiven Arbeitens, bei der auch wenig Zeit blieb für die eigene Familie.

Und wann kehrte richtige Erleichterung ein? Freude gar über die eigene Arbeit? „Der 13. Dezember 1984 war so ein Tag“, sagt der Kraftwerkschef nach einigem Nachdenken. „Erste Kritikalität 15:06“ ist im Fotoalbum vermerkt – zum ersten Mal also war die Kettenreaktion der Atomspaltung in Gang gekommen. Wenige Tage später speiste Philippsburgs Block 2 Strom ins badische Leitungsnetz.

Die landespolitische Prominenz um den Ministerpräsidenten Lothar Späth kam zur Rheinschanzinsel, als Monate später der Meiler ganz offiziell in Dienst gestellt wurde. Ein paar Jahre später machte auch die damalige Umweltministerin eine Stippvisite in Block 2 – damals zierte Günter Langetepe an der Seite von Angela Merkel die Titelseite der BNN.

„Angst oder Unsicherheit“ gab es nie

Von 1990 an war Günter Langetepe zehn Jahre als Leiter der beiden Philippsburger Blöcke für den Gesamtbetrieb verantwortlich – ohne dass er das bei umfangreichen Lehrgängen in Essen erlernte Krisenmanagement je hätte einsetzen müssen. Im Jahr 2000 wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

Dass „meldepflichtige Ereignisse“ erst nach seinem Ausscheiden anfielen, mag den Ruheständler heute mit einer gewissen Genugtuung erfüllen. „Angst oder Unsicherheit“ über den Betrieb des Reaktors habe ihn nie erfüllt.

Und wie ging er mit den Kritikern um, mit den Debatten über die Kernenergie, die auch immer wieder zu handfesten Krawallen vor den Toren des Werks führten? „Ich kann die Sorgen der Menschen verstehen. Aber wir sollten auch sehen, dass weltweit 450 Kraftwerke in Betrieb sind und derzeit etwa 50 neue Anlagen errichtet werden“, sagt Langetepe und verweist auf die Fachwelt, die den derzeitigen deutschen Anlagen das „weltweit höchste Sicherheitsniveau“ zurechnet.

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Seit Fukushima hat sich etwas verändert

Doch spätestens seit dem Fukushima-Unglück haben sich die Koordinaten verschoben. Das weiß auch Günter Langetepe, der noch immer interessiert die Fachjournale liest und die Debatte um die Energiewende verfolgt. Gerade vor dem Hintergrund der Klimaveränderungen hätte Philippsburg seiner Meinung nach eine große Rolle spielen können: „Die Anlage in Philippsburg hat gezeigt, dass sie die Unregelmäßigkeiten der Stromerzeugung durch Wind und Fotovoltaik flexibel und problemlos ausgleichen kann.“

Als Student setzte er darauf, dass die Kernenergie die Zukunft ist. Heute sehen das die Gesellschaft, die Politik und die Energieunternehmen anders. Daher wird Günter Langetepe nun mitverfolgen, wie all das verschwindet, was er selbst mitgeplant und errichtet hat. Die Kühltürme, die Meiler, die Betonfundamente. „Ja“, räumt er ein, „es stimmt mich schon etwas traurig.“

Alles rund um das Atomkraftwerk in Philippsburg gibt es im Dossier zum Thema.