Erinnerungsfetzen: Um Demenz geht’s im Jugendstück „Sonnenstrahl im Kopfsalat“ mit Yasmin Vanessa Münter (Sarah) und Frederik Kienle (Opa David). | Foto: BLB Ramm

Uraufführung in Bruchsal

Theaterstück über Demenz: Wenn Opa die Schlüssel ins Gemüsefach legt

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Mit Feingefühl und Humor nähert sich die Junge BLB mit der Uraufführung des Kinder- und Jugendstücks „Sonnenstrahl im Kopfsalat“ dem Thema Demenz. Davon sind immer mehr Menschen betroffen, auch Großeltern. Wie gehen die Enkel damit um, wenn Oma und Opa in ihrer eigenen Welt verschwinden?

So fängt es immer an: „Ruf die Polizei! Da ist ein fremder Mann im Badezimmer“, fordert Opa David aufgeregt. „Opa, das bist du“, wundert sich Enkeltochter Sarah. Wenn der geliebte Opa irgendwann dann im Pyjama in der Kälte steht oder den Autoschlüssel ins Gemüsefach legt, kommt das Enkelin Sarah schon komisch vor. Mit viel Feingefühl und Humor nähert sich die Junge BLB mit der Uraufführung von „Sonnenstrahl im Kopfsalat“ einem schwierigen Thema: Demenz. Premiere ist am Freitag, 31. Januar.

Immer mehr Demenzkranke

„Von Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz sind derzeit rund 1,7 Millionen Männer und Frauen in Deutschland betroffen“, meldet das Bundesministerium für Familie und Senioren – Tendenz steigend. Die Demenzerkrankung beginnt schleichend. Erst ist das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit gestört.

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Gedächtnislücken werden zunächst mit Merkzetteln überspielt. Später kommen Sprachstörungen, Stimmungsschwankungen und ein hartnäckiges Abstreiten von Fehlern, Irrtümern und Verwechslungen hinzu. Die Demenzkranken haben oft Enkelkinder, die lernen müssen, mit der Krankheit umzugehen, und hier setzt das Theaterstück von Holger Schober an.

Schwieriges Thema leicht behandelt

Schober ist bei der Jungen BLB kein Unbekannter. Für die BLB hat der Österreicher als Auftragswerk bereits das Klassenzimmerstück „Auschwitz meine Liebe“ geschrieben, das 2018 aufgeführt wurde. „Schober kann schwierige Themen auf leichte Weise behandeln“, sagt Joerg Bitterich, Leiter der Jungen BLB, und outet sich als Fan des preisgekrönten Schauspielers und Regisseurs. Um jungen Menschen ab zehn Jahren das Thema nahe zu bringen, hat Schober sich die beiden Figuren Arginin und Tyrosin ausgedacht. Die Bürgerstiftung Bruchsal hat sich am Autorenhonorar beteiligt.

Erinnerungen im Schredder

So leben zwei Aminosäuren, ebenfalls gespielt von Frederik Kienle und Yasmin Vanessa Münter, im Körper von David Meiner und sind für dessen Erinnerungen zuständig. Die landen nach und nach im Papierschredder.

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In der Inszenierung von Julia-Huda Nahas lösen sich die Auftritte der beiden Aminosäuren in langen roten und braunen Mänteln mit Szenen ab, die die Entwicklung eines Demenzkranken von der Fassungslosigkeit des ersten Erkennens bis zum völligen Vergessen zeigt. Kinder verstehen aber nicht, warum sich die geliebten Großeltern plötzlich so merkwürdig verhalten.

Opa verschwindet in seiner eigenen Welt

„Es ist wichtig, Kindern und Jugendlichen einen unbelasteten Zugang zum Thema zu ermöglichen und ihnen zu signalisieren, dass ihre Sorgen und Ängste wichtig und zulässig sind“, erklärt Nahas die Inszenierung. So schwankt Enkeltochter Sarah zwischen Hoffen, Kämpfen, Scheitern und Wut.

Ihre wichtigste Bezugsperson verschwindet nach und nach in eine Welt, die sie nicht versteht und in der sie nichts erzwingen kann. „So aussichtslos es auch erscheinen mag, sie ringen alle um einen menschenwürdigen Umgang, ein liebevolles Miteinander und nicht zuletzt darum, den Humor nicht zu verlieren“, sagt Julia-Huda Nahas.

Pflegeschüler erzählen aus dem Alltag

Autor Holger Schober hat für das Theaterstück im Vorfeld mit Altenpflegeschülern der Käthe-Kollwitz-Schule in Bruchsal gesprochen. Die erzählten bei den Besuchen 2019 aus ihrem Arbeitsalltag in der Pflege und vom Kontakt mit den Angehörigen. „Die Geschichten der Schüler waren manchmal abstrus und herzzerreißend“, erinnert sich Joerg Bitterich.

Teilweise seien sie in das Theaterstück eingeflossen. „Dabei haben wir gelernt, dass man bei dieser Krankheit nichts erzwingen kann und es notwendig ist, sich auf eine Situation einzulassen“, sagt Dramaturgin Petra Jenni. Auch in Nachgesprächen mit den Schauspielern habe man viel über das Krankheitsbild erfahren.

Man kann was tun, um die Krankheit aufzuhalten

So zeigen die beiden Figuren der Aminosäure den Kampf im Kopf um die Erinnerung und Persönlichkeit des Erkrankten. Bei der „Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg“ in Stuttgart erfuhren die Mitarbeiter der BLB aber auch, dass die Krankheit ein langsamer Prozess ist, in dem man einiges tun könne, um ihn aufzuhalten. Dies wollen sie mit der Inszenierung vermitteln.

Die Uraufführung ist am Freitag, 31. Januar, um 19.30 Uhr im Theater Treppab in Bruchsal. Im Anschluss gibt es ein Nachgespräch mit dem Autor. Die nächste Vorstellung ist am 23. Februar um 15 Uhr im Theater Treppab. Zudem gibt es Schulvorstellungen. Anmeldungen für Schulen sind möglich unter Telefon (0 72 51) 7 27 22 und per E-Mail an kbb@dieblb.de.